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Nicht das Beste vom Besten : Autos für Indien und Handys für Oma

Wie soll das bloß funktionieren? Viele Senioren wünschen sich einfache Handys mit wenig Schnickschnack. Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Beste vom Besten ist manchmal gar nicht gefragt. Smartphones mit viel Schnickschnack sind für Senioren oft zu kompliziert; superschnelle Autos sind nichts für Indiens holperige Straßen. Warum das die Berufswelt so stark verändert.

          Kennen Sie die Geschichte von den Amerikanern und den Russen im Weltall?“, fragt Rajnish Tiwari, wenn er Laien für seine Forschung begeistern will. „Sie wissen doch sicher, dass Kugelschreiber in der Schwerelosigkeit nicht funktionieren, weil die Tinte nur durch die Schwerkraft nach unten zur Mine fließen kann. Die Amerikaner sahen das Problem, setzten tüchtige Ingenieure daran und erfanden einen äußerst komplizierten Kugelschreiber, der auch im Weltall funktionierte. Und wissen Sie, was die Russen taten?“ Rajnish Tiwari macht eine Kunstpause. „Richtig, sie nahmen einfach einen Bleistift mit!“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Rajnish Tiwari forscht an der TU Hamburg-Harburg zu einem Thema mit dem sperrigen Namen „frugale Innovationen“. Das klingt kompliziert, ist in Wahrheit aber so etwas wie die Wissenschaft von der Einfachheit. „Letztlich geht es um die Frage, wie kluge Ingenieure, Entwickler und Techniker Produkte so herstellen oder auch abspecken können, dass sie nur noch die Funktionen haben, die der Kunde wirklich braucht“, sagt Tiwari. Das sei gerade für Deutschland ein wichtiges Thema. Denn hierzulande seien alle daran gewöhnt, das Beste vom Besten herzustellen. „Aber in Indien, wo ich ursprünglich herkomme, kann sich das keiner leisten. Dort braucht zum Beispiel kaum einer ein Auto, das 280 Stundenkilometer fahren kann. Auf den schlechten Straßen dort lässt der Verkehr vielleicht 120 Kilometer pro Stunde zu - maximal.“

          Es gebe einen zunehmenden Druck für deutsche Unternehmen, Produkte so herzustellen, dass sie eine angemessene Qualität zu erschwinglichen Preisen böten, ansonsten könnten sie mit Herstellern aus den Schwellenländern oft nicht mehr mithalten. Gerade dann, wenn es darum gehe, auch die Märkte in den Schwellenländern zu bedienen. „Auf dem indischen Automarkt beherrschen deutsche Hersteller das Luxussegment zu fast 100 Prozent“, sagt Tiwari. „Aber kaum einer kauft in Indien Luxusautos. Was wirklich wächst, ist das Kleinwagensegment. Dort decken die deutschen Hersteller gerade mal 2 Prozent des Marktes ab.“ Viel Energie für wenig Ertrag. „Da sind ganz neue Ansätze gefragt.“

          Berufe verändern sich radikal

          Eine Denkweise wie die von Rajnish Tiwari verändert viele Berufe radikal. „Das Anreizsystem ist plötzlich ein ganz anderes“, sagt er. „Es geht etwa in der Ingenieurkunst nicht mehr darum, das zu erreichen, was zuvor als rein technisch unerreichbar galt. Vielmehr muss das, was wirklich gebraucht wird, zu erschwinglichen Preisen hergestellt werden. Es geht quasi um das Unerreichbare im Kostensegment.“ Und auch dafür brauche es jede Menge Innovationen findiger Ingenieure, Entwickler und Programmierer: neue, kostengünstige Materialien, schlaue Software, die teure Hardware ersetzen kann, innovativ konstruierte Produkte, die mit weniger Features trotzdem das können, was der Kunde braucht. Der Trend zum Abspecken betrifft aber auch noch weitere Berufsgruppen. Vertriebler und Marketingleute müssen ihren Kunden erklären, warum weniger an manchen Stellen mehr ist. Und sie müssen ganz anders in die Kunden hineinhören, um ihren Nerv ganz genau zu treffen.

          Ein Unternehmen, das schon länger die Philosophie des gezielten Abspeckens umsetzt, ist der Kamerahersteller Basler. Basler macht Digitalkameras - nicht für Privatleute, die damit Urlaubsbilder knipsen, sondern für die Industrie. Denn an Fließbändern müssen ständig Teile auf ihre Qualität hin geprüft und sortiert werden: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Heutzutage treffen oft Computer diese Entscheidung mit Hilfe der Bilder von Digitalkameras. „Früher haben wir hauptsächlich Kamerakörper hergestellt“, sagt Marko Voitel, der bei Basler den Fachbereich Technologieentwicklung leitet. „Dann haben wir gemerkt, dass die Kunden vermehrt günstige, kleine Sensoren haben wollen, wie sie in Kameras für Privatleute stecken. Die reichen für die Industriekameras auch aus, es gab aber nicht die passenden Objektive dafür.“ Deshalb entwickelten Voitel und sein Team zusammen mit einer Partnerfirma kurzerhand ein eigenes Objektiv für die günstigeren Sensoren. Das sparte je Kamera rund 50 Euro. „Wenn ein Kunde mehrere tausend Kameras abnimmt, ist das schon eine Menge Geld“, sagt Voitel.

