29.11.2006 · Die Zahl der Studienanfänger ist trotz der im internationalen Vergleich bereits niedrigen Studentenzahlen weiter gesunken. Gerade in technischen Fächern schlägt sich das nieder. Bildungsexperten sind aufgeschreckt.
Die Zahl der Studienanfänger geht zum dritten Mal in Folge zurück - obwohl es auch 2006 abermals mehr Abiturienten gab. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) machte dafür am Mittwoch verschärfte Zulassungsbeschränkungen in immer mehr Studiengängen verantwortlich. Dies sei Folge der unzureichenden Finanzausstattung der Hochschulen durch die Länder. Das Deutsche Studentenwerk (DSW) und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verwiesen zudem auf mögliche Abschreckungseffekte durch Studiengebühren. Auch sei das Studenten-Bafög seit 2002 nicht mehr erhöht worden.
Insgesamt nahmen in diesem Jahr rund 343.700 junge Menschen ein Studium auf. Das sind 3,5 Prozent weniger als im Vorjahr, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. An den Universitäten betrug der Rückgang knapp 5 Prozent, an den Fachhochschulen gut 1 Prozent. Unter den Erstimmatrikulierten waren 169.700 Frauen (49 Prozent). Auch in den beiden Jahren zuvor waren die Anfängerzahlen jeweils zwischen 6 und 3,5 Prozent zurückgegangen.
Der Anteil der jungen Menschen am Altersjahrgang, der in Deutschland ein Studium aufnimmt, ist damit in diesem Jahr noch einmal zurückgegangen, und zwar auf 35,5 Prozent (minus 1,5 Prozent). Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es dagegen, diese Quote auf 40 Prozent zu steigern. Im Jahr 2003 war sie bereits bei 38,9 Prozent. Im Schnitt der 30 wichtigsten OECD-Industrienationen nimmt inzwischen mehr als die Hälfte eines Jahrgangs eine Hochschulausbildung auf, in Schweden, Finnland und Polen sind es sogar mehr als 70 Prozent.
Zulassungsverfahren als Hürde
Die Anfängerzahl ist nach Angaben der HRK vor allem in jenen Ländern gesunken, in denen die Zahl der zulassungsfreien Studiengänge rückläufig ist. Dies gilt vor allem für Sachsen (minus 9,4 Prozent Anfänger), Bremen (minus 9,3), Nordrhein-Westfalen (minus 7,1), Baden-Württemberg (minus 5,4) und Niedersachsen (minus 7,5). In diesen Ländern gebe es um bis zu 39 Prozent weniger zulassungsfreie Studiengänge.
In Berlin (plus 8,2 Prozent Anfänger), Brandenburg (plus 0,6), Hamburg (plus 0,5) und Rheinland-Pfalz (plus 0,4), wo dagegen die Zahl der zulassungsfreien Studiengänge größer geworden sei, hätten sich auch mehr junge Menschen eingeschrieben, erklärte die HRK.
Weniger Anfänger bei den Technikern
Insgesamt gab es deutlich weniger Anfänger bei Elektrotechnik (minus 15,1 Prozent) und Maschinenbau/Verfahrenstechnik (minus 7,5), gefolgt von Bauingenieurwesen (minus 5,2) und Informatik (minus 5). Die Gesamtzahl der Studierenden in Deutschland ist mit rund 1,98 Millionen nahezu konstant geblieben. 71 Prozent der Studierenden besuchen eine Universität, 29 Prozent eine Fachhochschule.
HRK-Präsidentin Margret Wintermantel sagte: „Die Studienanfängerzahlen sinken, obwohl Deutschland mehr Akademiker braucht.“ Aus Geldmangel und wegen der Einführung der betreuungsintensiven neuen Bachelor- und Masterstudiengänge hätten die Hochschulen „aber immer häufiger keine andere Wahl, als die Zulassungen noch weiter zu beschränken“. Nur so könne die Qualität der Hochschulausbildung gewährleistet werden.
DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde sagte, der Rückgang bei den Anfängerzahlen müsse „allen Verantwortlichen in der Bildungspolitik zu denken geben“. Dazu gehöre die selbstkritische Frage, ob nicht mit Studiengebühren in sieben Bundesländern, Sparen beim Bafög und die Absenkung der Altersgrenze beim Kindergeld von 27 auf 25 Jahre „falsche Signale“ gesandt und die Rahmenbedingungen für eine Studienentscheidung verschlechtert worden sind.