26.03.2007 · Amerikas Spitzen-Unis nehmen bei der Zulassung von Studenten keine Rücksicht auf Papas Geldbeutel. Doch der Anteil betuchter Zöglinge wächst stark. Weniger reichen Kindern bleiben nur billige Universitäten.
Von Jürgen KaubeWer an einer der guten amerikanischen Universitäten studieren möchte, wird einem Begabungstest unterzogen. Erst danach stellt die Universität fest, ob die Bewerber in der Lage sind, die Studiengebühren voll zu bezahlen. Diese können sich, je nach Universität, auf mehr als 30.000 Dollar im Jahr belaufen. Und sie sind in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen; von 1980 bis 2004 etwa um 150 Prozent. Kann der Qualifizierte, können seine Eltern diesen Betrag nicht leisten, springen Stipendien und Kredite ein. Eine Universität etwa wie die von Cornell, Mitglied der sogenannten "Ivy League", der Efeu-Klasse hochrenommierter Privatuniversitäten des Nordostens, gibt auf diese Weise jährlich bis zu 40 Millionen Dollar zur Unterstützung begabter, aber schwach bemittelter Studenten aus.
So weit klingt das alles fair. Man nimmt es von den Reichen und gibt es den anderen, weil es bei Bildung und Wissenschaft am Ende ja um Leistung und nicht um Herkunft geht. Hört man amerikanische Diskussionen, so scheint das allerdings eher ein Ideal als die Wirklichkeit zu sein. In der kommenden Ausgabe der "New York Review of Books" etwa bespricht Andrew Delbanco, Professor für Englisch an der Columbia-Universität, eine Reihe von Streitschriften gegen die Illusion der Chancengleichheit an amerikanischen Universitäten. Nicht, dass Kinder aus betuchten Familien die besseren Chancen auf einen Studienplatz an Elitehochschulen haben, sei das Problem, so Delbanco - aber dass sich die Chancen der anderen in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert hätten. Nehme man beispielsweise die besten 150 Colleges, so fänden sich an ihnen nur 3 Prozent an Studenten, deren Eltern sich im unteren Viertel der amerikanischen Einkommensverteilung befinden (lesen Sie über neue Elite-Unis in Amerika: Kalamazoo statt Yale).
Princetons Vermögen: 12,7 Milliarden Dollar
Tatsächlich studieren in den Vereinigten Staaten größere Anteile eines Jahrganges als hierzulande. Das wird dem deutschen Bildungssystem oft vorgehalten. Was dabei nicht gesagt wird: Die allermeisten Studenten aus einkommensschwachen Familien studieren - und zwar vergleichsweise kurz - an einem sogenannten "Community College", weit entfernt von den Spitzenuniversitäten. Drei Viertel der Studenten an den ersten 150 Hochschulen hingegen kommen aus den 25 Prozent reichsten Familien. In Princeton etwa, so der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann in einem Überblicksartikel, stammten im Jahr 2001 acht Prozent der Studenten aus der einkommensschwächeren Hälfte der Bevölkerung. Nachdem, in Reaktion auf diese Zahl, der Darlehensanteil aus den Stipendien für Studenten herausgenommen wurde, sind es heute 14 Prozent. Dieses Entgegenkommen aber leisten sich bislang nur die reichsten Universitäten: Princeton verfügt bei etwa 7000 Studenten über ein Vermögen von etwa 12,7 Milliarden Dollar.
Selbst an den besten staatlichen Universitäten aber, die für Landeskinder nur vergleichsweise moderate Gebühren verlangen - 6500 Dollar -, hat sich, Hartmann zufolge, der Anteil der Kinder aus Haushalten mit einem Jahreseinkommen von mehr als 100.000 Dollar zwischen 1999 und 2003 von 39 auf 47 Prozent erhöht. Mit anderen Worten: Die Kinder aus einkommensschwachen Haushalten gehen immer öfter an billige Universitäten.
Studium impliziert Verschuldung
Woran liegt das? Die Stipendien, die 1993 gegenüber Darlehen noch 46 Prozent aller Unterstützungen für Schwachbemittelte ausmachten, waren zehn Jahre später auf 38 Prozent der Beihilfen zurückgegangen. Studium impliziert also Verschuldung, was ärmere Schichten abschreckt. 1999 betrug die durchschnittliche Gesamtverschuldung knapp 13.000 Dollar. Das klingt für amerikanische Verhältnisse nicht viel, schließt aber auch alle Studenten ein, die an billigen Community Colleges oder staatlichen Hochschulen studieren. Vier Jahre in der Efeu-Liga zu verbringen kann dagegen Außenstände im sechsstelligen Bereich bedeuten. Und ein Studium in Harvard, Yale oder Cornell kostet für Studenten armer Herkunft, also aus der Gruppe der zwanzig Prozent einkommensschwächsten Familien, nach Abzug aller Finanzhilfen noch immer etwa die Hälfte des Bruttoeinkommens ihrer Eltern.
Schaut man sich die Ergebnisse der "einkommensblinden" Zugangstests an, dann geht der hohe Anteil von Jugendlichen aus gutbetuchten Haushalten vor allem auf ihre besseren Leistungen zurück. Sie verdanken sich nicht nur bildungsnäheren Familien, sondern auch Privatschulen, die auf die universitären Aufnahmeprüfungen hin ausgerichtet sind und mit Zulassungsquoten bis zu 41 Prozent ihrer Absolventen werben. Zwei Prozent aller Schüler werden an solchen "Prep Schools" unterrichtet, aber jeder dritte Anfänger in Harvard und Yale kommt aus ihnen.
Und schließlich sind auch die Aufnahmequoten für Kinder Ehemaliger überdurchschnittlich. Universitäten wie Duke, Emory und Stanford ermuntern ganz offen Kinder vermögender Eltern, auch wenn sie es vom Test her nicht geschafft haben, sich zu bewerben. Andrew Delbanco erzählt dazu diese Anekdote: Was ihr Beitrag zum College-Unterricht sei, wurden New Yorker Abiturienten in Vorbreitung auf Zulassungsgespräche gefragt. "Engagement", sagt der eine, "Diskussionsfreudigkeit" der andere. Und der dritte: "Eine Bibliothek." Was er denn damit meine? Nun, sein Vater habe gesagt, er werde dem College, das ihn nehme, eine Bibliothek spendieren.