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Kolumne : Kein Leben ohne Fußball

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Ein Rätsel hatte Hechts Aufmerksamkeit geweckt: „Wie viele deutsche Männer wären gerne Fußballprofi?“ Ein merkwürdiges Rätsel, dachte Hecht. Die Antwort konnte doch nur sein: Na, alle!

          Hecht wartete am Bahnsteig auf dem Heimweg auf die U-Bahn und verfolgte feierabendlich schläfrig die Nachrichten auf der Infoscreen, bis sie von der Einblendung einer Frage unterbrochen wurden, die sofort seine allerhöchste Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Es war ein Rätsel, an dem sich die Wartenden versuchen sollten. Es lautete: „Wie viele deutsche Männer wären gerne Fußballprofi?“ Ein merkwürdiges Rätsel, dachte Hecht. Die Antwort konnte doch nur sein: Na, alle! Jeder! Hundert Prozent! Die Begründung lag auf der Hand: Jung sein, talentiert, reich, begehrt, mit mindestens einer Top-Spielerfrau im geschenkten italienischen Rennwagen - sollte sich dafür irgendjemand nicht begeistern können?

          Gerade wollte Hecht schon in die Details gehen. Er sah sein Nationalmannschaftstrikot vor sich und begann sich Gedanken über seine Rückennummer zu machen, als die Antwort erschien, weiß auf rotem Grund: 74 Prozent! Hecht war fassungslos. Was war mit den deutschen Männern los? Er hätte blindlings auf die 100 Prozent gewettet. Aber mit 26 Prozent der deutschen Männer schien ernsthaft etwas nicht in Ordnung zu sein. Wie konnten sie denn nicht Fußballprofi sein wollen? Hatten sie Angst vor den Tätowierungen? Wollten sie gerne eine normale Frisur behalten? Ihren Bauch? Mochte sein, dass es solche gab, aber die konnten doch unmöglich ein Viertel der männlichen Bevölkerung ausmachen.

          Hecht versuchte in Gedanken den Lackmustest. Von den circa zwanzig Männern in seiner Abteilung gab es keinen einzigen, der je von sich behauptet hätte, nichts mit Fußball am Hut zu haben. Sogar die vier Chinesen, die seit letztem Jahr da waren, trugen an Spieltagen Deutschlandschals, obwohl sie in dieser Statistik gar keine Rolle spielen konnten. 26 Prozent taten also nur so, als wären sie mit vollem Herzen dabei. Was wollten diese Leute? Mit ihrer Antwort behaupteten sie ja indirekt, ihr eigenes Leben sei noch schöner, erfüllter, glücklicher als das eines Fußballprofis! Gab es ein Leben jenseits des bezahlten Fußballs?

          Hecht erschauerte bei diesem Gedanken. In seinem Fall hieße das: Keine Bürowetten, kein Bierkaltstellen, keine Fachgespräche, kein Torjubel mit Umarmungen im Wohnzimmer, keine Fanmeile, stattdessen: Fernsehfreie Abende. Entspannte Unterhaltung. Musik. Spaziergänge in der Dämmerung. Naturbeobachtungen. Niveauvolle Lektüre.

          Als Hecht in die U-Bahn stieg, ließ er den Blick schweifen. Diese 26 Prozent sind unter uns, dachte er. Mochte sein, dass sie es derzeit für klug hielten, sich nicht zu erkennen zu geben - aber wenn sich ihnen eines Tages die Gelegenheit böte, würde ihre Rache fürchterlich sein.

          Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

          Quelle: F.A.Z.

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