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Unternehmensberater : Die Stunde der Algorithmen

Vergangene Zeiten: Einst standen Berater mit der Stoppuhr neben dem Fließband, um die Abläufe effizienter zu machen. Heute übernehmen das Sensoren. Bild: Getty

Unternehmensberater erleben goldene Zeiten, weil sie Hilfe bei der Digitalisierung leisten. Womöglich aber müssen bald die Berater selbst die Konkurrenz durch schlaue Computer fürchten.

          Einst standen Unternehmensberater noch mit Stoppuhren in den Fabrikhallen ihrer Kunden, um zu messen, wie lange bestimmte Arbeitsschritte dauern. Danach skizzierten sie mit Bleistift auf Millimeterpapier, wie man die Arbeitsabläufe besser organisieren kann, damit weniger Leerlaufzeiten entstehen. Heute muss niemand mehr in kalten Industriehallen ausharren. Elektronische Sensoren erfassen in den Maschinen automatisch unendlich viele Daten bis in die kleinsten Arbeitsschritte. Wer daraus Schlüsse ziehen will, braucht aber modernste Computerprogramme, ansonsten bleibt das Wesentliche in der schieren Masse der Daten verborgen. Wer die Schätze in den Datenmassen heben kann, der hat das große Los gezogen.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kein Wunder, dass das Geschäft der Berater seit Jahren aufblüht. Unternehmen kommen im digitalen Wandel kaum noch hinterher – zumindest fühlt es sich für viele Manager so an –, und daher holen sie sich professionelle Hilfe ins Haus. Tatsächlich brechen etlichen Unternehmen ihre alten Geschäftsmodelle weg, weil junge digitale Wettbewerber plötzlich in ihrem angestammten Geschäft wildern. „Viele Klienten fragen: Wie können wir genauso intelligent mit Daten umgehen wie Amazon?“, sagt McKinsey-Seniorpartner Peter Breuer. Bislang haben die Berater von diesem Wandel stark profitiert, die Branche wächst in Deutschland das achte Jahr in Folge kräftig. Doch nun ändert die fortschreitende Digitalisierung auch das Berufsbild des Unternehmensberaters selbst – und zwar schneller, als das viele für möglich gehalten haben.

          Während früher die Hälfte aller McKinsey-Berater Wirtschaftswissenschaftler waren, wächst nun der Anteil der Datenanalytiker und Programmierer, sagt Berater Breuer, der selber Mathematiker ist. Und der Deutschland-Chef der Boston Consulting Group, Carsten Kratz, sagt, sein Haus schicke keine Beraterteams mehr zu Kunden ohne Datenspezialisten.

          Die Technologie schreitet rasant voran, und manch einer fragt sich, wohin die Reise noch geht. Laut einer Studie der Oxford-Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne arbeitet fast die Hälfte der Amerikaner in Berufen, die im Zuge der Digitalisierung vollständig verschwinden werden. Klar, bislang hat es vor allem die einfachen Berufe getroffen, und gerade die Unternehmensberater haben diesen Wandel immer vorangetrieben. Langsam rückt der Wandel aber ihnen selbst auf die Pelle: Kann die Künstliche Intelligenz von Robotern und Algorithmen irgendwann sogar die Unternehmensberater selbst ersetzen – oder zumindest einen Teil ihrer Tätigkeit? Eine Studie der Beratungsgesellschaft PWC sagt, auch die Berater selbst sind betroffen. Rund 20 Prozent ihrer Wertschöpfung seien ersetzbar.

