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Bewerbung Nur in den ersten Wochen greift das Welpenschutzprogramm

10.07.2005 ·  Viele Arbeitgeber misstrauen Zeugnissen und achten deshalb auf die Umgangsfromen und das Verhalten der Bewerber. Wer Erfolg haben will sollte wissen, was richtig uns was falsch ist.

Von Ursula Kals
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"Ich erhalte immer wieder Bewerbungsschreiben an Herrn Sylvia Knecht oder Schreiben, in denen noch der Name des Vorgängers steht", sagt Sylvia Knecht und wundert sich. Nach "Herr" sieht die verbindlich-energische Mitarbeiterin der DIS (Deutscher Industrie Service) AG nun wirklich nicht aus.

Manche Serienbewerbungen werden noch unterirdischer, indem sie sich in nichtssagenden Phrasen ergehen: "Gerne würde ich auch in Ihrem Unternehmen einer Tätigkeit nachgehen." Und in welchen anderen Unternehmen? Da waren wohl die Textbausteine verrutscht.

"Die Quantität nimmt zu, die Qualität der Bewerber nimmt ab", resümiert Sylvia Knecht, die in der Düsseldorfer Zentrale des Personaldienstleisters arbeitet, des "Marktführers in der Überlassung und Vermittlung von Fach- und Führungskräften".

Arbeitgeber bemängeln fehlende Softskills

In Anbetracht solch grober Bewerbungsfehler versagt mitunter auch Knechts rheinischer Mutterwitz. Bei dem Zeitarbeitsunternehmen gehen im Jahr rund 290000 Bewerbungen ein. "160000 Gespräche führen wir selbst", sagt die promovierte Politologin und Juristin. Wir, das sind 7000 Mitarbeiter, die einen Umsatz von 265 Millionen Euro machen und "Mittler zwischen Wirtschaft und Bewerber sind".

Sie treten zum Beispiel dann auf den Plan, wenn der Computerhersteller Dell 400 Mitarbeiter für das Businesscenter im ostdeutschen Halle einstellen möchte. Dann werden auf Recruiting-Veranstaltungen 15000 Bewerber näher angeschaut. Neben den fachlichen Voraussetzungen stehen - wie inzwischen kaum ein Unternehmen zu betonen vergißt - die weichen Eigenschaften im Fokus.

"Wir schauen intensiv auf die Softskills, denn deren Fehlen bemängeln einer Studie zufolge 25 Prozent der befragten Arbeitgeber. Unser Kunde sagt beispielsweise: Wir suchen einen technischen Leiter, der intern ein Team leiten soll. Wenn dieser nicht kommunikationsfähig ist, dann wird er scheitern. Oder er ist ein Querschläger und wäre selber gerne Leiter geworden, auch das würde schiefgehen."

Schlechtes Benehmen befremdet

Zum runden Wunschprofil gehört auch Souveränität im Auftreten, und das schließt die Kleiderfrage mit ein. Selbstverständlichkeiten, die offenbar alles andere als selbstverständlich sind. So berichtet Sylvia Knecht von einer aufgeweckten Praktikantin, die jetzt zur Bürokauffrau ausgebildet wird. Allerdings erscheint die Auszubildene gerne auch mal im bauchfreien Top unter dem Hosenanzug.

"Sie hat kein Bewußtsein dafür, daß das den Vorstand, der auch auf ihrer Etage arbeitet, befremdet. Die junge Frau lebt so in ihrer eigenen Welt, daß sie das Problem nicht sieht", sagt Sylvia Knecht. Nach ihrer Einschätzung stellt gutes Benehmen bei immer mehr jungen Leuten "ein grundsätzliches Problem dar". So wie bei dem jungen Assistenten, der ohne anzuklopfen in Büros stürmt, mit ausgebeulter Sporttasche auf Dienstreise geht oder vor dem Dessertbesteck beim Geschäftsessen kapituliert - garniert mit einem flotten Spruch.

"Heute stellt der Vierzigjährige einen Fünfundzwanzigjährigen nicht ein, der sich auf dem Sessel herumfläzt. Interessant ist aber die Frage: Was wird, wenn die Älteren ausscheiden und die Jungen nachrücken? Da wird es den einen oder anderen Flegel auf der Chefetage geben, so lautet meine Prognose." Oft helfe da nur ein klares Wort, auch aus Verantwortung den jungen Leuten gegenüber.

Zeugnisse sind oft zu gut

"Wir sind ein bißchen auch Eheinstitut, wir müssen die Menschen zusammenbringen, die auch zusammenpassen", erklärt sie. Zeugnisse sagen über eine mögliche Passung nicht immer viel aus. Knecht formuliert es drastisch: "Die ganze Republik scheint nur aus Einserkandidaten zu bestehen. Oft sehen wir hervorragende Zeugnisse, aber die Praxis zeigt etwas anderes. Da ist die Lüge systemimmanent."

In ihrer Wahrnehmung, mit der sie keineswegs alleine dasteht, "stellen Unternehmen zum Teil gute Zeugnisse aus, nur damit sie Ruhe haben. So sind sie jemanden losgeworden, außerdem verbaut ein ,ausreichend' natürlich auch den weiteren Weg." Und so schützen sich Arbeitgeber vor Prozessen: Ein erheblicher Teil der Arbeitsgerichtsprozesse dreht sich um Zeugnisformulierungen.

Sind die Bewerber genommen worden, "dann unterliegen sie zumindest bei uns einem Welpenschutzprogramm", wie Knecht formuliert. Niemand erwartet in den ersten Wochen Perfektion, wohl aber Bereitschaft zu lernen. "Die Frage ist ja: Welche Fehler werden übelgenommen, welche sind erlaubt?" Grundsätzlich sei es zunächst sinnvoll, aufmerksam zuzuhören, zuzusehen und den Mund zu halten.

