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Yoga-Lehrer Kabat-Zinn : „Wir sind definitiv viel zu lange im Büro“

Lassen wir uns zu leicht ablenken?

Und wie! Der Geist liebt es, herumzuwandern, er schlägt ununterbrochen Kapriolen. Das darf er auch. Die Kunst ist es, sich dessen bewusst zu werden, ihn sanft einzufangen und die Arbeit wieder aufzunehmen.

Lenken Smartphones uns zusätzlich ab?

Selbstverständlich. Da gilt: Je häufiger man sie ausschaltet und weglegt, umso besser. Denn es geht eine reale Suchtgefahr von ihnen aus. Wenn man sieht, was sie im Gehirn bei uns auslösen, dann ist das vergleichbar mit den Vorgängen, die Kokain hervorruft.

Aber der permanente Zugang zum Netz mit seinen Verlockungen ist nicht mehr wegzudenken.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Das stimmt. Das ist die Herausforderung unserer digitalen Zeit. Wir müssen einen Weg finden, damit zu leben.

Der wäre?

Erst die richtige Arbeit erledigen, dann die E-Mails checken. Am besten zu festen Zeiten, nicht ständig zwischendurch und nie im Bett vor dem Aufstehen. In der Klinik arbeiten wir mit vielen Führungskräften zusammen, die nicht mehr unterscheiden können zwischen wichtiger und unwichtiger Arbeit. Das zermürbt sie.

Was fehlt den Managern?

Disziplin. Die kommt uns zunehmend abhanden. Viele Menschen sind heute nie voll bei der Sache. Sie sind gefangen im Chaos ihrer Gedanken und Gefühle, schweifen ständig ab, werfen immer wieder einen Blick auf ihr Smartphone, was für neue Infos dort eintreffen. Viele hören nicht mehr auf ihren Körper. Und irgendwann brechen sie zusammen.

So ein Zusammenbruch deutet sich also an?

Natürlich. Nur bemerken es die meisten nicht, weil sie die Signale, die der Körper aussendet, wegdrücken, ignorieren. Sie wollen sie gar nicht bemerken. Die Gründerin der „Huffington Post“, Arianna Huffington, hatte vor einigen Jahren einen Zusammenbruch. Sie sagt, hätte man sie am Tag zuvor gefragt, wie es ihr geht, sie hätte geantwortet: blendend, bisschen viel um die Ohren, aber alles im grünen Bereich. Erst im Nachhinein sei ihr klargeworden, dass sie da schon längst am Ende war. Das ist ganz typisch.

Aber sind es nicht die Jobs, die uns heute einfach zu viel abverlangen?

„Früher haben Manager heimlich meditiert, heute bekennen sie sich dazu“, sagt Jon Kabat-Zinn, 70.
„Früher haben Manager heimlich meditiert, heute bekennen sie sich dazu“, sagt Jon Kabat-Zinn, 70. : Bild: Polaris/laif

Nein. Wir sind definitiv viel zu lange im Büro, das stimmt. Aber da ist viel vertane Zeit dabei. Wir könnten weniger und kürzer arbeiten, wenn wir intelligenter arbeiten würden.

„Work smarter“ lautet die Losung?

Wer konzentriert bei der Sache ist, braucht viel weniger Zeit. Da wir in unserer schnelllebigen Zeit aber meinen, nie genug Zeit zu haben, machen wir permanent etliche Dinge gleichzeitig. Das führt dazu, dass wir nichts zu Ende bringen.

Wir verheddern uns?

Genau. Die meiste Zeit sind wir gedanklich mit Dingen beschäftigt, die noch vor uns oder bereits hinter uns liegen. Von morgens bis abends hetzen wir uns ab, um irgendwo hinzukommen, aber bevor wir ankommen, sind wir gedanklich schon längst wieder weg. Das ist nicht gesund auf Dauer. Denn der Augenblick, das Hier und Jetzt, ist das einzige, was wir haben.

Das widerspricht dem Multitasking.

Es gibt nichts Schlimmeres! Wie soll ich ein Unternehmen gut führen, wenn ein Teil von mir stets abgelenkt ist?

Was also, raten Sie, ist zu tun?

Lernen, nichts zu tun. Das ist nicht einfach. Nichts-Tun muss geübt und praktiziert werden. Das ist kein esoterisches Konzept, keine Philosophie, die man verstehen muss, sondern ein Muskel, der trainiert werden will. Jeden Tag, immer wieder, auch wenn es schmerzt und man keine Lust hat.

Und wenn man keine Zeit hat?

Das zählt nicht. Jeder hat ein paar Minuten am Tag, um sich ruhig hinzusetzen und auf den Atem zu achten. Oder sich auf den Rücken zu legen und auf den Körper zu hören. Da reichen fünf Minuten.

Und schon bin ich eingeschlafen.

Das ist dann ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie übermüdet sind. Viele Führungskräfte verlangen sich zu viel ab und sind dauerhaft übermüdet. Damit schaden sie sich und der Arbeit. Denn wer ist konstruktiv und kreativ, wenn er mit dem Schlaf kämpft?

Die wenigsten.

Niemand! Aus gutem Grund verbieten wir Lastwagenfahrern weiter zu fahren, wenn sie müde sind. Aber ein Manager soll nach zehn Stunden Arbeit immer noch alles richtig machen? Bill Clinton hat mal gesagt, dass er die meisten schlechten Entscheidungen getroffen hat, als er müde war. Das geht allen so. Das können Unternehmen sich nicht leisten.

Quelle: F.A.S.

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