          „Die Geschwindigkeit der Veränderung ist beeindruckend“

          In der Branche rumort es – derzeit noch im positiven Sinne. „Die Geschwindigkeit der Veränderung ist beeindruckend“, sagt Martin Scholich, Partner bei PWC, über den Siegeszug der Künstlichen Intelligenz: „Das hat auch altgediente Berater überrascht.“ Das bestätigt Bernd Kreutzer, Leiter der Strategieberatung von Accenture: „Ich bin seit 30 Jahren in der Branche tätig“, sagt er, „so einen starken Veränderungsimpuls gab es noch nie.“ Immer mehr Menschen haben Zugriff auf Künstliche Intelligenz; man kann die Technik auf dem eigenen Rechner nutzen, ohne Spezialist zu sein. In den nächsten 24 Monaten werde der Einsatz in der Beraterbranche allgegenwärtig, sagt Kreutzer: „Künstliche Intelligenz wird künftig eingesetzt wie heute Powerpoint und Excel.“

          Eine der ersten Beratungssparten, die für sich selbst den Einzug Künstlicher Intelligenz spürt, sind die Wirtschaftsprüfer. „Viele Prozesse dort sind standardisiert und können auch von komplexen Computerprogrammen übernommen werden“, sagt Ralf Strehlau, Präsident vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Kernaufgabe der Wirtschaftsprüfer ist die Frage: Wird irgendwo im Unternehmen betrogen? Dabei könne Künstliche Intelligenz sehr viel helfen und frühzeitig Warnsignale geben, sagt Strehlau, denn in den großen Datenbergen sei viel Interessantes versteckt, man müsse nur darauf stoßen. Ohne konkreten Anfangsverdacht ließen sich bislang große Datenmengen nicht sinnvoll durchforsten, im Wust der Daten konnte sich auch zwielichtiges Verhalten gut verstecken. Künstliche Intelligenz aber kann auch in unstrukturierten Daten Unregelmäßigkeiten erkennen, an die man so zunächst gar nicht gedacht hat. So kam ein Handelsunternehmen, das in ganz Deutschland Filialen betreibt, einigen betrügerischen Verkäufern in den eigenen Reihen auf die Schliche, die eine einfache Masche nutzten: Wann immer Kunden keine eigene Kundenbindungskarte besaßen, haben die Verkäufer – sobald der Kunde den Laden verlassen hatte – den Einkauf auf ihre eigene Kundenkarte anrechnen lassen. Das werde niemals auffallen, waren sie überzeugt, dafür sei der ganze Laden viel zu groß. In ihrer Naivität haben sie nicht damit gerechnet, dass schlaue Programme auch in einer Datenflut noch auffällige Muster finden. Wer kauft 20 Mal am Tag hintereinander dasselbe Produkt? Innerhalb eines Tages hatte die Software 12 Hinweise auf die schwarzen Schafe gegeben, die dann gezielt nachgeprüft werden konnten. Alle großen Wirtschaftsprüfer griffen heute auf Analytics-Software zurück, sagt Strehlau. Schummeleien der Mitarbeiter fallen so viel schneller auf als früher; sei es der Manager, der mit der Tankkarte seines Dienstwagens auch gerne seine Mutter tanken lässt, oder sein Kollege, der bei den Reisekosten falsche Spesen abrechnet. Damit sind früher viele locker durchgekommen, doch je mehr heute mit Analytics-Software gearbeitet wird, umso schwieriger wird es für Schwindler. Schlaue Software lernt aus alten Betrugsfällen und kann auch neue Muster schnell erkennen.

          Immer stärker verbreiten sich auch hilfreiche Apps für Berater: Das Beratungshaus Atreus, das Interimsmanager vermittelt, hat eine selbstlernende App entwickelt, mit der sich Manager mit einer Wischtechnik suchen lassen – ähnlich wie man in der Dating-App Tinder auf Partnersuche geht. Aber auch in der Strategieberatung kommen ähnliche Plattformen zum Einsatz. Beispiel Boston Consulting Group: Dort geht es zwar nicht um die Suche von Managern, aber beispielsweise um die Suche ähnlicher Problemfälle. Bekommt ein Berater den Auftrag, einem Unternehmen beim Einstieg in den französischen Modemarkt zu helfen, findet er dort schnell alles Grundwissen zu diesem Thema. Etwa Daten über die wichtigsten Modeunternehmen in Frankreich oder Kontaktdaten von Kollegen, die sich mit dieser Industrie sehr gut auskennen und verfügbar sind.

