04.09.2005 · Die Promotion nach dem Fachhochschulstudium birgt viele Hürden. Dennoch streben immer mehr Absolventen die Promotion an. Wichtige Motivation: Der mit dem Doktortitel verbundene Ansehensgewinn.
Von Kerstin LiesemDie Pfade durch den Dschungel von Promotionsordnungen erweisen sich für Fachhochschulabsolventen oftmals als unwegsam. Wer seinen Doktor machen möchte, muß viele Hindernisse überwinden.
Dennoch steigt die Zahl derer, die sich auf das Abenteuer Promotion einlassen. Man mische Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit, Eigenmotivation und Ausdauer mit einer gehörigen Portion wissenschaftlichen Forschergeistes. Aus diesem Gebräu entsteht der ideale Doktorand. Das behaupten zumindest diejenigen, die es geschafft haben und ihren Namen mit dem akademischen Adelstitel schmücken. Warum soll dieses Potpourri an Eigenschaften nicht auch bei Fachhochschulabsolventen vorhanden sein?
Das dachte sich auch Thomas Wenk, als er sich nach seiner Diplomarbeit an der Fachhochschule Jena auf die Suche nach einem Doktorvater machte. „Die Idee für mein Promotionsthema entstand schon 1996 während eines Auslandssemesters am Manhattan Institute of Management im World Trade Center in New York.“
Rein rechtlich stand seinem Vorhaben nichts im Wege. Denn die Kultusministerkonferenz hatte vier Jahre zuvor den Weg für Promotionen besonders qualifizierter Fachhochschulabsolventen geebnet. Seitdem ermöglichen die Universitäten in ihren Promotionsordnungen auch Akademikern mit Fachhochschulzeugnis die Zulassung zur Dissertation. Fachhochschulen dürfen jedoch auch weiterhin keine Doktorwürden verleihen.
„Promotionsführer für Fachhochschulabsolventen“
Die Hürden, die die Universitäten an die Externen stellen, sind nach Ansicht Ansgar Kellers von der Transferstelle der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin hoch. Der Diplomkaufmann hat selbst seinen FH-Abschluß mit einem Doktortitel gekrönt. Und mit seiner Forschungsarbeit nebenbei zukünftigen Doktoranden einen großen Nutzen erwiesen. In seinem „Promotionsführer für Fachhochschulabsolventen“ können potentielle Doktorkandidaten detailliert nachlesen, welche Voraussetzungen sie für eine Promotion in ihrem Wunschfach mitbringen müssen.
Untersucht hat Keller die Promotionsordnungen von rund 275 Fakultäten an 70 Universitäten. Die „Doktoranden in spe“ müßten vor der Zulassung zur Promotion ein sogenanntes Eignungsfeststellungsverfahren durchlaufen. Was das konkret bedeutet, ist von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich. In der Regel werde aber ein FH-Abschluß mit der Note „sehr gut“ erwartet. Außerdem müssen die angehenden Doktoranden an der Universität für Seminare oder Vorlesungen büffeln, wissenschaftliche Arbeiten schreiben und Prüfungen bestehen. Teilweise verlangen die Hochschulen sogar, daß die universitäre Diplomprüfung zumindest teilweise absolviert wird.
Universität Mainz besonders „Fachhochschulfreundlich“
So auch bei Thomas Wenk. Bevor er seine Dissertation beginnen konnte, mußte er noch zwei Jahre an der Uni verbringen, Klausuren schreiben und eine zweite Diplomarbeit anfertigen.
Keller hat in seinem „Promotionsführer für Fachhochschulabsolventen“ die einzelnen Universitäten nach ihrer „Fachhochschulfreundlichkeit“ für den Zugang zur Promotion bewertet. Gesamtsieger wurde dabei die Universität Mainz, auf den Plätzen zwei und drei landeten die Hochschulen Halle-Wittenberg und Erlangen-Nürnberg. Kellers Studie zufolge bieten die Universitäten in den neuen Bundesländern überdurchschnittlich angenehme Promotionsbedingungen. Unter den ersten zehn Plätzen in Kellers Wertung finden sich allein vier ostdeutsche Universitäten.
Etwas anders stellt sich das Bild im Bundesländer-Ranking dar: Den ersten Platz in Kellers Rangliste teilen sich Hamburg, Bremen und Niedersachsen, gefolgt vom Saarland und von Berlin-Brandenburg. Als Schlußlichter bewertet Kellers Studie die Universitäten in Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg und Thüringen.
Konkurrenzkampf mit Uni-Absolventen
Wenk hat sich für die Universität Potsdam entschieden, wegen idealer Bedingungen für seine Promotion und einem engagierten Doktorvater. „Einen geeigneten Betreuer für mein Vorhaben zu finden war mein größtes Problem.“ Das ist ein hohes Hindernis für fast alle promotionswilligen Fachhochschulabsolventen. Dies bestätigt auch Diplomingenieur Jörg Weber, der ebenfalls mit einem Zeugnis der Fachhochschule Jena in der Tasche auf Recherche ging. „Bei der Suche nach einer Universität zeigte sich oft das Problem, als Fachhochschulabsolvent an einer Uni nicht mit offenen Armen empfangen worden zu sein.“
Sie müßten den Universitätsprofessoren erst einmal beweisen, daß sie die wissenschaftliche Kompetenz für eine Promotion mitbringen. „Die Fachhochschulabsolventen haben insbesondere mit Vorurteilen seitens einzelner Hochschullehrer hinsichtlich ihrer intellektuellen Kompetenzen zu kämpfen“, bestätigt Klaus Watzka, Professor für Personalwirtschaft an der Fachhochschule Jena. Es gelte, sich gegen die Konkurrenz der promotionswilligen Uni-Absolventen durchzusetzen. Dabei hätten Fachhochschulabsolventen strategische Nachteile.
