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Bildung selbst gemacht Die Freiburger Schule

28.09.2007 ·  Über schlechten Unterricht jammern viele. Zehn Schüler aus Freiburg haben ihre eigene Schule gegründet. 30 000 Euro haben die Bildungsunternehmer aufgetrieben, jetzt sind die Lehrer ihre Angestellten. Aber noch reicht das Geld nicht.

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Es ist 14 Uhr, und die Schüler haben ihre Schuhe ausgezogen. Sechs Paar Socken schlurfen über die gealterten Linoleum-Quadrate des Gemeinderaums. Aus den Lautsprechern eines alten Sony-Fernsehers dröhnt blechern die Titelmusik von „The Tango Lesson“, in der Ecke steht einsam ein schwarz verhülltes Klavier. Die Schüler lachen, wenn sich beim Tango Argentino mal wieder ihre Beine verheddern. „Manchmal weiß ich gar nicht, in welche Richtung damit“, klagt Alwin Franke. Die Tanzlehrerin sagt: „Wohin du dich bewegen willst, ist allein deine Entscheidung.“

Den riskantesten Schritt hat Alwin Franke ohnehin schon hinter sich: Gemeinsam mit neun anderen Schülern aus Freiburg im Breisgau hat der 18-Jährige beschlossen, die allgemeine Hochschulreife auf eigene Faust zu erlangen. „Schulfremdenprüfung“ heißt die Option im Landesschulgesetz Baden-Württemberg, die frustrierten Schülern einen Weg zur Flucht aus dem System bietet. Wie viele Jugendliche dieses Abenteuer wagen, ist nicht bekannt. Offizielle Zahlen gibt es kaum, Bayern schätzt die Aussteiger im gymnasialen Zweig auf durchschnittlich 25 im Jahr. Seit September pauken nun auch die zehn Freiburger unter dem Namen „Methodos“ fünf Tage die Woche in eigener Verantwortung Prüfungsfächer wie Mathe, Deutsch und Englisch. Montags bis freitags von 9 bis 17, samstags bis 14 Uhr. Ihr Klassenzimmer ist ein Raum im Hinterhof der evangelischen Paulus-Gemeinde, neben der Beratungsstelle für Lebens- und Ehefragen, einem Kindergarten und der Tee-Oase. „Wir waren unzufrieden mit dem System“, sagt Franke. „Wir wollen aktiver arbeiten und uns nicht mehr einfach nur berieseln lassen.“

Die Idee auszusteigen, habe schon länger in ihnen gegärt. Der Frust über den Frontalunterricht und zunehmend unmotivierte Lehrer wurde einfach immer größer. „Sie entwickeln vielleicht auch unfreiwillig viel Macht, weil sie allein über den Erfolg eines Schülers bestimmen“, vermutet Franke. Schon im Frühjahr 2005 hatten die damaligen Schüler einer Freiburger Waldorfschule eine Tagung organisiert, um neue Wege des Lernens zu erörtern. Sie hatten auch Lehrer eingeladen, es kamen nur wenige. „Es gibt durchaus einzelne Lehrer, die gerne etwas verändern würden. Aber alles umzuwerfen wäre auch das Eingeständnis, 50 Jahre lang Mist gebaut zu haben“, sagt Franke.

Schon jetzt haben die Schüler mehr bewirkt als ihre eigene kleine Revolution. In den Gremien und Ämtern diskutieren Fachleute über das „Methodos-Modell“. Das Engagement sei vorbildlich, lobt der emeritierte Freiburger Pädagogik-Professor Manfred Pelz. „Das Schulsystem ist veraltet und erstarrt. Vielleicht findet jetzt ein Umdenken statt.“ Doch die Hüter des alten Systems haben mit den Freiburger Freigeistern so ihr Problem. „Dieser Weg ist riskant und sicher nicht zur Nachahmung empfohlen“, sagt Hansjörg Blessing vom Kultusministerium in Stuttgart. „Die Betreuung in der Vorbereitungsphase ist keinesfalls so gut wie auf konventionellem Wege.“ Auch der Philologenverband im Ländle hält die Privatpennäler für eine Ausreißergruppe. „Es ist ein mutiger Schritt, aber auch ein unnötiger Irrweg“, sagt der Vorsitzende Karl-Heinz Wurster. „Sie zeichnen ein Bild von Schule, das es so nicht mehr gibt.“ Seit den 1990er Jahren habe sich auch an staatlichen Gymnasien viel verändert, sagt Wurster. Man sei längst weg vom oft einschläfernden Frontalunterricht, in den Kursstufen habe man umgestellt auf Doppelstunden und Arbeitsgruppen, vielerorts gebe es nicht einmal mehr den Gong. Außerdem gehe es nicht allein darum, Prüfungswissen in sich reinzupauken: „An einer Schule gibt es auch soziale Bereiche, die eine solche Gruppe kaum abdecken kann.“

Für die berufliche Zukunft der Schüler wird der kleine Umweg im Lebenslauf kaum nachteilig sein. „Wir sind der Ansicht, dass das Niveau an den normalen Gymnasien in Baden-Württemberg hoch genug ist“, sagt Martin Meyer, Leiter des Personalmarketings bei Porsche. Ein Alternativ-Abitur sei aber auch nicht von Nachteil: „Wichtig ist allein, dass der Abschluss gut ist.“