          Zudem weist die Plattform den Berater in anonymisierter Form auf vergleichbare Fälle hin, damit er nachlesen kann, wie dort die Probleme gelöst wurden. „Diese Plattform nutzen alle unsere Berater mehrfach täglich“, sagt BCG-Deutschland-Chef Carsten Kratz. Damit sie auch vernünftige Ergebnisse bringt, werden die Datenbanken im Hintergrund „von ein paar tausend Mitarbeitern weltweit“ ständig gepflegt.

          Einig sind sich die Branchenkenner, dass sich der Beraterberuf wandelt. Die Projekte werden immer schneller. Auch die Anforderungen an künftige Berater ändern sich: „Je mehr Künstliche Intelligenz wir einsetzen, desto höher ist unser Bedarf an Absolventen der sogenannten Mint-Fächer – also an Mathematikern, Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Technikern“, sagt PWC-Partner Martin Scholich. Aber auch Germanisten mit einer Affinität zur IT hätten bessere Chancen als früher, Linguisten seien zunehmend gesucht. „Der Bedarf an Betriebswirten nimmt dagegen ab“, sagt Scholich.

          „Die allübergreifende Beratungssoftware wird es nicht geben“

          Der richtige Umgang mit Künstlicher Intelligenz müsse letztlich aber von allen erlernt werden – egal welches Fach man studiert: „Der Berater darf auch nicht jede Analyse glauben, die eine KI-Software liefert“, sagt Kreutzer. Berater müssten die Erkenntnisse der KI selbst intelligent hinterfragen können. Eine Künstliche Intelligenz gebe nämlich auf jede Frage eine Antwort, nur sei die nicht immer sinnvoll. Das wisse jeder, der zu Hause den Amazon-Sprachassistenten Alexa verwendet. Wichtig werde künftig vor allem die Fähigkeit, die richtigen Fragen an die Künstliche Intelligenz zu stellen. Sein Tipp an alle, die einmal Unternehmensberater werden wollen: „Der Beraternachwuchs muss sich mit neuen Technologien, deren Möglichkeiten und Grenzen befassen.“

          Aber wie sehr bedroht die Künstliche Intelligenz den Berufsstand in Gänze? Macht sie die Berater irgendwann in naher oder ferner Zukunft massenhaft arbeitslos? „Einen Teil unserer Arbeit können künftig Maschinen erledigen“, ist Scholich überzeugt. Berater werden sich immer mehr von der Technik helfen lassen. Dass sie aber vollständig durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden, glaubt kaum jemand in der Branche. „Ein Vorstand möchte als Gegenüber keine Maschine, sondern einen Berater, dem er vertraut“, sagt McKinsey-Partner Breuer: „Die allübergreifende Beratungssoftware wird es nicht geben, dafür ist die Welt zu komplex.“

          Im Beratungsgeschäft gehe es letztlich immer auch darum, Menschen von einer bestimmten Lösung zu überzeugen, sagt auch der Unternehmensberater Harald Smolak von Atreus. Da spielten oft Ängste eine Rolle – die nicht immer ausgesprochen werden: „Wir brauchen viel Einfühlungsvermögen“, sagt Smolak, „das kann uns keine Maschine abnehmen.“ Künstliche Intelligenz könne aber helfen, die mühsame Arbeit stark zu beschleunigen – etwa, indem sie Tausende von Lebensläufen vorsortiert.

          „Wir brauchen künftig wahrscheinlich weniger Berater, und wir brauchen auch andere Berater als heute“, vermutet Scholich. Aber der Beruf werde deshalb auch immer spannender. „Die langweiligen, sich ewig wiederholenden Tätigkeiten werden von Robotern übernommen“, sagt Scholich: „Der spannende Rest bleibt den Menschen.“

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