„Ihnen fehlt das Netzwerk an der Universität“, sagt Wolfgang Finke, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Jena. Während die Mitbewerber den Professoren oft schon seit einer frühen Phase ihres Studiums bekannt sind, etwa als wissenschaftliche Mitarbeiter an ihren Lehrstühlen, müssen sich die Neulinge erst einmal einen Namen machen. „Mitarbeiterstellen an Unis sind meist vergeben oder für ausgewählte Uni-Absolventen reserviert, so daß oft nur noch eine externe Promotion übrigbleibt“, sagt Guido Scheld, Professor für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Jena.
Lektüre theoretischer Litaratur als Vorbereitung
Hinzu kommt, daß Fachhochschüler mit wissenschaftlichen Arbeiten meist nicht in demselben Umfang vertraut sind wie ihre Kollegen von der Uni. „Durch das kürzere Studium und die mitunter pragmatischer ausgerichtete Lehre haben sich FH-Absolventen rein quantitativ weniger mit theoretisch orientiertem Schrifttum auseinandergesetzt“, sagt Watzka. Sein Kollege Finke, der sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen Lehrerfahrung gesammelt hat, bestätigt: „Meine Studenten an der FH Jena bringen im Rahmen wissenschaftlicher Hausarbeiten in der Regel deutlich schlechtere Leistungen als meine Studenten an Universitäten.“
Das führt er darauf zurück, daß zu wenige wissenschaftliche Hausarbeiten im Rahmen des Studiums geschrieben würden. „Diese Fokussierung auf Klausuren führt zu erheblichen Ausbildungsschäden.“ Watzka empfiehlt deshalb zur Vorbereitung auf die Dissertation die „verstärkte Lektüre von theoretischer Literatur“ in Eigeninitiative.
Insbesondere Dissertationen seien geeignet, „um am Modell“ zu lernen. Er hält eine ausgewählte Gruppe von FH-Absolventen für geeignet, eine Dissertation in Angriff zu nehmen. Diese müßten ein deutlich überdurchschnittliches Wissen mitbringen und eigenständig arbeiten können. Außerdem müßten sie in ihren Seminar-, Diplom- und Projektarbeiten konzeptionelle Fähigkeiten nachgewiesen haben.
Ansehensgewinn durch den Doktortitel
Auch Finke attestiert der absoluten Spitzengruppe von Absolventen an Fachhochschulen die „Promotionsreife“. Das Niveau der Lehre an der Fachhochschule sei nicht wesentlich tiefer als an den Universitäten. „Zumindest in meinen Veranstaltungen.“ Auch sein Kollege Scheld hält qualifizierte FH-Absolventen für uneingeschränkt promotionsfähig. „Gute FH-Absolventen haben gegenüber guten Uni-Absolventen keinen Qualifizierungsnachteil.“ Nach eigenen Angaben sind er und sein Kollege Finke sogar bei der Suche nach einem geeigneten Doktorvater behilflich, indem sie Kontakte zu Universitäts-Professoren herstellten.
Was aber treibt Akademiker mit FH-Diplom an, zu promovieren? „Ich wollte ein bestimmtes Thema wissenschaftlich erforschen und anschließend einen Beitrag zur Weiterentwicklung leisten“, sagt Wenk, der mittlerweile kurz vor dem Abschluß seines Promotionsverfahrens steht. Ähnlich sieht das Jörg Weber. Aber auch den Ansehensgewinn durch den Doktortitel verschweigt er nicht. Wenk und Weber haben es geschafft.
Sie haben den Pfad durch den Dschungel von Promotionsordnungen durchwandert. Damit gehören sie einer relativ kleinen Gruppe an. Der jüngsten Umfrage der Hochschulrektorenkonferenz zufolge ist die Anzahl der erfolgreich absolvierten Promotionsverfahren zwar gestiegen. Dennoch: Der Anteil der Fachhochschulabsolventen unter den rund 24.000 Promotionen pro Jahr ist verschwindend gering. Er liegt bei etwa einem Prozent.
Wenk und Weber würden den ungewöhnlichen Pfad der Promotion jederzeit wieder einschlagen. Er sei aber nicht für jeden gangbar. „Ganz wichtig ist es, zu prüfen, was man damit bezwecken möchte“, sagt Wenk. Eine Dissertation allein aus Karrieregründen sei meist zum Scheitern verurteilt. Weber fügt hinzu: „Wer nur zur Überbrückung promovieren möchte oder weil er gerade eine geförderte Stelle ,erhascht' hat, dem möchte ich abraten.“