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Bildung Kaderschmieden für die Elite

13.11.2004 ·  Das Studiensystem in Italien wurde vor kurzem in ein zweistufiges, dem angelsächsischen System vergleichbares umgewandelt. Vorlesungen spielen eine größere Rolle als in Deutschland.

Von Clemens Bomsdorf
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Die Italien-Sehnsucht der Deutschen ist legendär. Zwar treffen viele Urlauber auf überfüllte Strände, doch wer sucht, findet stets ein Plätzchen, das seinem Italien-Ideal nahekommt. Ähnlich sieht es in der italienischen Hochschullandschaft aus. Die Hörsäle der großen Universitäten in Rom, Mailand und Palermo sind genauso überfüllt wie die in Köln, München oder Berlin.

Doch wer sich auskennt, kann dem Massenbetrieb entgehen. "Vor allem, wer nicht das komplette Studium in Italien verbringen möchte, sollte an eine kleinere Hochschule gehen. Dort lebt man sich leichter ein, und die Bürokratie ist längst nicht so ausgeprägt", rät Lisa Janßen vom Deutsch-Italienischen Hochschulzentrum (DIH) beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Eine solche Universität sei zum Beispiel die in Trento, wo sich auch das italienische Büro des DIH befindet. Trento bietet alle klassischen Studienfächer und unterhält Austauschbeziehungen mit mehreren deutschen Hochschulen, darunter die Universitäten in Dresden und Eichstätt. Wer von einer dieser Hochschulen kommt, kann ein Doppeldiplom erwerben. Mittlerweile gibt es mehr als zwanzig solcher deutsch-italienischen Studiengänge, unter anderem kooperieren die Universitäten in Görlitz und Neapel, die in München und Mailand sowie die in Frankfurt und Bologna miteinander.

Viele Promovierende wohnen im Mugello oder im Chianti

Die Universität Siena und die kalabrische Universität seien für Austauschstudenten ebenfalls empfehlenswert, weil nicht allzu groß, sagt Lisa Janßen. In Siena gibt es zudem, ebenso wie in Perugia, eine spezielle Universität für Ausländer. Beide Hochschulen bieten in erster Linie Sprachkurse und Vorlesungen zur italienischen Kultur an. In Italien sind Studiengebühren die Regel. Oft werden je Semester um die 1000 Euro fällig, an privaten Hochschulen deutlich mehr. Studenten, die ein Austauschprogramm nach Italien führt, bekommen die Gebühren aber erlassen.

Für Promovierende der Geschichte, Jura sowie Wirtschafts-, Politik- und Sozialwissenschaften bietet das Europäische Hochschulinstitut (IUE) in Florenz ein gutes Angebot. Die EU-Institution ist keine Universität, sondern bietet nur Promotionsstellen an. Derzeit schreiben etwa 400 Graduierte ihre Doktorarbeit. Das Institut ist also überschaubar und der Kontakt zu den Professoren eng. Die Atmosphäre ist international, weil Doktoranden und Professoren aus den unterschiedlichsten Ländern kommen. Hier im Norden Italiens schreibt Ursula Schröder seit zwei Jahren an ihrer Doktorarbeit zur Europäischen Sicherheitspolitik. Sie ist wegen des guten Rufs und der Arbeitsbedingungen nach Florenz gekommen. Sie sagt: "In der deutschen politikwissenschaftlichen Forschung hat das Europäische Hochschulinstitut einen sehr guten Ruf. Mir wurde es von Freunden und Professoren als Ort empfohlen, an dem man unter guten Arbeitsbedingungen mit Stipendium promovieren kann. Das Verhältnis zwischen Professoren und Promovierenden hier ist entspannter, als ich das aus Deutschland kenne." Zudem reizt natürlich das Land. Die Touristenstadt Florenz allerdings ist Schröder zu überlaufen. "Inzwischen kennen wir uns hier aber recht gut aus und wissen, wie wir das Stadtzentrum und den Duomo vermeiden können und wo die besten Bars und Kinos etwas außerhalb der Innenstadt sind. Am schönsten ist aber die Landschaft um Florenz herum. Viele von uns wohnen auch außerhalb der Stadt im Mugello oder Chianti."

Hauptsächlich Vorlesungen

Die Universität Florenz gehört hingegen, anders als das IUE, zu den größeren Lehranstalten. Dafür ist das Fächerangebot auch umfassender. Besonders groß ist das Angebot in Ingenieurwissenschaften und Medizin. Nach einem Ranking der Zeitung "La Repubblica" ist Florenz in den Erziehungswissenschaften besonders gut. Repubblica gibt einmal jährlich den "La Grande Guida della Università" heraus. Dieses Buch gibt den besten Überblick darüber, welche Hochschule in welchem Studiengang den besten Ruf genießt. Leider ist nur eine italienische Ausgabe erhältlich. Doch die Landessprache sollte ohnehin können, wer sich für ein Studium in Italien entscheidet. Denn fremdsprachliche Studiengänge sind die absolute Ausnahme, solche werden zum Beispiel an den Universitäten Bozen und Bocconi angeboten.

