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Veröffentlicht: 24.03.2012, 06:00 Uhr

Akademisierung Linguistik in der Kita

Hebammen mit Bachelor- und Erzieherinnen mit Master-Titel: Einige Ausbildungsberufe werden akademisiert. Ob sich das später auch auszahlen wird, ist noch ungewiss.

von Eva Berendsen
© Peter von Tresckow

Nach dem Abitur wollte Luisa Küpper „etwas mit Menschen machen“, am liebsten im Gesundheitsbereich. Sie habe überlegt, Medizin zu studieren. „Das schien mir aber viel zu theorielastig“, sagt sie. Jetzt ist sie im dritten Semester an der Bochumer Hochschule für Gesundheit im Studiengang Pflege eingeschrieben, in zwei Jahren will sie ihr Studium mit einem Bachelor of Science abschließen.

Der akademische Titel liegt Luisa Küpper am Herzen, eine Ausbildung zur Pflegerin wäre für sie nicht in Frage gekommen. Auf ihrem Abiturzeugnis steht die Note 1,6. „Ich wollte mein Abi unbedingt nutzen“, sagt die 21-Jährige.

Hochschule statt Berufsschule

Auch andere „typische“ Ausbildungsberufe werden im Zuge ihrer Akademisierung für Abiturienten attraktiver: Einen Bachelor können jetzt angehende Erzieher, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Hebammen machen. Bislang ging der Nachwuchs im Gesundheitsbereich mit einem Haupt- oder Realschulabschluss an eine Berufsfachschule. Manche haben im Anschluss oder parallel noch einen Aufbaustudiengang absolviert und schmückten sich dann mit dem Bachelor-Titel.

Heute kann der Weg dahin auch von vornherein an einer Hochschule beschritten werden; „primärqualifizierend“ heißt das im Hochschuldeutsch. Mancherorts wird auch noch ein Master angeboten.

Entwicklungen im Beruf und Forschungsbedarf begegnen

Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Trend besonders auf den Berufsfeldern Gesundheit, Bildung und Erziehung zu beobachten ist. Personalmangel in den Kitas und Krankenhäusern, der demographische Wandel, alte und kranke Menschen allerorten - folgt man der seit Jahren schwelenden Debatte und glaubt man den Vorhersagen der Berufsvertreter, dann werden dort die Veränderungen besonders groß sein.

“Die Anforderungen an das pädagogische Personal werden künftig noch weiter ansteigen“, sagt Klaus Fröhlich-Gildhoff, der die Einführung eines der ersten Bachelor-Studiengänge für Erzieher „Pädagogik der Frühen Kindheit“ im Jahr 2004 an der Evangelischen Hochschule Freiburg begleitet hat. Eltern und Bildungspolitiker klagten und klagen über zu wenig und nicht ausreichend qualifiziertes Fachpersonal in den Krippen und Kindergärten.

Stärker als bislang müssten Erzieher die Kompetenz mitbringen, mit Eltern zusammenzuarbeiten und sich mit anderen Bildungszentren und Einrichtungen zu vernetzen. Außerdem habe die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schon 2004 darauf hingewiesen, dass in Deutschland kaum eigenständige Forschung auf dem Gebiet der Frühkindlichen Pädagogik stattfinde.

Studium und klassische Ausbildung sollen parallel bestehen

Mittlerweile gibt es nach einer Auflistung der vom Bundesbildungsministerium geförderten Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (Wiff) mehr als sechzig Bachelor- und Master-Studiengänge in Deutschland. Die angehenden Frühpädagogen lernten im Studium, eine „forschende Haltung“ in ihren Berufsalltag einzubringen, sagt Fröhlich-Gildhoff.

Beispiel Sprachförderung: Studierte Erzieher hätten Kenntnisse vom sprachwissenschaftlichen Hintergrund der Förderungsprogramme und linguistischen Strömungen. „Sie können dann besser entscheiden, welches Programm auf die jeweilige Einrichtung und auf das einzelne Kind passt“, erklärt der Pädagoge. Es gehe aber nicht darum, die Erzieher-Ausbildung nur noch über die Hochschulen laufen zu lassen - seiner Einschätzung nach sollten etwa 15 Prozent der Kräfte studiert haben.

Lobbyieren, probieren und dann evaluieren

So sehen es auch die Vertreter der Pflege und der anderen Medizinfachberufe. Die Fachverbände fordern seit Jahren eine Akademisierung ihrer Profession. In den meisten anderen Ländern sei ein Studium schon längst üblich; die Absolventen müssten auch außerhalb Deutschlands dieselben Berufsmöglichkeiten haben. So hat die Fachhochschule Osnabrück den ersten Bachelor-Studiengang in Deutschland, der Hebammen ausbildet, „Bachelor of Science in Midwifery“ getauft.

Obwohl die Krankenhäuser eine weitere Verteuerung der Pflege befürchten und die Gewerkschaften bangen, dass sich eine Zwei-Klassen-Belegschaft herausbildet, hat die Lobby einen Teilerfolg errungen: Im Jahr 2009 haben Bundestag und Bundesrat ein Gesetz verabschiedet, das eine Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten einführt. Die Berufsgruppen dürfen primärqualifizierende Studiengänge erproben, heißt es im Gesetz. 2015 werden sie evaluiert.

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