27.05.2005 · Aufgehübschte Bewerbungen werden immer mehr zu einem Problem für Personalabteilungen. Denn aus Zeitmangel können die Unterlagen oft nicht genau geprüft werden. Ertappten Fälschern drohen rechtliche Konsequenzen.
Von Ralf Nöcker„Veritas“ ist der lateinische Begriff für Wahrheit. Da ist es schon ganz besonders bemerkenswert, wenn ausgerechnet der ehemalige Finanzchef des amerikanischen Softwareunternehmens gleichen Namens seinen Posten mit Hilfe eines gefälschten Lebenslaufes ergattern konnte.
Kenneth Lonchar, so der Name des nach Bekanntwerden der Schummelei sofort geschaßten Managers, hatte einen MBA-Titel der Universität von Stanford geführt, den er überhaupt nicht besaß. Dieselbe kalifornische Elite-Universität mag auch Richard Li, Chef der Hongkonger Telefongesellschaft Pacific Century Cyberworks (PCCW) in seinem Leben schon einmal besucht haben - einen Abschluß hat er entgegen eigenen Angaben dort jedoch nicht gemacht. Auch der ehemalige Chief Executive Officer des Finanzdienstleisters MCG Capital, Bryan Mitchell, besaß den angegebenen Studienabschluß nicht.
Mit falschem Zeugnis zum alten Arbeitgeber
Derartige Köpenickiaden sind beileibe kein rein amerikanisches Phänomen, auch in Deutschland sind sie alles andere als selten. Der Fall des Postboten Gert Postel, der es mit Hochstapelei ohne Studium bis zum Oberarzt einer psychiatrischen Klinik gebracht hat, ist fast schon legendär. Aber auch in den Unternehmen laufen unter den Bewerbungen immer mehr gefälschte oder zumindest aufgehübschte Bewerbungsmappen ein. Verschiedene Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, daß der Anteil der gefälschten Lebensläufe hierzulande bei mindestens 10 Prozent liegt.
Die Detektei Kocks in Düsseldorf hat in einer Untersuchung sogar ermittelt, daß von 5.000 Bewerbungen 1.500 nicht korrekt waren. Die Detektei bearbeitet für überwiegend mittelständische Klienten rund 300 Aufträge im Jahr, in denen Bewerber zu überprüfen sind. Manfred Lotze, Geschäftsführer von Kocks, weiß zum Teil haarsträubende Geschichten aus seiner Berufspraxis zu erzählen. Etwa die um den Bewerber, der sich seinem alten Arbeitgeber andienen wollte, ohne es zu merken. Er war entlassen worden, das Unternehmen hatte später den Namen gewechselt, davon hatte er jedoch keine Kenntnis genommen. Der Geschaßte bewarb sich also bei einem vermeintlich anderen Unternehmen - in Wahrheit beim vormaligen Arbeitgeber unter neuem Namen - und reichte auch ein Zeugnis dieser Firma ein. „Der Bewerber hatte dieses Zeugnis inhaltlich komplett neu gestaltet“, sagt Lotze. Die Personaler werden nicht schlecht gestaunt haben, als sie die neue Version des von ihnen selbst ausgestellten Zeugnisses zu Gesicht bekamen.
Versäumnisse der Personalabteilungen?
In einem anderen Fall hatte ein männlicher Bewerber das Diplomzeugnis seiner Freundin der Bewerbung beigelegt und bei der Überleitung von der weiblichen in die männliche Form ein wenig geschlampt. „Für ein geübtes Auge ist so etwas schnell zu erkennen“, sagt Lotze. Mitarbeiter in Personalabteilungen sind aber oft nicht hinreichend geübt und gehen teils vielleicht etwas zu vorurteilsfrei zu Werke. Vor allem aber fehlt ihnen schlicht die Zeit, sich mit jedem Lebenslauf eingehend zu befassen. Untersuchungen zeigen, daß ein Personaler zwischen zwei und zehn Minuten auf die Durchsicht einer Bewerbungsmappe verwendet. Schon die offensichtlichen Unstimmigkeiten - wenn also die Angaben im Lebenslauf nicht mit denen in den Zeugnissen übereinstimmen - werden so häufig nicht wahrgenommen.