Die Lehr- und Lernweise an den Hochschulen ist klassisch. Zwar wurde das Studiensystem vor kurzem in ein zweistufiges, dem angelsächsischen System vergleichbares umgewandelt, doch anders als in England oder den nordischen Ländern sind die Studenten meist Zuhörer und nehmen nur selten aktiv am Unterricht teil. "In Italien spielen die Vorlesungen in den Lehrplänen eine noch größere Rolle als in Deutschland", sagt Lisa Janßen. Sie hat vor vier Jahren selbst an der Universität Florenz studiert. Anwesenheitspflicht herrscht in der Regel nicht. Und viele Studenten lernen lieber zu Hause aus Skripten und Büchern, statt sich in die Hörsäle zu setzen.

Die Lateran gehört zu den renommiertesten Fakultäten

Italiens und zugleich Europas größte Universität ist die Sapienza in Rom. Der Campus ist auch von der Fläche her beeindruckend, eine Art größere Studentenstadt in der Hauptstadt. Natürlich zieht es viele Austauschstudenten an eine der vielen Hochschulen der italienischen Hauptstadt. Das Fächerangebot ist ebenso überwältigend wie das Kultur- und Nachtleben, und auch das Meer ist nicht weit.

Eine besonders angenehme, weil nahezu familiäre Lernatmosphäre und zudem noch etwas ganz spezifisch Italienisches bieten die päpstlichen Hochschulen. Die meisten von ihnen gibt es in Rom. Diese werden oft von Ordensgemeinschaften getragen und haben den Titel päpstlich nach Prüfung der akademischen Leistung und der kirchlichen Gesinnung verliehen bekommen. Schwerpunkt der Lehre der päpstlichen Hochschulen bildet selbstverständlich die Theologie, daneben werden aber auch etliche andere Geisteswissenschaften und mancherorts auch Jura oder Medizin angeboten. "Diese Hochschulen zeichnen sich dadurch aus, daß sie keine Massenuniversitäten sind. Hier kennt noch jeder Professor seine Studenten", sagt Christian Göbel, der nach dem Studium in Paderborn, München und Cambridge zur Promotion an die päpstliche Lateran-Universität gewechselt ist und dort jetzt Philosophie lehrt. In Rom gibt es rund 15 päpstliche Hochschulen und unabhängige Fakultäten. Die Lateran gehört zu den renommiertesten. "Hier wird die Elite der katholischen Kirche ausgebildet. Angehende Bischöfe und Theologieprofessoren", sagt Göbel.

Die Nische in der Nische

Die päpstlichen Hochschulen müssen sich alle nach den gleichen Lehrplänen richten, und der Unterricht ist, anders als an den meisten italienischen Hochschulen, stark verschult; üblicherweise herrscht Anwesenheitspflicht. Bis vor 30 Jahren wurden die Vorlesungen auf lateinisch gehalten, mittlerweile auf italienisch. Auch wer an einer päpstlichen Hochschule studieren möchte, sollte die Landessprache also können, jedoch reichen passive Kenntnisse aus. "Es gibt sechs offizielle Sprachen, in denen man seine Prüfungen ablegen darf, dazu zählt auch Deutsch", berichtet Göbel. Die päpstlichen Hochschulen kooperieren mit den Fakultäten der katholischen Theologie in Deutschland, die ihre Studenten für ein Jahr nach Rom schicken können. Neuerdings gibt es einen Austausch mit Studenten der evangelischen Theologie.

Was die päpstlichen Hochschulen für die katholische Kirche, das ist die Universität Bocconi in Mailand für die Wirtschaft: Kaderschmiede. Bocconi ist unbestritten die renommierteste italienische Universität fürs Wirtschaftsstudium. Auch international genießt die Hochschule einen exquisiten Ruf und ist deshalb Italiens Vertreter im Verbund der CEMS-Hochschulen, einem Zusammenschluß der jeweils besten Wirtschaftsuniversitäten eines Landes. Die Bocconi hat auch ein MBA-Programm im Angebot. Anders als in Italien üblich, gibt es an der Bocconi viele Seminare, und die aktive Teilnahme der Studenten wird erwartet. So hat sich die private Wirtschaftsuni eine Nische in der Nische gesucht.

Allgemeine Informationen über das italienische Bildungssystem sowie Links zu Hochschulen bieten die Internetseiten www.daad.de und www.ait-dih.org.

Die Universität Trento hat die Adresse www.unitn.it, die in Siena www.unisi.it, die Ausländeruniversität in Siena www.unistrasi.it, die in Perugia www.unistrapg.it. Die Wirtschaftshochschule Bocconi ist unter www.bocconi.it zu erreichen, Sapienza in Rom unter www.uniroma1.it und die päpstliche Lateran-Universität unter www.pul.it.

Weitere Literatur:

"Hochschulen und Studium in Italien" (Bayerisches Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung, Monographien Neue Folge, Band 61, München 2002).

"Jobs & Praktika Italien, Studium und Sprachschulen" (Andreas Neuner, Verlag interconnections 2004). Stipendiendatenbanken gibt es beim DAAD und beim Stifterverband (www.stifterverband.de - Suche nur über Fachrichtung möglich).

Die einfachste Möglichkeit, ein Semester in Italien zu verbringen, ergibt sich im Rahmen einer Hochschulpartnerschaft. Informationen dazu gibt es beim Akademischen Auslandsamt der Heimatuniversität. Die Hochschulrektorenkonferenz bietet eine Liste, in der die italienischen Partnerinstitutionen aller deutschen Hochschulen verzeichnet sind (Bereich Internationale Kooperationen, Unterpunkt Kooperationsliste unter www.hochschulkompass.de).

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2004, Nr. 266 / Seite 55
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