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Abschlussarbeiten : Der einsame Weg zum Examen

  • -Aktualisiert am

Problemfall Massenuni: Bei so vielen Studenten ist die Betreuung schwierig. Bild: dpa

Der große Andrang an den Hochschulen hat seinen Preis: Viele Studenten finden kaum noch Betreuer für ihre Abschlussarbeit. Schwer haben es vor allem kreative, selbst gewählte Themen.

          Svenja sitzt vor dem Professorenbüro des Lehrstuhls für Internationale Politik an der Uni Köln. Und wartet. Es ist ein grauer Dienstagnachmittag, und hier wird sich gleich ein Lehrstuhlmitarbeiter in der wöchentlichen Sprechstunde um Studenten kümmern, die an diesem Lehrstuhl ihre Abschlussarbeit schreiben wollen. Für Svenja ist es der dritte Versuch, einen Betreuer für ihre Bachelorarbeit zu finden. Sie studiert im siebten Semester als eine von insgesamt 1300 Kölner Sozialwissenschaftlern in spe. Im ersten Versuch arbeitete sie wochenlang an umfangreichen Gliederungen, wälzte Bücher und wartete auf einen Termin bei ihrer Wunschprofessorin. Die bescheinigte der Studentin zwar, eine interessante Forschungslücke entdeckt zu haben, wies das Thema aber zurück. „Die Arbeit ging in eine Richtung, die meiner Forschung widerspricht“, musste sich Svenja anhören. Das Thema war abgelehnt, die bisher investierte Zeit vergebens.

          Die Studentin startete einen neuen Versuch, überlegte sich etwas ganz anderes, arbeitete sich abermals wochenlang ein und versuchte ihr Glück an einem anderen Lehrstuhl. „Da habe ich den Professor nicht einmal persönlich gesprochen“, sagt sie. Ein Mitarbeiter hörte sich stattdessen das Thema kurz an und wies es dann zurück. „Er fand die Idee gut, hat mich aber gewarnt, dass es nicht praktikabel wäre. Ich würde keine Literatur dazu finden, und es wäre für einen Bachelor ohnehin zu anspruchsvoll.“ Trotz der ausführlichen Begründung vermutet Svenja, dass die wenigen Lehrstühle, die offiziell noch von Studenten entwickelte Themenvorschläge zulassen, eigentlich genau das verhindern wollen. Damit sind sie in guter Gesellschaft: Die meisten Lehrstühle akzeptieren ausschließlich vorgegebene Themen. Im täglichen Massenbetrieb ist das effektiver, schneller, einfacher.

          Inzwischen hat Svenja resigniert. Sie wird kein selbstentwickeltes Thema bearbeiten, sondern eins vom Lehrstuhl nehmen - auch wenn sie genau das eigentlich nicht wollte. „Es kann doch nicht sein, dass uns beim Abschluss so viele Steine in den Weg gelegt werden“, findet sie. „Ich will einfach die Arbeit schreiben, fertig werden und nicht noch mehr Zeit verlieren.“ Damit ist sie keine Ausnahme.

          An Massenunis ist es besonders schwer

          Gerade diejenigen, die sich für Massenstudiengänge an Massenunis entschieden haben, suchen oft monatelang nach einem Betreuer, insbesondere wenn sie ein individuelles Thema bearbeiten wollen. Der Grund: Seit Jahren steigt die Zahl der Studenten in Deutschland kontinuierlich an. Zwar werden auch mehr Professoren eingestellt, allerdings längst nicht in dem Umfang, der notwendig wäre, um mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Das führt zu einer problematischen Betreuungsrelation. Das aktuelle Uni-Barometer, das vom Statistischen Bundesamt jährlich veröffentlich wird, zeigt die Entwicklung: 2005 betreute jeder Universitätsprofessor im Schnitt 60 Studenten. 2013 waren es bereits 65. Künftig wird sich der Wert noch weiter verschlechtern: Im aktuellen Wintersemester haben sich so viele Studenten eingeschrieben wie noch nie, nämlich 2,8 Millionen. Zum Vergleich: 2013 waren es gerade einmal 1,7 Millionen.

          Was die Statistik nicht zeigt: Die Betreuungssituation ist an einigen Universitäten und in einigen Studiengängen deutlich schlechter als im bundesweiten Schnitt. Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat eine vergleichbare Erhebung auf Länderebene veröffentlicht. Das Ergebnis: In Nordrhein-Westfalen ist die Betreuungsrelation am schlechtesten. Hier betreut jeder Professor 83 Studenten. 2005 waren es noch 66.

          Die Forscher des CHE haben festgestellt, dass die Betreuungsrelation bei wissenschaftlichen Mitarbeitern annähernd gleich geblieben ist, während sie sich bei Professoren signifikant verschlechtert hat. „Das bestätigt die These, dass die Hochschulen und die Länder nicht in dauerhaft teurere Professorenstellen investiert, sondern den akademischen Mittelbau ausgebaut haben, der auch schneller wieder reduziert werden kann“, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Wer also hofft, für seine Abschlussarbeit mit einem renommierten Professor an einem selbstgewählten, spannenden Thema arbeiten zu können, gibt sich meistens einer Illusion hin.

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