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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Bildung "Haben die Leute Biß? Steckt da eine Tiger-Mentalität drin?"

 ·  Der Elitestudiengang "Finance & Information Management" an der Augsburger Universität will die Besten fördern. Ziel ist es qualifizierte Leute frühzeitig und dauerhaft zu gewinnen.

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"Wir wollen nur die Besten haben. Und die sind nicht immer unkompliziert - gute Leute sind nicht immer die einfachsten", sagt Hans-Ulrich Buhl in seinem Büro an der Augsburger Universität. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaft, Wirtschaftsinformatik und Financial Engineering.

Und er sitzt dem Leitungsgremium des Elitestudiengangs "Finance & Information Management" vor, sein Stellvertreter ist Rudi Zagst, Professor an der TU München. Den Studiengang hat das Elitennetzwerk Bayern gebilligt. Buhl referiert das stolz: "Unser Antrag wurde aus mehr als 100 Einreichungen durch eine internationale hochkarätige Gutachterkommission am besten bewertet." Mit einem 160-Seiten-Antrag hatte sich sein Team beworben. Unter anderem haben wohl Vorschläge zur internationalen Vernetzung überzeugt. Jetzt ist Augsburg Trägeruniversität.

Mauerblümchen zum Blühen bringen

Wie rekrutieren Buhl und Zagst bundesweit die Besten? Natürlich bestimmt zunächst das Notenniveau die Vorauswahl. Studenten, die seit dem Vordiplom durch gute Zensuren aufgefallen sind, wurden angesprochen und zur Bewerbung aufgefordert. "Die Kandidaten müssen analytisch stark sein und über ausgeprägte mathematisch-statistische Interessen verfügen." Zum Bewerberkreis gehören Wirtschaftswissenschaftler, Wirtschaftsinformatiker, Wirtschaftsmathematiker, Finanzmathematiker, Informatiker und Wirtschaftsingenieure. Insgesamt bewarben sich 200 Studenten, die mindestens das Vordiplom oder einen Bachelor-Titel in der Tasche haben. 60 wurden zum Gespräch eingeladen. Die Interviews übernahmen zwei Professoren und ein Praxispartner. Diese Gespräche, so schwärmt Buhl, bescherten nicht die - wie oftmals erlebt - deprimierende Erfahrung von Prüfungen, bei denen sich herausstelle, daß die Diplomanden elementare Zusammenhänge nicht erkennen können. "Hier war ich in einem von drei Gesprächen begeistert!"

Natürlich fallen die vielzitierten Schlagworte von den Soft Skills, die die Kandidaten mitbringen sollen. Um die zu erkunden, hat sich Buhl an den Fragetechniken von Organisationspsychologen geschult. Die fänden nämlich in einem Zehntel der üblichen Zeit heraus, ob jemand entwicklungsfähig sei, aus Krisen gelernt habe und Anregungen im Leben sinnvoll verarbeiten könne. "Das ist erstaunlich, was für Mauerblümchen man zum Blühen bringen kann." Erlebt hat Hans-Ulrich Buhl das in Auswahlverfahren zur Studienstiftung des Deutschen Volkes. "Da wird kritisch geguckt, was hat jemand aus eigener Kraft erreicht? Wie hat er auch ohne gute Voraussetzungen eine Bewährungssituation gemeistert? Und ist ein glatter Lebenlauf nur logisch, weil derjenige aus dem Bildungsbürgertum stammt?"

Teamfähigkeit und Allgemeinbildung

Neben diesem Entwicklungspotential ist Ehrgeiz erwünscht. "Natürlich interessiert uns: Haben die Leute Biß? Wollen die was bewegen, wollen die führen? Steckt da Tiger-Mentalität drin?" Die Absolventen des Intensivprogramms sollen erkennen können, wie der Markt funktioniert, in dem sie sich positionieren müssen. "Und wie sie orchestrieren können, was sie sich vom Markt kaufen", so beschreibt Professor Buhl ein Ziel: "Wir bilden Architekten des Wandels aus. Gerade in der Finanzbranche ist der Wettbewerbsdruck enorm hoch."

Später werden die Absolventen interdisziplinäre und internationale Projekte meistern müssen. Ohne Teamfähigkeit ist das nicht möglich. Und da haben sie zum Beispiel das Problem, daß ein Betriebswirt einen Auftrag kühl durchrechnet, der Techniker aber nur an die Umsetzung denkt und beide nicht zum Konsens finden. Wer dann seine Mitarbeiter nicht motivieren kann, der hat ein Problem. "Ein vergeistigter Mathematiker, das geht bei uns nicht", sagt Professor Buhl, der auch Wert auf die Allgemeinbildung seiner Auserwählten legt. So lesen die Bewerber in der Regel Tageszeitungen und konnten sich aktuell zum Ackermann-Prozeß äußern.