„Das ist nicht mehr als Daumenkino“, sagt Detektiv Lotze. Die Zeitknappheit betrifft vor allem Großunternehmen wie etwa Siemens, die mit Bewerbungen überhäuft werden. „Wir bekommen im Jahr insgesamt rund 250000 Bewerbungen. Schon angesichts dieser Masse können wir nicht jeden Lebenslauf genauestens überprüfen“, sagt ein Siemens-Sprecher. Lotze sieht allerdings auch Versäumnisse der Personaler, wenn es um die Beurteilung von Lebensläufen geht: "Die Unternehmen gehen noch sehr blauäugig mit dem Thema um.“
Nur wenige Bewerber können Anforderungen erfüllen
Ein wesentlicher Grund für das häufige Polieren von Lebensläufen liegt sicherlich in der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt. Die Konkurrenz um einzelne Stellen ist groß, allein mit der Darstellung der Wahrheit sehen viele Bewerber keine Chance mehr, überhaupt zum Vorstellungsgespräch geladen zu werden. „Das Selbstmarketing ist in den vergangenen Jahren sicherlich aggressiver geworden“, berichtet Lutz Rachner von der Managementberatung Kienbaum. Die Grenze zwischen Übertreibung und Lüge ist dabei fließend.
Hinzu kommt, daß die Anforderungen, die in Stellenanzeigen formuliert sind, häufig kaum noch jemand erfüllen kann. Mitte Dreißig soll der Kandidat sein, möglichst promoviert, mit fünf Jahren Führungserfahrung, am besten im Ausland. Daß angesichts dessen schon einmal aus einem Azubi, den man in seinen Job eingewiesen hat, eine Gruppe von 10 Mitarbeitern wird, die man geführt haben will, ist beinahe schon verständlich.
Mit Computer und Scanner zum perfekten Zeugnis
Noch häufiger werden Lücken im Lebenslauf kaschiert. „Das merkt man am oft verquasten Aufbau des Lebenslaufs“, sagt Kienbaum-Berater Rachner. Daten sind dann nicht genau den jeweiligen Beschäftigungsverhältnissen zuzuordnen, angebliche Anstellungen bei Firmen, die sich im Besitz von Verwandten des Bewerbers befinden, sollen Karrierelücken kaschieren. Teils tauchen aber auch Dinge nicht in den Bewerbungen auf, die eigentlich dort hineingehört hätten. „Das Selektieren der Unterlagen seitens der Bewerber ist das größte Problem“, so die Erfahrung von Ulf Hellert, Personalmanager beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KMPG. Ihm sei ansonsten nur eine wirkliche Fälschung eines Zeugnisses untergekommen: Ein Bewerber hatte eine Note im Diplomzeugnis angegeben, die an der betreffenden Universität praktisch nie vergeben wird. Ein Anruf bei der Hochschule entlarvte den Fälscher.
Dank technischer Hilfsmittel wie Computer, Scanner und Drucker stellt es heute kein größeres Problem mehr dar, Zeugnisse und andere Urkunden herzustellen oder zu verändern. Firmenlogos werden eingescannt und in anschließend täuschend echt wirkende Firmenbriefe einmontiert, schlechte Noten überklebt, Universitätsdiplome frei gestaltet. Besonders findige Bewerber verzichten allerdings auf derart mühselige Bastelei. Da ist dann das Original angeblich leider wegen eines Wohnungsbrandes oder Umzuges verlorengegangen, also gibt der Bewerber eine eidesstattliche Erklärung ab, mit der er versichert, das Praktikum X geleistet oder den Hochschulabschluß Y erworben zu haben. „Solche Erklärungen sind unter Privatpersonen unwirksam. Das wissen aber längst nicht alle Personaler“, sagt Lotze.