Am Anfang nur kleine Schritte

Wer in den ersten Tagen eine kesse Lippe riskiere, der verspiele einen soliden Start. Eigentlich sagt das der gesunde Menschenverstand, aber offenbar nur eigentlich. Heikel werde die Anfängersituation vor allem dann, wenn sich die Unzufriedenen im Unternehmen auf die Neuen "stürzten". Der Fremde werde "unter dem Siegel der Verschwiegenheit" aufgeklärt: "Passen Sie bei dem X und Y auf, die sind cholerisch und ungerecht."

Auf solche Dialoge sollten sich Neue auf keinen Fall einlassen, sondern entgegnen: "Ich bin neu hier, nehme das zur Kenntnis und will mir ein eigenes Urteil bilden." Also offen sein und nicht gleich bewerten. Und selbstverständlich nicht den Besserwisser mimen und die Kollegen mit Tips überschütten: "Ich weiß das besser als ihr. Ich zeige euch jetzt mal, wie es geht." Andererseits ist es für einen motivierten Neueinsteiger enttäuschend, mit der argumentfreien Killerphrase "Das haben wir immer schon so gemacht" abgeblockt zu werden.

Da helfe, sagt Knecht, die sich selber politisch engagiert, "die Politik der kleinen Schritte und das Signal: Okay, das hat sich bewährt, schauen wir, ob wir es noch besser machen können. Je mehr Vertrauen man dann hat, desto größer können die Schritte später sein." Zum erfolgreichen Arbeitsleben gehört längst auch die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, das ist eine gute Investition ins Selbst.

Weiterbildung ist notwendig

Sylvia Knecht hat für dieses Schlagwort einen anderen Ausdruck: "Wir brauchen immer mehr hybride Persönlichkeiten, das sind Pflanzen, die sich anpassen." Gemeint sei damit kein willenloser Mitarbeiter, der sich nach kurzfristigen Auftragslagen ausrichtet, sondern "Mitarbeiter, die nicht mehr nur in den Standardqualifikationen gut sind, sondern sich weiterbilden".

"Je multifunktionaler jemand ist, desto besser ist er vermittelbar. Wer immer nur rechts schraubt, der verlernt es, links zu schrauben und etwas für Kopf und Körper zu tun." Da zukünftig immer mehr intern und extern zusammengestellte Projektteams arbeiten würden, seien Flexibilität oder die eine oder andere Zusatzausbildung hilfreich. Diesen Tip gibt sie gerade auch jungen Müttern im Erziehungsurlaub. "Leider machen zu viele Frauen den Fehler, sich komplett auszuklinken, anstatt Kontakt zum Arbeitgeber zu halten und sich auch weiterzubilden."

Den Weiterbildungsgedanken legt sie auch denjenigen nahe, die ihre Stelle verloren haben, wie im großen Umfang in der Informationstechnologie geschehen. "Da wird die Wohnung renoviert, ausgiebig verreist, erst dann kümmern sich manche um Anschlußjobs oder darum, sich weiter zu qualifizieren. Und das ist nicht gut. Das ist wie die Vorbereitung auf den Marathon, da müssen sie jeden Tag etwas tun."

Besser planvoll als hektisch vorgehen

Betroffene sollten persönliche und berufliche Netzwerke überprüfen, überlegen, wer weiterhelfen kann, welcher Verband Ideen geben könnte. Ein ritualisierter Tagesplan bewahre vor seelischen Abstürzen. So wie bei der fünfzigjährigen, einst erfolgreichen internationalen Projektmanagerin, die plötzlich ihre Stelle verlor, sich danach aber zwang, jeden Morgen zum Sport zu gehen, gleich ob draußen der Regen toste.

Inzwischen veranstaltet sie vielgefragte Vortragsreihen in und um Köln. Was diese Frau auch getan hat: "Sie hat offen über das Thema gesprochen. Das machen nur wenige, weil es ein Bruch in der Persönlichkeit ist." Von hektischem Aktivismus rät Sylvia Knecht ab: "Viel hilft viel, das ist nicht der richtige Ansatz."

Besser sei ein persönlicher Projektplan: Welche Branchen kommen überhaupt in Frage? Es ist gut, bis zu fünf herauszusuchen und dann jeweils gezielt auf zwei, drei Unternehmen zuzugehen. "Mein Gegenüber merkt ja, ob ich nun genau zu dieser Firma möchte oder ob ich nur einen Job will." Siehe Herr Knecht.

Praktika vermitteln Vorwissen über die Regeln

An schlampige Anschreiben kann sich Claudia Arnold zumindest noch erinnern. Die Wirtschaftswissenschaftlerin ist Mitarbeiterin der Robert Bosch GmbH, die im vergangenen Jahr 2100 Hochschulabsolventen und sogenannte Young Professionals eingestellt hat.

"Auch Ganzkörperfotos, irgendwo im Garten aufgenommen, habe ich noch gesehen und Anschreiben: Ich wollte immer schon bei Daimler arbeiten", sagt Arnold, halb belustigt, halb befremdet. Aber die Zeiten hätten sich gründlich geändert. Die Hochschulen bereiteten auf die Zeit danach vor. "Insgesamt sind die Bewerbungen besser geworden, die Gespräche laufen professioneller."

Ein Grund liege in den vielen Praktika: "Da bekommt man mehr mit, was in Unternehmen üblich ist, das Vorwissen ist größer. Gerade auch durch Auslandserfahrung. Dort lernen die jungen Leute mit einer anderen Kultur umzugehen, Rücksicht zu nehmen auf fremde Gewohnheiten, sich schnell einen Überblick zu erarbeiten. Wenn wir auswählen, dann werden diejenigen bevorzugt, die sich umgesehen haben."

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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