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Eliten an die Waldorfschule : Strickzeug statt Smartphone

Von Steiner-Fans beschworen, von Außenstehenden oft belächelt: Der Eurythmie-Unterricht, hier in einer fünften Klasse der freien Waldorfschule Vodertaunus praktiziert. Bild: Schmitt, Felix

Vom Hort esoterischer Merkwürdigkeiten zur Zuflucht für das Bildungsbürgertum: Waldorfschulen werden immer beliebter. Doch taugen sie auch als Karriereturbo?

          Der Sonne liebes Licht / Es hellet mir den Tag / Der Seele Geistesmacht / Sie gibt den Gliedern Kraft / Im Sonnen-Lichtes-Glanz / Verehre ich, o Gott, / Die Menschenkraft, die Du / In meine Seele mir / So gütig hast gepflanzt, / Dass ich kann arbeitsam / Und lernbegierig sein.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Mit dem Morgengebet beginnt jeder Tag an den rund tausend Freien Waldorfschulen auf der Welt. Zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, wo sich die Zahl dieser Schulen seit der Jahrtausendwende etwa verdoppelt hat auf 160. Mit dem Zuwachs hat sich die Elternklientel verändert. Manager und Oberschichtseltern fahren in Luxuslimousinen vor. Aus dem Silicon Valley heißt es seit wenigen Jahren, dass gerade gutverdienende Eltern aus dem Computerbusiness ihre Kinder mit Vorliebe auf die Waldorfschule geben. Denn im Schulkonzept ist vorgesehen, dass mindestens bis zur achten Klasse nicht an Computern unterrichtet wird, um der Phantasie nicht zu schaden.

          Zurück zur Natur, das gefällt selbst den Angestellten von Apple, Google oder Microsoft. Ausgerechnet die digitalen Eliten wollen ihre Kinder nähen, stricken, eggen und ernten sehen. Auch finden sie es gut, dass jedes eingeschaltete Smartphone an Waldorfschulen vom Lehrer einkassiert wird. Und auch die Lehrer sind vom Konzept angetan. Auf der Internetseite des Verbandes berichten amerikanische Waldorflehrer, warum sie es geworden sind: „Ich lehre aus meinem ganzen Herzen“, schreibt eine, oder: „Ich will den Geist der Kinder erwecken.“

          Selbstbewusster, optimistischer sollen sie sein

          Computereliten an Waldorfschulen: Das scheinbare Paradox aus Kalifornien steht für den Imagewandel der Schule. Sie wird gerade als Gegenmodell beliebt zu einem Bildungssystem, das Kinder wie Lernmaschinen behandelt: Chinesisch in der Kinderkrippe, G8 und ein total verschultes Studium, aus dem Schüler mit Wissen, aber ohne Lebenserfahrung herauskommen. Auch in Deutschland, wo die Zahl der Schüler ebenso wächst, ziehen die Waldorfschulen neue Elternmilieus an. An den Schulen ist zu hören, wahrhaft anthroposophische Eltern gerieten in die Minderheit. Stattdessen: Bildungsbürgerliche Familien, distinktionsuchende Mittelschicht und Reiche, die ihren Kindern das staatliche Schulsystem ersparen wollen.

          Etwa in Oberursel im Taunus. In der Freien Waldorfschule können Schüler seit einigen Jahren sogar das Abitur ablegen, elf von 28 des letzten Jahrgangs schafften es mit Noten, die im Landesdurchschnitt lagen. Ein Lehrer läuft, der Jahreszeit entsprechend, mit einem Paar Kirschen als Ohrschmuck herum, in der ersten Klasse spielt die Lehrerin zwischendurch Flöte und erzählt Märchen, vieles ist auch wie am Gymnasium: Im Geschichtskurs gibt es holprige Referate, und der Lehrer schreibt Prüfungstermine an die Tafel. Bis zur neunten Klasse gibt es Unterricht überwiegend im Klassenverband, kein Sitzenbleiben, Handarbeit, Ausdruckstanz und Musik, Gartenbau, Schulhefte mit bunten Wachsmalstift-Bildern und wenig Text, weitgehender Verzicht auf Schulbücher. Kernelemente einen die Waldorfschulen, wenn auch jede einzelne in ihrer Ausprägung sehr unterschiedlich sein kann.

          Von Geist, Licht und einer ganzheitlichen Schulung für Kopf, Herz und Händen ist die Rede, wenn Waldorfpädagogen beschreiben, was sie unterscheidet. Wer verstehen will, warum die Pädagogik so ist, muss die Schriften des Schulgründers Rudolf Steiner studieren. Die Frage, was es bringt, ist eine andere. „Waldorfschüler sind in der Regel Optimisten“, sagt Nana Göbel, selbst frühere Waldorfschülerin und nun Vorsitzende des Vereins „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Selbstbewusster seien die Absolventen, sagt Dirk Randoll, Professor an der Alanus Hochschule in Alfter, der seine eigenen Kinder auf der Waldorfschule hatte und eine großangelegte Studie über ehemalige Schüler durchführte. „Und zwar deshalb, weil ihnen in der Schule vermittelt wird, dass Lernen Freude bereitet und Sinn stiftet. Man lernt dort nicht für Noten und Punkte, sondern aus eigenem Antrieb und aus dem Interesse an der Sache. Der Schüler ist dort kein Mängelwesen.“ Absolventen seien empathischer, verspielter, erzählstärker, mit größerer Verknüpfungsfähigkeit gesegnet. Dies dürfte dazu beitragen, dass unter ihnen viele Selbständige und Unternehmensgründer sind.

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