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Berufliche Deformation : Warum hast du mich nicht gewarnt?

Wie wirkt der Beruf auf die Persönlichkeit? Das haben wir (Ehe)partner gefragt. Bild: iStock

Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir bei der Arbeit. Kein Wunder, dass der Beruf auf die Persönlichkeit abfärbt. Wir haben uns bei einigen Paaren nach typischen Marotten umgehört.

          Er flippt nicht so leicht aus

          Piloten fliegen große Flugzeuge sicher über Ozeane. Rechts ranfahren geht nicht, das lernen sie schon früh in ihrer Ausbildung. Sie müssen vor dem Start berechnen, bis wann sie den Abflug noch abbrechen könnten. „Das mache ich innerlich jedes Mal, wenn ich an eine Ampel heranfahre“, sagt mein Freund über sich selbst. Eine starke Macke sei das – anders als die Fähigkeit, schnell einen Plan B oder C zu ermitteln. Davon profitiere er auch im Alltag. Bei Segeltörns mit Freunden macht sich bemerkbar, dass er anders mit Problemen umgeht als andere Menschen. Er flippt nicht so leicht aus. Als Verantwortlicher dafür, dass die Crew harmonisch arbeitet und so die Sicherheit gewährleisten kann, muss er immer beide Seiten einer Medaille betrachten, um zwischen beiden Konfliktparteien vermitteln zu können. Es ist eine Pilotenkrankheit, nicht sofort Partei zu ergreifen. Wenn ich selbst mal in einem Konflikt mit jemand anderem stecke, fehlt mir bisweilen sein Bekenntnis, dass ich es vielleicht schlicht mit einem Idioten zu tun habe. Er sagt stattdessen immer: „Versetz dich in seine Position.“ Prägend sind auch die Zeitverschiebungen. Deshalb isst er immer spätabends, kocht meist erst gegen elf oder halb zwölf. Und zu Hause fliegen immer Checklisten herum, kleine To-do-Zettel, wie er sie auch vor dem Abflug im Kopf haben muss. Es ist eine Genugtuung für ihn, sie abzuhaken. Und selbstverständlich ist es, Begriffe aus dem Cockpit in den Alltag zu integrieren: Disregard, continue, go, say again – eine kurze prägnante und klare Sprache. Auch die vielen Knigge-Regeln seines Arbeitgebers hat er verinnerlicht. Man grüßt sich und bedankt sich gegenseitig für erledigte Leistungen. Im Alltag bedankt und verabschiedet er sich sogar vom Busfahrer.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine Flugbegleiterin über ihren Freund, einen Piloten

          Das Kopfkino der Krankheiten

          Allgemeinmediziner stehen unter Beobachtung. Auf den Bewertungsportalen kann man überall auf der Welt lesen, wie sie ihre Arbeit erledigen. Meine Frau wird als einfühlsam beschrieben. Aber dieses Maß an Empathie kann sie nicht immer auch in der Familie aufbringen. „Liegst Du immer noch im Bett?“, ruft sie ihrem schnupfenden Mann nach einer Stunde ungläubig zu. Wahrscheinlich ist ihr Einfühlungsvermögen nach einem Tag mit Dutzenden Patienten einfach aufgebraucht. „Stell dich nicht so an“, verlangt sie von den Kindern beim Pflasterabreißen. Dieselbe Frau, die im Internet als so verständnisvoll beschrieben wird? Anders ist es, wenn Freunde über ihre gesundheitlichen Probleme reden. Dann kann sie klare Diagnosen schnell nennen. Betrifft es aber die eigenen Kinder, verliert sie ihre Coolness. Dann kann sich das eigene Wissen sogar als hinderlich erweisen – denn es schafft eine Grundlage, um in Katastrophenszenarien abzudriften. Was könnten diese Symptome alles bedeuten? Als Unkundiger neigt man dazu zu sagen: Alles nicht so wild! Bei ihr dagegen startet sofort das Kopfkino: Wenn es so ist, wie ich vermute, was könnte es dann sein? Das ist wahrscheinlich eine unvermeidliche Deformation. Eine andere Schwäche, die typisch für Mediziner ist, hat sie aber nicht: Viele gehen nicht zu anderen Kollegen, weil sie ohnehin glauben, sich selbst am besten diagnostizieren zu können. „Ich weiß, was es ist“, sagen sie dann und bleiben zu Hause. Sie sind schlecht als Patienten.

          Ein Psychiater über seine Ehefrau, eine Allgemeinmedizinerin

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