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Wert von Zeugnissen : Schlechte Noten? Kein Problem!

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Prüfungsangst? Wenn Noten nicht mehr so wichtig sind, spielt auch eine vermasselte Klausur keine so große Rolle mehr. Bild: dpa

Zeugnisse und Examen sind nicht alles: Einige Unternehmen schauen kaum noch hin – und eine Branche hat sich von der Notenhörigkeit fast schon komplett verabschiedet.

          Das Unternehmen Trumpf hat seinen Sitz in der baden-württembergischen Kleinstadt Ditzingen und stellt Maschinen her. Und genau das ist das Problem. Kleinstadt und Maschinenbau – wie langweilig! Das jedenfalls suggerieren die 146 offenen Stellen, die Trumpf auf seiner Homepage allein in Deutschland ausgeschrieben hat. Die kommen sicherlich nicht nur deshalb zustande, weil Deutschlands Bevölkerung immer älter und die Suche nach qualifizierten jungen Mitarbeitern dadurch generell schwieriger wird. Im Falle Trumpfs hat es mit großer Wahrscheinlichkeit auch damit zu tun, dass viele junge Menschen noch immer mit technischen und IT-Berufen hadern. Und wenn sie doch von solchen Karrieren träumen, dann wollen sie ins Silicon Valley oder immerhin nach Berlin. Wer, bitte schön, träumt schon von Ditzingen?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Trumpf allerdings ist nicht nur findig im Maschinenbau, sondern hat sich auch zur Anwerbung von mehr Auszubildenden geradezu Revolutionäres ausgedacht: Die Baden-Württemberger haben sich von den Schulnoten als Auswahlkriterium verabschiedet. Mieses Zeugnis? Kein Problem! Viel wichtiger ist das Ergebnis bei einem Test, den alle absolvieren müssen: 30 Minuten Online-Quiz von zu Hause aus geben den Personalentscheidern erste Einblicke: Ist der Bewerber sozial kompetent? Ist er motiviert und integer? Wie viel Fachwissen hat er? Eine der Fragen lautet zum Beispiel: „Ein Kollege bittet Sie kurz vor Feierabend um Hilfe. Wie reagieren Sie?“ Dazu gibt es dann verschiedene Antworten, deren Zutreffen oder Nicht-Zutreffen der Bewerber in einem Multiple-Choice-Verfahren einschätzen soll. Das Abschneiden in diesem ersten Test entscheidet über eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Dort folgt dann noch einmal ein Test sowie das eigentliche Auswahlgespräch.

          „Das Ergebnis ist ausschlaggebender als Noten“, sagt eine Unternehmenssprecherin. „Wir haben festgestellt, dass die Noten bei den künftigen Auszubildenden auch stark abhängig davon sind, in welcher Lebensphase sie gerade sind.“ Außerdem hänge das Zustandekommen von Noten immer stark von den äußeren Umständen ab. Faktoren wie die Anzahl der Klassenarbeiten oder die Frage, wie der Schüler mit dem Lehrer klarkommt, sind an einer Note nicht ablesbar. Durch die Einführung der Tests gebe es hingegen einen einheitlichen Schlüssel zur Beurteilung der Bewerber.

          „Zeugnisnoten sagen einiges, aber nicht alles“

          Nicht nur in Ditzingen – auch bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) in Berlin sieht man im Abschied von Schulnoten und formellen Eingangsvoraussetzungen einen guten Weg für Unternehmen in unattraktiven Regionen oder für Branchen mit notorischem Bewerbermangel. „Zeugnisnoten sagen einiges, aber nicht alles“, sagt Donate Kluxen-Pyta, die stellvertretende Leiterin der Bildungs-Abteilung der BDA. „Und manchmal sagen sie nicht das aus, was gerade gebraucht wird.“ Zum Beispiel, ob jemand zuverlässig sei, sich konzentrieren könne, oder auch, wie gut er räumlich denken kann. In jedem Unternehmen seien „Dinge gefragt, die in Schule oder Hochschule nicht gelehrt werden können“. Einige Unternehmen gingen deshalb vermehrt dazu über, als Erstes die Kompetenzen der Bewerber zu testen und die Zeugnisse erst im zweiten Schritt abzufragen. „So kommen auch junge Menschen zum Zuge, die mit ihren Noten in traditionellen Verfahren nicht genommen worden wären“, glaubt Kluxen-Pyta. Umgekehrt werden so natürlich auch Bewerber ausgesiebt, die zwar gute Noten haben, aber aus anderen Gründen nicht zu der Stelle passen.