          Doch Entwicklerteams bereiten solcherlei Innovationen nicht immer nur Freude. „Wenn man auf einmal nicht mehr das Schönere und Größere schaffen, sondern Kosten einsparen und Dinge zurechtstutzen soll, erscheint das Jungingenieuren oder Kollegen aus anderen Fachbereichen erst einmal als ein wenig attraktiver Job“, sagt Elmar Rummert, Projektleiter bei Siemens Healthcare. „Doch das ist ein Missverständnis. Denn in den meisten Fällen geht es gar nicht ums Abspecken oder Zurechtstutzen von Produkten. Kosteninnovationen sind technisch sogar meist höchst anspruchsvoll und von der Ingenieurkunst her große Leistungen.“ Unter Rummerts Regie arbeitet Siemens etwa daran, Magnetresonanztomographen (MRT) herzustellen, die mit Hilfe von neuartigen Algorithmen die Arbeit eines EKG-Geräts mitmachen und den Herzschlag von Patienten aus den magnetischen Signalen berechnen können. „So braucht der Kunde am Ende viel weniger Hardware. Durch eine kluge Software übernimmt das MRT-Gerät gleich mehrere Aufgaben auf einmal.“ Am Ende sei das natürlich eine sehr kostengünstige Lösung, etwa für Krankenhäuser in Entwicklungsländern. Und für ein Entwicklerteam sei es eine mindestens ebenso anspruchsvolle Aufgabe, wie die Arbeit an einem High-End-Gerät. Rummert beschäftigt in seiner Abteilung deshalb auch gar nicht so gern Absolventen, die frisch von der Uni kommen, sondern lieber alte Hasen. „Unsere Problemstellungen sind nämlich letzten Endes sehr komplex. Und wir müssen sehr interdisziplinär arbeiten.“ Dazu gehöre es vor allem, ständig mit dem Kunden in Kontakt zu stehen und sich mit anderen Abteilungen im Unternehmen zu vernetzen. „Für frugale Innovationen brauchen wir kommunikative Leute, die nicht nur ihr eigenes Süppchen kochen wollen“, sagt Rummert.

          Kein Touchscreen, dafür ein Notrufsystem

          Ein weiteres häufiges Missverständnis im Bereich der frugalen Innovationen sei, dass es ausschließlich um den Preis und ausschließlich um die Märkte in Entwicklungs- und Schwellenländern gehe, sagt Forscher Rajnish Tiwari. Wenn Ingenieure, Entwickler und Programmierer stärker versuchten, die Brille ihrer Kunden aufzusetzen, könnten auch Produkte entstehen, die jenseits von Indien, China oder Taiwan für den hiesigen Markt spannend seien. „Der günstigere Preis ist dann oft ein angenehmer Nebeneffekt.“

          So ist es auch im Falle des österreichischen Handyherstellers Emporia. Das Unternehmen baut Mobiltelefone speziell für Senioren. Bewusst einfache Geräte, mit wenig Schnickschnack, die selbsterklärend, statt verwirrend sind. Natürlich sind die meisten Emporia-Telefone auch billiger als aktuelle Smartphones von Apple oder Samsung. Was nicht heißt, dass wenig oder schlechtere Ingenieurleistungen in den Geräten stecken. „Unsere Mitarbeiter brauchen schlicht eine andere Art zu denken als Leute, die bei Apple oder Samsung Top-End-Geräte entwickeln“, sagt der Technikchef des Unternehmens, Harry Obereder. „Wer bei uns arbeiten will, darf nicht einfach bloß ein Geek sein. Wir brauchen Leute, die sich in ihre eigenen Großeltern hineinversetzen können. Die dann merken, dass der Opa in einem iPhone den Ziffernblock nicht finden würde. Und dass er generell lieber ein Gerät mit Tasten haben möchte.“ Jungen Berufsanfängern sei das oft nicht einfach zu vermitteln. „Wenn wir Bewerbern sagen, dass sie bei uns an Tastentelefonen arbeiten sollen, dann finden die das häufig nicht so sexy“, gibt Obereder zu. „Teilweise müssen wir viel Geld investieren, um die richtigen Leute zu finden.“

          Für geeignet hält er Menschen, die ihre berufliche Herausforderung darin sehen, Dinge einfacher zu machen und sich gleichzeitig in den Kunden hineinzuversetzen. „Wenn ich meiner Oma sage: Du brauchst keine EC-Karte mehr, sondern kannst im Supermarkt direkt mit deinem Handy bezahlen, dann schüttelt die Oma nur den Kopf. Die wird das in ihrem Alter nicht mehr akzeptieren.“ Genauso müssten Ingenieure bei frugalen Innovationen denken, sagt Obereder. „Dafür haben unsere Handys viel bessere Lautsprecher und ein ganz ausgefeiltes Notrufsystem.“ Eine frugale Innovation führe eben nicht unbedingt dazu, dass hinterher ein schlechteres Produkt herauskommt. „Im Gegenteil: Unser Produkt kann der Menschheit wirklich weiterhelfen, im Extremfall kann es sogar Leben retten.“ Auch für seine eigene berufliche Erfüllung sei das „ein richtig gutes Gefühl“.

          Quelle: F.A.Z.

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