http://www.faz.net/-gym-74vbb

Kolumne : Drei Minuten nach sechs

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Henk wartete auf sie. Und schließlich, kurz nach Dienstschluss, um achtzehn Uhr zwei, kam sie auch. Nicht, dass er sie gekannt hätte. Aber er wusste doch gleich, dass sie es war.

          Henk sah auf die Uhr über dem Eingang, als sie auf siebzehn Uhr neunundfünfzig umschaltete. In sechzig Sekunden war alles vorbei. Dann konnte er sich umziehen, hinausgehen, die Tür hinter sich zuziehen, als einer von vielen in der Masse verschwinden. Doch zuvor hatte er noch etwas zu erledigen. Er hoffte, es würde ihm gelingen, denn es klappte nicht immer. Eigentlich nur selten. Doch wenn es gelang, war es jedes Mal ein Fest.

          Er wartete auf sie. Und schließlich, um achtzehn Uhr zwei, kam sie auch. Nicht, dass er sie gekannt hätte. Aber er wusste doch gleich, dass sie es war. Sie musste es sein. Die, auf die er gewartet hatte. Wenn sie kam, sah sie immer so aus. Eine Frau in ihren Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern. Fast immer stieg sie aus einem SUV, fast immer waren ihre Haare lang und gefärbt, fast immer hatte sie eine atemberaubend schlanke Figur, die sie, zumindest von ferne, weit jünger erscheinen ließ, als sie war. Sie wusste nichts von Nullrunden, verlorenen Privilegien, aufgeschobenen Zusagen, leeren Versprechungen. Überhaupt wusste sie nichts von: schlechten Aussichten. Fast immer hatte sie dieses hübsche Lächeln im Gesicht, dem man ansah, dass sie es gewohnt war, zu überzeugen, zu gewinnen, zu bekommen, was sie wollte.

          Und was wollte sie jetzt? Jetzt wollte sie noch ein Paket aufgeben, obwohl sie wusste, dass es zu spät dafür war. Sie wusste, es war nach achtzehn Uhr, und doch, aus irgendeinem unerfindlichen Grund, glaubte sie, dass die Schließungszeiten für sie nicht galten. Sie kam mit dem Gesicht ganz nah an die Glastür heran und erblickte endlich Henk, und als sie ihn sah, drückte ihre Mimik freundliche Erleichterung aus, so als habe sie von Beginn an keine Zweifel gehabt, dass die Situation ein gutes Ende nehmen würde. Henk griff nach dem Schlüsselbund und ging zur Tür. Er sperrte sie auf und öffnete sie einen Spalt. „Danke! Das ist soooo nett von Ihnen!“

          Tja, meine Liebe, dachte Henk. Nur nicht so vorschnell. Mit ausdrucksloser Miene streckte er ihr das Zifferblatt seiner Armbanduhr entgegen und tippte, ohne ein Wort zu sagen, mit dem Zeigefinger darauf. „Drei nach sechs. Leider schon zu.“

          “Aber Sie haben doch schon aufgesperrt. Machen Sie doch eine Ausnahme.“

          “Keine Ausnahme für Sie, tut mir leid.“

          Henk schloss die Tür und sah in das verdutzte Gesicht der Frau. Ein, wie er dachte, mit Ausnahmen vertrautes Gesicht, das gerade eine ganz ungewohnte Erfahrung widerspiegelte. Darum ging es, fand Henk. Um eine ganz ungewohnte Erfahrung, ab und zu. Eine Viertelstunde später verließ er hochzufrieden seinen Arbeitsplatz.

          Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          China setzt auf Gesichtserkennung Video-Seite öffnen

          Totale Kontrolle : China setzt auf Gesichtserkennung

          In China müssen die Menschen damit leben, dass ihr Gesicht in der Öffentlichkeit permanent gefilmt, gescannt und ausgewertet wird. Gesichtserkennung hat inzwischen alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfasst.

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.