          Diesen umgekehrten Fall, gar eine „Noteninflation“ und die daher mangelnde Aussagekraft von Zeugnissen beklagte zuletzt der Deutsche Lehrerverband. „Zeugnisse dürfen nicht zu ungedeckten Schecks werden“, befand dessen Präsident Josef Krause und hob damit vor allem darauf ab, dass in manchen Bundesländern seiner Meinung nach im Durchschnitt viel zu gute Noten gegeben würden. Defizite gibt es anscheinend nicht nur in den Schulen. Erst vor wenigen Wochen zeigte eine Studie des Münchener Ifo-Instituts: Arbeitgeber bescheinigen Hochschulabsolventen vermehrt Rückstände bei der Selbständigkeit, der Problemlösungskompetenz, dem Abstraktionsvermögen, der Fähigkeit zur Selbstreflexion, dem Grundlagenverständnis und der Allgemeinbildung. Kein Wunder, dass sie sich nicht mehr auf die Zeugnisse verlassen wollen.

          Ob unverhältnismäßig gute oder über Gebühr schlechte Noten – es gibt eine Berufsgruppe, in der das besonders häufig uninteressant geworden ist: die IT-Branche. Auch auf formelle Abschlüsse pfeifen Personalmanager aus diesem Bereich zuweilen bereitwillig. Denn laut dem Branchenverband Bitkom braucht Deutschland derzeit rund 51.000 IT-Spezialisten. An Schul- oder Uni-Leistungen soll es daher nur selten scheitern, wenn es den Unternehmen darum geht, findige Programmierer und Entwickler zu finden. „Die lernen sowieso oft in einem Tempo, das die Schulen oder Hochschulen überhaupt nicht mitmachen können“, sagt Mathias Weigert, Geschäftsführer der „Unternehmer-Schmiede“, eines Joint Ventures aus der Unternehmensberatung Kienbaum und dem Gründungs-Dienstleister „Etventure“. Und so ist das Bewerben ohne Noten auch ein Stück weit ein Trend, der mit der Digitalisierung der Arbeitswelt Hand in Hand geht. „Nichts ist leichter, als die Fähigkeiten eines Software-Entwicklers in einem Online-Verfahren zu testen. Man konfrontiert die Bewerber einfach mit einem Code und lässt sie die Fehler darin finden“, sagt Weigert.

          Wegrekrutiert - ohne Abschluss

          Auf ähnliche Weise ist auch Rami Rihawi zu seiner Stelle gekommen. Der 22 Jahre alte Programmierer arbeitet für Kloeckner.i – den Digitalisierungsableger des traditionsreichen Stahlkonzerns Klöckner. Rihawi kommt aus Syrien, seit einem Jahr ist er als Flüchtling in Deutschland. Zwar hat er in Aleppo ein Informatikstudium angefangen, zum Bachelor fehlten ihm aber noch mehrere Semester, als er mit seinem Laptop in der Tasche die Flucht nach Deutschland antrat. Schon von Jugend an schreibt Rihawi in seiner Freizeit Programme und entwickelt kleine Spiele und Apps. Kaum zwei Monate war er in Berlin, als er an der Redi School unterkam, die als nicht auf Profit ausgerichtetes Projekt Programmier-Kurse für Flüchtlinge anbietet. „Man muss immer auf dem Laufenden bleiben“, sagt Rihawi. „Wer länger nichts programmiert, ist schnell abgehängt.“ Eigentlich habe er aber Deutsch lernen und sein Studium fortsetzen wollen, als ihn eines Tages zwei Mitarbeiter von Kloeckner.i einfach von der Stelle wegrekrutierten. Zunächst war es ein Praktikum, mittlerweile ist es ein unbefristeter Vertrag. Das ging in Rihawis Fall ausnahmsweise ganz ohne formelle Anerkennungsverfahren von Uni-Leistungen und auch ohne den Abschluss. Schließlich hatte er zu diesem Zeitpunkt schon zur Genüge in der Praxis bewiesen, wie gut er programmieren kann.

