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Bildungsforscherin Ute Frevert : „Wir brauchen das Gymnasium für alle“

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Die Historikerin Ute Frevert ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Bild: Jens Gyarmaty / F.A.Z.

Werden es die Kinder noch so gut haben wie wir? Und wie sollen wir sie dafür ausbilden? Viele Eltern bewegt diese Frage. Ute Frevert, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, hat viele Ideen dazu. Ein Interview.

          Frau Frevert, kann die Hoffnung auf sozialen Aufstieg für Kinder heute noch in Erfüllung gehen?

          Bei Akademikern kursiert eher die Furcht: Werden es die Kinder noch so gut haben wie wir? Es geht darum, die Position zu halten. Und nicht darum, dass die Kinder noch einen draufsetzen. Die Wahrnehmung ist: Wir haben das Ende der Aufstiegsspirale erklommen. Die Vorstellung, dass sich die eigenen Kinder für den Statuserhalt unglaublich anstrengen müssen, setzt in vielen Familien eine negative Dynamik in Gang: Eltern üben massiv Druck auf ihre Kinder aus.

          Sollten sich die Eltern nicht besser entspannen - in Zeiten, in denen viele Firmen händeringend nach Arbeitskräften suchen?

          Das ist ein frommer Wunsch. Gerade wenn es sich für einen selbst gut gefügt hat, möchte man doch, dass es den Kindern zumindest nicht schlechter geht. Im Übrigen können und wollen längst nicht alle Akademikerkinder wieder Akademiker werden - selbst wenn das oftmals der Fall ist.

          Entspannt waren auch die Eltern nicht, die ihren Kindern einst den Bildungsaufstieg ermöglichten.

          Das ist etwas anderes. Sicher hatten auch damals viele Probleme damit, ihr Kind in eine fremde Welt zu entlassen. Als bildungsferne Mutter überblicken Sie ja gar nicht, welche Fertigkeiten das Kind für die nächsthöhere berufliche Position braucht. Da können Sie keine Ratschläge geben. Aber darin liegt auch ein Element von Freiheit: Das Kind kann dieses Neue selbständig erarbeiten, die Eltern reden ihm nicht hinein. Die heutigen Mittelschichtseltern wissen dagegen ganz genau, was man tun muss, und geben ihren Kindern das eigene Muster vor.

          Sind wir eine durchlässige Gesellschaft?

          In den sechziger und siebziger Jahren hat sich unsere Gesellschaft unbestritten enorm geöffnet, vor allem durch eine höhere Bildungsbeteiligung. Ungleich mehr Eltern als damals haben heute einen Hochschulabschluss, und natürlich wollen sie, dass das auch ihren Kindern zugutekommt. Daraus folgt eine neue Form von Abschottung. Aber doch auf einem sehr hohen Niveau sozialer Teilhabe!

          Für die anderen wurde der Weg nach oben schwerer?

          Das sehe ich nicht so. Der Wechsel zwischen den Schulformen ist heute leichter möglich als in den Sechzigern, die Durchlässigkeit der Institutionen höher. Das Problem ist, den Sprung dann tatsächlich zu machen und zu wagen.

          Fehlt es heute am Aufstiegswillen?

          Es gibt zweifellos Familien, in denen sich Bildungsarmut von einer Generation auf die andere vererbt. Aber es gibt auch solche, vor allem unter Migranten, die für ihre Kinder einen Bildungsaufstieg wünschen und sie zum Sprung ermuntern. Allerdings ist ihre Frustrationstoleranz geringer: Gibt es Schwierigkeiten auf dem Gymnasium, wird das Kind schnell wieder abgemeldet. Dahinter stecken Unsicherheiten, aber auch eine Angst vor dem Scheitern. Und davor, dass ihnen die Kinder verlorengehen. Eltern fürchten, dass sich ihr gebildetes Kind irgendwann für sie schämt: Wir sind nicht so gekleidet, wir sind nicht so eingerichtet, wir lesen die falsche Zeitung und schauen die falschen Filme.

          Diese Ängste gab es in den sechziger Jahren mindestens genauso?

          Aber die gesellschaftliche Ermutigung und der allgemeine Drive waren größer. Allen, die sich davon anstecken ließen, winkte eine bessere Zukunft, und das konnte angesichts der mageren Ausgangslage jeder erkennen. Höhere Bildung für alle, die wollen und können: Das war ein starkes Versprechen für sozialen Aufstieg, und es hielt die Ängste damals in Schach.

          Jetzt heißt es, in Spanien haben zu viele junge Leute studiert. Der deutsche Lehrling gilt als Vorbild.

          Viele Wissenschaftler sehen das anders. Internationale Organisationen wie die OECD halten es sogar für erstrebenswert, dass 60 Prozent eines Jahrgangs studieren.

          Haben diese Experten denn recht?

          Meines Erachtens bewerten sie akademische Ausbildung über. Das geht an den gesellschaftlichen Erfordernissen vorbei, und es überfordert die Universitäten. Professoren haben es dann mit Studierenden zu tun, die für ein wissenschaftliches Studium nicht geeignet sind und sich auch nicht dafür interessieren. Da sollten wir schärfer trennen. Ich möchte die Universitäten als Orte wissenschaftlichen Nachdenkens erhalten. Wer eher berufsorientierte Bildung sucht, ist an einer Fachhochschule besser aufgehoben.

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