Bei dem schwäbischen Elektronikhersteller Bosch sieht man das ähnlich. Doch Peter Gutzan, Leiter der Personalentwicklung, würde solche auffälligen Bewerber genauer unter die Lupe nehmen: „Man muss im Gespräch herausfinden, was die Motivation für diesen Weg war“, sagt er. „Positive Argumente wären etwa der Wunsch nach selbständigem Arbeiten, negativ das Nörgeln über schlechte Lehrer und ein überholtes System.“ Eigenverantwortlich handelnde Abiturienten, betont Gutzan, seien bei Bosch gewiss gefragt. „Aber sie müssen ihre Aufgabe auch in einem bestehenden System lösen können.“

Seine Chancen auf dem freien Markt kümmern Alwin Franke im Moment noch wenig. Er sitzt auf den hellen Stufen, die hinaufführen zur Paulus-Kirche im Hinterhof der Dreisamstraße. Die Sonne strahlt noch einmal kräftig an diesem spätsommerlichen Freitag. Franke zündet sich eine blaue Gauloise an und gibt den Bohemien. „Wir sind ein schöner Freundeskreis“, sagt er. Die Gruppe kennt sich schon länger. Die meisten haben dieselbe Waldorfschule besucht und geben zu, dass dieser Hintergrund sie wohl eher befähigt als andere, den Schritt in die schulische Freiheit zu wagen.

Auch finanziell ist die Schulfremdenprüfung ein Abenteuer. Die zehn Teenager haben einen Verein gegründet und warten derzeit auf die Anerkennung der Gemeinnützigkeit. Für die zehn Monate bis zum Abitur müssen sie 50 000 Euro zusammenkratzen, für Miete, Materialien und die acht Lehrer, die sie gleichsam als Kontrollorgane beschäftigen. Eine Bank hat den Jungunternehmern ein zinsgünstiges Kreditmodell über 35 000 Euro angeboten. Das Darlehen, für das Eltern und Bekannte bürgen, soll allerdings nur für den Notfall herhalten. Noch läuft die private Geldakquise auch recht einträglich. 30 000 Euro haben die Schüler schon gesammelt. Die Hälfte stammt von den Eltern, die nun die 150 Euro Monatsgebühr nicht mehr an die Waldorfschule, sondern direkt auf das Spendenkonto ihrer Sprösslinge überweisen. Die anderen 15 000 Euro haben Sponsoren bezahlt, darunter die Freiburger Kant-Stiftung, ein regionales Anzeigen-Blättchen und Privatpersonen, die das Projekt aus flammender Überzeugung unterstützen. „Die Gruppe bohrt extrem dicke Bretter“, sagt Spender Karl Strecker. „Sie machen es sich schwerer, als sie es haben könnten. Dieser Mut allein verdient Bewunderung.“

Eine enorme Zusatzbelastung sind die zahlreichen Prüfungen, welche die kleine Schülerschar zusätzlich zu bewältigen hat. Weil sie als Waldorfschüler in der zwölften Jahrgangsstufe nicht benotet wurden, müssen sie in der Abitur-Phase acht zusätzliche mündliche Prüfungen bestehen. Und die Informationshappen, die der gewöhnliche Gymnasiast mundgerecht vom Lehrer serviert bekommt, erarbeiten sie sich selbst. Eile ist geboten, im kommenden April beginnen die Prüfungen zum Zentralabitur mit den Schülern vom Faust-Gymnasium. Das eng gezurrte Korsett des Lehrplans, den sie sich über das Internet besorgt haben, lässt den unabhängigen Abiturienten kaum Spielraum für Sonderwünsche. „Wir waren schon verblüfft, wie knallhart die Zeiträume für die Themen kalkuliert sind“, sagt Franke. Nach zwei Probewochen hat die Gruppe beschlossen, die herkömmlichen Stundenpläne aufzugeben. Statt nach je zwei Stunden das Fach zu wechseln, lernen sie in Epochen. Je nach vorgegebener Stundenzahl können die Blöcke mehrere Wochen dauern. Den Stoff vermitteln sie sich in Referaten und Diskussionen selbst. Ein ausgesuchter Schüler übernimmt die erste Inhaltskontrolle, der Lehrer wird regelmäßig einbestellt, um Irrtümern vorzubeugen und Prüfungssituationen zu simulieren.

Derzeit stehen die Grundsäulen der Ethik auf dem Programm. „Noch nie hat eine Gruppe Kants Pflichtbegriff bei mir so schnell erarbeitet“, lobt Lehrer Gregor Fritz. Er ist einer von acht Lehrern, die sich auf die Ausschreibung der Schüler gemeldet und ein Vorstellungsgespräch im Café überstanden haben. Jetzt ist Fritz also Bediensteter seiner Schüler, für 25 Euro netto die Stunde. Die Umkehrung der Verhältnisse sei gewöhnungsbedürftig, sagt er. „Es ist für alle Beteiligten ein Experiment.“ Hauptberuflich ist Fritz an einem staatlichen Gymnasium tätig. „Idealismus und Freude“ würden ihn nach anstrengenden Vormittagen noch zu seinen Zweitchefs in den kleinen Gemeindesaal treiben. Hier lässt er sich duzen, weil er hier kein Prüfer ist. Und er macht nur das, worum ihn die Schüler bitten. Nicht Lehrer, sondern Berater will er sein. Wer während seiner Erläuterungen tuschelt, wird nicht einmal ermahnt. „Es ist ihr Abitur, für dessen Erfolg sie allein verantwortlich sein wollen“, erklärt Fritz. „Darin muss ich sie auch konsequent ernst nehmen.“ Mitarbeit: Maike Strietholt

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