          Rihawis Chef Tim Milde, Geschäftsführer von Kloeckner.i, interessiert sich ohnehin schon lange nicht mehr für Noten, wenn er Entwickler für sein Unternehmen sucht. Bewerber schickt er zum Gespräch mit der Fachabteilung und lässt sie anschließend aus freien Stücken etwas programmieren. „Wir nutzen hier spezielle Programmiersprachen, die in Deutschland kaum gelehrt werden“, sagt er. „Uns bleibt gar nicht viel anderes übrig, als auf formale Qualifikationen zu verzichten. Nach einer Abschlussnote können wir uns nicht richten.“ Milde ist es zwar schon wichtig, dass Bewerber studiert haben, „einfach, weil wir in der Uni lernen, wie man Probleme löst, selbst denkt, sich organisiert“. Was genau der Bewerber aber an der Uni gemacht oder ob er in Brasilien, Syrien oder Pakistan studiert habe – das sei zweitrangig.

          Personalarbeit in der Welt der Computernerds sei, als bewege man sich in einem „komplett anderen Ökosystem“, sagt Milde. Es gibt zwar ganz spezielle Stellenbörsen für die Klientel. „Wir finden aber die besten Leute mittlerweile häufig selbst“, sagt Milde. Etwa über die eigene Homepage oder über Branchenveranstaltungen. „Wichtig ist zu verstehen, dass diese Leute jederzeit zig verschiedene Jobs haben könnten. Die haben keinerlei Furcht vor Arbeitslosigkeit.“

          Rami Rihawi kann das bestätigen: „Ich würde sicherlich problemlos auch in anderen Unternehmen unterkommen“, glaubt er – obwohl er nur einen subsidiären Aufenthaltsstatus hat und erst mal nur drei Jahre in Deutschland bleiben darf. Regelrecht umworben werden wollen junge Software-Entwickler. Oder wie Milde es ausdrückt: Wenn kein Club Mate im Büro-Kühlschrank sei und keine Dartscheibe herumhänge, laufe gar nichts. Für ihn, der lange Zeit in den sehr formalisierten Strukturen eines Konzerns gearbeitet hat, sei das anfangs ein „ziemlicher Kulturschock“ gewesen. Auch der Kleidungsstil mit langen Rauschebärten oder ganztägig getragenen Hüten. Es sei undenkbar, einen Software-Entwickler auch nur danach zu fragen, warum er an der Uni im Wahlpflichtfach nur eine Vier geschrieben hat. „Mal abgesehen davon, dass die meisten ohnehin keine schlechten Noten haben.“

          Positives Aha-Erlebnis

          Aber auch außerhalb des Nerd-Ökosystems gebe es mittlerweile etliche Unternehmen, die lieber das Können ihrer Bewerber prüfen, als ins Zeugnis zu gucken, sagt Kienbaum-Geschäftsführer Weigert. „Auch wenn es darum geht, geeignete Azubis zu finden, haben immer mehr Unternehmen das Gefühl, dass in den Schulen nicht mehr das gelehrt wird, was sie brauchen. Sie wollen ihre Bewerber dann lieber selbst testen, als sich auf die Lehrer zu verlassen.“ Wenn es um die Azubi-Suche geht, kommt hinzu, dass es für die allermeisten Unternehmen mittlerweile schwieriger geworden ist, Lehrlinge zu finden. Stichwort: Akademisierung. Weil Uni und Lehre immer stärker miteinander konkurrieren, werben sie zum Teil um die gleichen, weniger werdenen Schulabgänger.

          Beim Maschinenbauer Trumpf in Ditzingen hat das Credo, dass Noten nicht mehr alles sein sollen, jedenfalls schon jetzt Erfolg: An dem Erst-Auswahlverfahren im Internet nehmen rund 2200 junge Menschen im Jahr teil. Das System habe sich bewährt, glaubt man bei Trumpf. In Ditzingen fänden sich mittlerweile Talente, die anderswo aufgrund ihrer Zeugnisse schon in der Vorauswahl rausfliegen würden. So mancher schneide deutlich besser ab, „als es die Noten erwarten lassen“. Das sei oft sogar für die Bewerber selbst ein positives Aha-Erlebnis.

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