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Kommunikation auf der Arbeit : Lass uns mal sprechen

Die Mail-Flut kann Mitarbeiter im Büro leicht überfordern. Bild: Hero Images/F1online

Mailen, slacken oder an der Bürotür quatschen: Wie wir bei der Arbeit kommunizieren, hat sich radikal verändert. Zeit für eine Serie über Sprache im Beruf.

          Sage und schreibe 45 Millionen Wörter prasseln bis zum vierten Lebensjahr durchschnittlich auf einen Menschen ein, der in einer wohlhabenden und gebildeten Familie groß wird. Immer noch 13 Millionen Wörter sind es, mit denen Kleinkinder in weniger privilegierten Familien aufwachsen. Das wissen wir aufgrund einer vielzitierten Studie der Amerikaner Betty Hart und Todd Risley schon seit mehr als zwanzig Jahren. Im Erwachsenenalter reden wir durchschnittlich 6000 Wörter in der Stunde, haben Forscher der University of Arizona später herausgefunden.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Wenn wir berufstätig sind, findet ein nicht unerheblicher Teil dieser Kommunikation im Arbeitskontext statt. Wie viel genau wir im beruflichen Zusammenhang reden und schreiben, ist indes nur lückenhaft erforscht. „Es lässt sich kaum seriös quantifizieren“, sagt Konstanze Marx, Linguistikprofessorin am Institut für Deutsche Sprache. „Denn wer würde schon seine gesamte Kommunikation mit Kollegen, alle seine Mails, alle Handynachrichten, alle Textdokumente ständig für Forscher öffnen? Dazu noch alle Meetings und Gespräche an der Bürotür belauschen lassen?“

          Anhaltspunkte liefern allenfalls punktuelle Befragungen von Arbeitnehmern, die selbst ihre Mails und Textdokumente zählen. So fand die Gesellschaft für Konsumforschung vor etwa vier Jahren im Auftrag des Dienstleisters „Made in Office“ heraus, dass ein durchschnittlicher „Bürotäter“ etwa 600 E-Mails je Monat verfasst, dazu 20 Textdokumente und vier Präsentationen. Dabei hat die Zahl der E-Mails mit den Jahren noch zugenommen. Berufliche und private Korrespondenz zusammengenommen, wurden im Jahr 2017 rund 771 Milliarden E-Mails in Deutschland versendet, geht aus Daten der Analysefirma „The Radicati Group“ und der Dienstleister Web.de und Gmx.de hervor – Spam wurde dabei schon herausgerechnet; zwei Jahre vorher waren es 544 Milliarden.

          Der Siegeszug der E-Mail wird weitergehen

          Das entspricht dem Gefühl von Konstanze Marx vom Institut für Deutsche Sprache: „Büro-Arbeitnehmer schreiben heute sehr viele Mails für Dinge, die sie schneller und besser am Telefon oder im persönlichen Gespräch erledigen könnten“, sagt sie. „Häufig werden viele Mitarbeiter ins CC gesetzt – das ist einerseits schön, weil es viele in die Kommunikation integriert, aber erhöht andererseits die E-Mail-Flut noch einmal deutlich.“ Dass Mitarbeiter zunehmend verstreut an vielen Orten sitzen und sich nicht mehr ganz selbstverständlich tagtäglich in ein und demselben Bürogebäude versammeln, macht es nicht leichter. New Work, also das flexible Arbeiten unabhängig von Zeit und Ort, führt anscheinend zunächst einmal zu Textbergen, die manchmal „nur noch schwer bewältigbar“ sind, wie Konstanze Marx es formuliert.

          Heute wird in den Büros nicht mehr nur über Mail kommuniziert. Dienste wie Slack haben längst den Alltag erobert.

          Gleichzeitig hat sich die Zahl der Kanäle, über die wir beruflich kommunizieren, stark vergrößert. Da wären Team-Programme wie Slack, Skype for Business oder Microsoft Teams, in denen Arbeitnehmer sich Chatnachrichten mobil wie stationär in verschiedenen Themenkanälen schicken können, individuell und in der Gruppe. Das ist informeller als E-Mails, funktioniert ohne Betreffzeile; die Nachrichten sind kürzer, dafür mit mehr Emojis und kleinen Bildern (Gifs) geschmückt. Sie könnten der Grund dafür sein, dass sich – zumindest in Amerika – das Wachstum des E-Mail-Volumens in den Büros seit dem Jahr 2016 verlangsamt hat.

          Konstanze Marx glaubt trotz der neuen Vielzahl der Kanäle jedoch nicht, dass der Siegeszug der E-Mail in deutschen Büros in absehbarer Zeit beendet sein wird. Und schon gar nicht der Trend zur schriftlichen Kommunikation: „Für eine E-Mail oder Chatnachricht brauche ich keinen Konferenzraum und keine ruhige Ecke, ich kann sie diskret während eines Meetings senden oder im Zug, wo der Sitznachbar im Zweifel ein Telefonat mithören würde.“

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