http://www.faz.net/-gyl-764l9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.01.2013, 10:16 Uhr

Bildungsmobilität Überraschend viele Aufsteiger in Deutschland

Aufsteigerkarrieren sind in Deutschland rar. Stimmt so nicht, besagt nun eine neue Studie: Viele Menschen schafften einen höheren Bildungsabschluss als die Eltern.

© dpa Hauptschule und kein Ausweg? Aufsteigerkarrieren im Bildungsbereich gibt es doch.

In Deutschland sind Bildungsaufstiege nicht so selten, wie gemeinhin vermutet wird. Das besagt eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) mit Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Demnach ist der Bildungsabschluss von knapp einem Drittel der Personen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren in Deutschland höher als der Abschluss ihres Vaters. Nur etwa knapp ein Fünftel hat einen niedrigeren Bildungsabschluss. Legt man den Bildungsabschluss der Mutter zugrunde, sind sogar zwei von fünf Personen in der Altersgruppe der 35-bis-44-Jährigen Bildungsaufsteiger. Nur jeder Elfte ist als Bildungsabsteiger anzusehen, wie aus dem Papier hervorgeht, das FAZ.net vorliegt und über das das „Handelsblatt“ zunächst vorab berichtet hatte.

Infografik / Tabelle / Bildungsmobilität nach Alter und Geschlecht © F.A.Z. Vergrößern

Diese Befunde sind insofern überraschend, als erst kürzlich eine Studie Aufsehen erregte, die zeigte, wie stark die Karrierechancen in Deutschland noch immer vom Elternhaus abhängen. Die Daten zu den Bildungsaufsteigern suggerieren jedoch, dass dies nicht für alle Zeiten zementiert sei. Die Studienautoren des IW jedenfalls rechnen für die Zukunft mit Blick auf die Bildungsabschlüsse mit vielen Aufsteigern. Zwar mache die Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte solche Aufstiege schwieriger. Doch sei etwa der Anteil der Gymnasialbesucher unter den 17-Jährigen, deren Vater über keinen beruflichen Abschluss verfügt, zwischen 2000 und 2009 von 17 auf 22 Prozent gestiegen.

Infografik / Bildungsabschlüsse nach elterlichem Bildungshintergrund © F.A.Z. Vergrößern

Das Papier widmet sich auch den Ursachen für Bildungsmobilität. Hier zeigt sich, dass die Vorbildfunktion der Eltern für die Bildungschancen junger Menschen durchaus noch immer ein wesentlicher Faktor ist: Kinder, deren Eltern von Sozialleistungen leben, besuchen bei gleichen Einkommensverhältnissen wesentlich seltener ein Gymnasium als junge Menschen, deren Eltern Erwerbseinkommen beziehen. Die Berechnungen zeigen zudem, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Hochschulabschluss zu erreichen, für Kinder, deren Vater einen Hochschulabschluss aufweist, unter sonst gleichen Bedingungen um 24,4 Prozentpunkte höher ist als für Kinder, deren Vater nur einen Lehr- oder Fachschulabschluss hat. Neben dem Bildungsniveau der Eltern korreliert auch eine Tätigkeit des Vaters als Fach- und Führungskraft signifikant positiv mit der Wahrscheinlichkeit eines Hochschulabschlusses.

In Deutschland geborene Kinder mit Migrationshintergrund haben der Studie zufolge unter sonst gleichen Bedingungen bessere Chancen auf einen Bildungsaufstieg als Menschen ohne Migrationshintergrund. Deutliche Nachteile zeigten sich hingegen für junge Menschen, die bei Alleinerziehenden und in großen Haushalten aufwachsen.

Infografik / Abbildung / Gymnasialbesuch nach Bildungshintergrund © F.A.Z. Vergrößern

Die Autoren folgern, dass diese Personengruppen in der Bildungspolitik besonderes Augenmerk erhalten sollten. Gerade für Kinder aus großen Haushalten könne neben einer gezielten Förderung auch die Bereitstellung geeigneter Lernräume in Ganztagsschulen oder anderen Einrichtungen eine wichtige Rolle spielen.

Weil die Vorbildfunktion der Eltern eine große Rolle spiele, müsse sich die Bildungspolitik auch die Frage stellen, wie positive Orientierungspunkte für junge Menschen geschaffen werden könnten, die aus Elternhäusern kommen, in denen die Voraussetzungen für den Bildungserfolg ungünstig sind.

Mehr zum Thema

Quelle: nab./FAZ.net

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Einrichtung fürs Kinderzimmer Besser klug geplant als perfekt durchgestylt

Kinder brauchen ihr eigenes Reich. Doch so groß und bunt, wie die Werbung uns weismachen will, muss es nicht sein. Mehr Von Sabine Hildebrandt-Woeckel

25.05.2016, 10:45 Uhr | Stil
Syrien Dutzende Tote bei Luftangriff auf Klinik in Aleppo

Bei Luftangriffen auf ein Krankenhaus im Rebellengebiet der nordsyrischen Stadt Aleppo sind nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zahlreiche Menschen getötet worden. Unter den Opfern des Angriff in der Nacht zum Donnerstag seien auch drei Kinder und ein Kinderarzt, teilte die in Großbritannien ansässige oppositionsnahe Organisation mit. Mehr

29.04.2016, 16:15 Uhr | Politik
Zeitgemäßes Sorgerecht Nach der Trennung gibt es den modernen Vater nicht mehr

Wenn Paare sich scheiden lassen, gibt es in Fragen des Sorgerechts häufig eine klare Rollenverteilung - meistens zum Nachteil moderner Väter. Ein Blick nach Skandinavien könnte helfen. Mehr Von Mona Jaeger

14.05.2016, 16:48 Uhr | Politik
Überwachungskamera Video zeigt Luftangriff auf syrisches Krankenhaus

Die Bilder einer Überwachungskamera zeigen den Angriff auf ein Krankenhaus im syrischen Aleppo, bei dem laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mindestens 50 Menschen ums Leben gekommen sind. Deutschland und die Vereinigten Staaten machen die syrische Regierung für den Angriff verantwortlich. Mehr

02.05.2016, 14:59 Uhr | Politik
Schulweg von Kindern Mama, bitte fahr mich nicht schon wieder!

Was vor Jahren für Grundschüler selbstverständlich war, ist für viele Eltern ein Problem. Immer mehr Väter und Mütter bringen ihre Kinder aus Sorge vor Unfällen mit dem Auto zur Schule. Nicht nur Lehrer halten das für falsch. Mehr Von Florentine Fritzen

16.05.2016, 15:25 Uhr | Politik

Neues Start-up Auf der Suche nach dem passenden Schuh

Das Start-up Mifitto vermisst Füße und Schuhe – und empfiehlt dann ein geeignetes Modell. Die Idee hatten die Gründer, weil sie engagierte Väter sind und weil sie etwas störte: Nie passten die Schuhe für ihre Kinder richtig. Mehr Von Christine Scharrenbroch 1 17