Home
http://www.faz.net/-gyl-7bh0q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Bewertungsportale Locken statt lästern

Es gibt sie für Hotels, Restaurants und längst auch für den Chef: Bewertungsportale im Internet. Statt sich über die Lästereien im Netz zu ärgern, nutzen Arbeitgeber sie, um neue Mitarbeiter zu locken.

© dpa Vergrößern Noten für den Chef: Bewertungsportale im Internet erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Es klingt nach einem Horrorjob. Von „schlechter Arbeitsatmosphäre“ und „frustrierten Mitarbeitern“ ist die Rede, ebenso wie von einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ und „mehr Schein als Sein“. Viel besser lesen sich dagegen diese Jobbeschreibungen: „Interessante Aufgaben in einem internationalen Umfeld“ und „sehr flexible Arbeitsumgebung, super Kollegen“.

Kaum zu glauben: Alle Einträge im Arbeitgeberbewertungsportal Kununu beziehen sich auf denselben Konzern - Bosch. Ähnlich wie Hotels oder Cafés können Nutzer auf entsprechenden Portalen auch ihrem Chef ein Zeugnis ausstellen. Unternehmen machen aus der Not nun eine Tugend - und nutzen die Läster-Foren als Recruiting-Instrument.

Unternehmen zahlen für Profile

„In erster Linie sehen wir es als Chance, uns hier als attraktiver Arbeitgeber zu platzieren“, sagt Bosch-Personalmarketing-Chefin Vera Winter. Der Technikriese reagiert auf Arbeitgeberbewertungsportalen wie Kununu und Jobvoting nicht nur direkt auf Kritik. Der Technologie Konzern zahlt dort auch für ein eigenes Profil, auf dem er Ansprechpartner für Bewerbungen nennt oder Vorteile für Mitarbeiter anpreist.

Das größte Arbeitgeberbewertungsportal Kununu (Umsatz 2012: 1,9 Millonen Euro), das seit Jahresbeginn zum Karriere-Netzwerk Xing gehört, finanziert sich über solche Bezahlprofile von Firmen. 700 Unternehmen lassen sich den Auftritt auf dem Portal schon etwas kosten. Je nach Größe können dafür bis zu 1095 Euro monatlich fällig werden, sagt Kununu-Sprecherin Tamara Frast. Seit 2012 ist das Portal mit diesem Geschäftsmodell profitabel.

Mehr zum Thema

Beim ersten deutschsprachigen Portal Jobvoting, das sich explizit sowohl an Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber richtet, sind Firmen mit 590 Euro im Jahr für ein sogenanntes Premium-Paket dabei. Dafür bekommen sie unter anderem das Siegel „Empfohlener Arbeitgeber“ und können Imagevideos auf der Seite platzieren.

Jeder vierte liest

Jobvoting finanziert sich nach eigenen Angaben neben Werbeeinnahmen vor allem aus solchen Bezahl-Paketen. Konkrete Zahlen will das Portal nicht nennen. Betreiber Ronny Skrzeba verrät aber: „Die Umsätze sind fünfstellig, der Gewinn positiv.“ Dass sich Firmen den Auftritt auf solchen Seiten durchaus etwas kosten lassen, verwundert nicht: Inzwischen liest jeder vierte Internetnutzer Bewertungen von Arbeitgebern im Netz, wie eine Studie des Branchenverbands Bitkom ergab. Zwei Drittel von denen, die dabei tatsächlich den Job wechseln wollten, ließen sich demnach durch die Bewertungen beeinflussen.

Manche Firmen schießen dabei aber auch übers Ziel hinaus - und schönen die Einträge, um besser wegzukommen, wie Social-Media-Experte Henner Knabenreich sagt. Knabenreich berät Unternehmen beim Personalmarketing im Netz und hat dabei hinter vorgehaltener Hand von den zweifelhaften Praktiken gehört. „Man kann da definitiv ins Fettnäpfchen treten“, warnt er. „Das ist kaum glaubwürdig.“

Um Bewertungen bitten

Wer auf Lästerportalen Fachkräfte locken wolle, müsse anders vorgehen. „Es gibt ganz viele Mitarbeiter, die einem Unternehmen loyal ergeben sind“, sagt Knabenreich. „Die muss man versuchen zu erreichen.“ Ebenso wie Cafés oder Friseure ihre Kunden und Bewertungen im Netz bitten, gibt es derzeit etwa bei Siemens Überlegungen, nach Bewerbungsgesprächen aktiv auf Bewertungsportale hinzuweisen. „Die Portale spielen zunehmend eine Rolle“, sagt ein Siemens-Sprecher. „Es ist ein weiterer Kanal, um Kontakt mit potenziellen Bewerbern aufzunehmen.“ Auch offene Stellen hat der Elektroriese auf Kununu ausgeschrieben.

Immer wieder gibt es allerdings auch Firmen, die die öffentliche Kritik nicht so gern sehen. „Löschanträge bekommen wir einige“, sagt Kununu-Sprecherin Frast. Angenommen werde aber kein einziger. „Da sind wir unbestechlich.“

Quelle: dpa

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mittelstandsanleihen-Ticker Verstärkte Restrukturierung bei MS Deutschland

Joh. Fr. Behrens steht angeblich kurz vor einer erfolgreichen Refinanzierung. Eno Energy verbucht einen deutlichen Umsatz- und Gewinnrückgang. Ekotechnikas Rating sinkt auf „CCC“. Mehr

29.07.2014, 17:44 Uhr | Finanzen
Kolumne „Mein Urteil“ Darf der Chef meine E-Mails lesen?

In vielen Unternehmen dürfen Mitarbeiter von ihren Dienst-Accounts auch private Mails schreiben. Auf die darf der Arbeitgeber dann nicht mehr zugreifen. Oder? Mehr

21.07.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
CFO-Portrait Uwe Bögershausen: Der Wiederholungstäter

Erfolgreiche Börsengänge sind Höhepunkte in den Biographien von Finanzvorständen. Uwe Bögershausen hat gleich drei Unternehmen an die Börse gebracht und wundert sich noch immer, dass das nicht mehr deutsche Unternehmen tun. Mehr

21.07.2014, 08:30 Uhr | Finanzen
Stellensuche
Was
Wo