Entlarvung im Vorstellungsgespräch
Besonders leicht fallen gestaltende Maßnahmen bei Online-Bewerbungen. Bei der Deutschen Bank ist man sich dessen bewußt: "Wer sich Online beworben hat und zum Vorstellungsgespräch geladen wird, muß seine Zeugnisse im Original mitbringen", sagt ein Sprecher der Bank. Fälle von Fälschungen seien bisher nach Angaben des Sprechers nicht aufgetreten. Überhaupt ist das Vorstellungsgespräch häufig die Klippe, an der unredliche Bewerber scheitern. "Man merkt schnell, welcher Typ Mensch einem da gegenübersitzt", sagt Personalberater Rachner. Wer eigene Errungenschaften im Gespräch allzu blumig und aggressiv hervorbringe, wecke Mißtrauen. Unwahres über bestehende oder alte Arbeitsverhältnisse könne öfter aufgedeckt werden, als vielen Bewerbern bewußt ist: „Die Welt ist klein“, sagt Kienbaum-Berater Rachner.
Auch Doktortitel sind ein heikles Thema. „Rund 10 Prozent der Titel geben Anlaß zu einer Überprüfung“, sagt Detektiv Lotze. Vor allem Doktorhüte, die gegen Geld von einer der einschlägigen Titelschmieden erworben wurden, erfreuen sich offenbar wachsender Beliebtheit. „Ich selbst bekam ein Angebot von einer kleinen Insel in der Nähe von Neuseeland“, sagt Lotze. Schlappe 300 Euro hätte der Titel gekostet. Eine andere Promotion, die er zu überprüfen hatte, entstammte bei näherer Betrachtung dem Umfeld einer amerikanischen Sekte.
Bewerbungstourismus mit unangenehmen Folgen
Ein Mitarbeiter, der mittels gefälschter Zeugnisse eine Position in einem Unternehmen erlangen konnte, muß mit rechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn er erwischt wird. „Der Anstellungsvertrag ist in diesem Falle anfechtbar beziehungsweise unter Umständen fristlos kündbar“, sagt Arbeitsrechtexperte Hans-Peter Löw von der Kanzlei Lovells. Möglicherweise kann der Arbeitgeber sogar auch Schadensersatz fordern. Laut eines Urteils des Landesarbeitsgerichts Köln (AZ 11 Sa 1511/99) darf der getäuschte Arbeitgeber das gezahlte Gehalt zurückfordern, wenn der Bewerber die Stelle mit Hilfe eines gefälschten Zeugnisses ergattert hat und sich im nachhinein als für die Position ungeeignet erweist. Schwierig wird es, wenn der Mitarbeiter behauptet, während seiner Anstellung verwertbare Arbeit geleistet zu haben. Diese müßte man eventuell gegenrechnen. Wer im Lebenslauf unzutreffende Angaben macht, kann alleine deswegen nicht strafrechtlich belangt werden - „die schriftliche Lüge ist nicht strafbar“, erläutert Anwalt Löw.
Nicht immer verfolgen die angeblichen Bewerber überhaupt die Absicht, eine Stelle anzutreten, für die sie sich beworben haben. Denn es lockt möglicherweise auch schlicht die Aussicht auf eine bezahlte Reise in eine interessante Stadt. Das Oktoberfest steht vor der Tür, also wird flugs eine Bewerbung zu Siemens, zur Allianz oder einem anderen Unternehmen vor Ort geschickt. Mit einem auf Hochglanz polierten Lebenslauf steigen die Aussichten auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, die Kosten für die Anreise übernimmt dabei in der Regel der Einladende. „Der tatsächlich geeignete Bewerber kommt nicht zum Zuge und wechselt möglicherweise zum Wettbewerber“, beschreibt Detektiv Lotze die unangenehmste der Folgen des Bewerbungstourismus für das betreffende Unternehmen.