Frauen sind fleißiger

Die Jury entschied sich für 24 motivierte Studenten, unter ihnen neun Frauen. "Die sind im Schnitt fleißiger", stellt Buhl sachlich fest. Für alle werden die nächsten zwei Jahre bis zur Abschlußarbeit anstrengend. In einem Angleichungssemester werden die 24 zunächst auf einen Wissensstand gebracht. Für ausgewählte Seminare wurden Professoren von Münster bis St. Gallen, von Toronto bis Singapur gewonnen. Überdies wird jeder Student von je einem Mentor aus der Wissenschaft und einem Mentor aus der Praxis betreut. Außerdem müssen die Elitestudeten drei Monate im Ausland studieren oder ein Forschungsprojekt betreiben. "Das kann individuell entschieden werden", sagt Dennis Kundisch, Habilitand am Lehrstuhl, der den Studiengang koordiniert.

Möglich sind die hochkarätigen Gastdozenturen und Auslandsaufenthalte nur durch eine enge Verzahnung mit der Wirtschaft und der Haniel-Stiftung. Das Stichwort hierzu lautet Public-Private-Partnerships (PPP). So unterstützen den Studiengang unter anderen die IBM, die Allianz Dresdner Asset Management, A.T. Kearney, die Bayerische Landesbank, die Deutsche Bank und die Radeberger Gruppe. "Jeder Praxispartner entscheidet selber, wie weit er sich einbringt", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Nina Kreyer.

Weit weg vom Studium

Auch die UPM-Kymmene Papier GmbH & Co. KG gehört zu den Sponsoren. Bei dem Papierhersteller mit Sitz in Augsburg arbeitet Dr. Dirk von Gehlen. "Director Financial Shared Services Central Europe" steht auf seiner Visitenkarte. Der Finanzchef hat einige Auswahlgespräche mit geführt und engagiert sich auch als Mentor. Warum nimmt er zwischen seinen Dienstreisen solche Termine wahr? "Die Anforderungen an unsere Mitarbeiter steigen stetig an. Die Muttergesellschaft ist in Finnland, wir sind in New York und Helsinki an der Börse notiert. Das Einrichten von globalen Systemen gehört bei uns zum Alltag.

Da ist es nicht einfach, qualifizierte Leute frühzeitig und dauerhaft zu gewinnen." Von Gehlen nennt ein Beispiel: Die Buchhaltung muß koordinieren, daß in den Vereinigten Staaten, Finnland und Deutschland unter Consulting-Kosten dasselbe verstanden wird. "Beispielsweise gehen Sie bei den IT-Aufwendungen des Konzerns in unterschiedliche Konten rein und müssen sie global harmonisieren." Um Prozesse vorschriftsgemäß dokumentieren zu können, etwa bei Devisen-Termingeschäften in verschiedenen Ländern, brauche das Unternehmen ein einheitliches Dokumentationstool. So etwas geschickt zu managen, das werde im üblichen Wirtschaftsstudium nicht vermittelt.

„Paßt der oder paßt die zu uns?“

Als Mann der Praxis betont auch Dirk von Gehlen den Wert der "weichen Eigenschaften" möglicher Mitarbeiter. "Zum Beispiel stellen wir Techniker ein, die erst später bedarfsbezogen ausgebildet werden. Das erfordert Teamarbeit und Präsentationstechniken." Und natürlich sei es hilfreich, möglichst früh festzustellen: "Paßt der oder paßt die zu uns? Manchmal stellen wir erst hinterher fest, die haben Teamarbeit nicht gelernt."

Mitunter wird dann ein Coaching vereinbart. "Da müssen Sie Geld in die Hand nehmen. Uns ist es daher wichtig, lieber früh Kontakt zu guten Leuten herzustellen. Deshalb wollen wir Studenten in laufende Projekte miteinbinden. Das kann dann in einer Diplomarbeit gipfeln, von der wir uns im Idealfall neue Erkenntnisse versprechen." Unternehmenssprache bei UPM-Kymmene ist übrigens Englisch. Auch der Elitestudiengang wird überwiegend auf englisch bestritten.

Ausbildung statt Einbildung

Die ersten Wochen haben die Elitestudenten hinter sich. Sie stehen unter Beobachtung und unter Leistungsdruck. Denn jetzt sind sie nicht mehr die Intelligentesten im Hörsaal, sondern müssen sich mit anderen messen, die vielleicht nicht erst über Ansätze, sondern schon über Lösungen diskutieren. "Konkurrenz ist nützlich. Denn sonst besteht die Gefahr, daß die Einbildung immer etwas schneller wächst als die Ausbildung", erklärt Hans-Ulrich Buhl.

Der Studiengang gehört zu den 30 Eliteprogrammen, für die in den nächsten fünf Jahren rund 70 Millionen Euro zur Verfügung stehen, finanziert werden davon unter anderem 223 Stellen. Die Angebote werden regelmäßig intern und extern evalutiert. "Das ist Wettbewerb auf allen Ebenen", sagt Dennis Kundisch.

http://www.uni-augsburg.de/fim

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2004, Nr. 278 / Seite 58
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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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