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Von der Natur lernen : Eine Orchidee zur Abschreckung

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Tiere und Pflanzen dienen oft als Vorbilder für technische Neuheiten. Auch Manager können viel von der Natur lernen.

          Vielleicht sollten sich alle Manager eine Orchidee ins Büro stellen. Nicht zur Zierde, sondern als abschreckendes Beispiel. Denn wer diese sensible Pflanze genau betrachtet, kann von ihr lernen, welchen Fehler er keinesfalls machen darf. "Um Insekten anzulocken, täuscht die Orchidee mit Pheromonen vor, sie sei ein Sexualpartner", erklärt der Berliner Unternehmensberater Klaus-Stephan Otto. "Dieser Bluff schadet eher. Ein Insekt lässt sich zwar einmal täuschen, doch ein zweites Mal kommt es nicht zurück. Außerdem teilt es Artgenossen mit, dass sich der Anflug auf die Orchidee nicht lohnt." Das sei einer der Gründe dafür, dass Orchideen vom Aussterben bedroht seien. Je mehr Insekten sich für eine Pflanze interessieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Pollen weitergetragen werden. Blumen, die nicht versuchen zu tricksen, sind im Vorteil bei der Fortpflanzung.

          Pflanzen als Vorbilder für effizientes Management - das ist ein relativ neuer und derzeit sehr beliebter Ansatz in der Unternehmensberatung. Welche Parallelen sich von der Orchidee zur Wirtschaft ziehen lassen, ist klar: Täuschungen mögen kurzfristig von Nutzen sein, führen aber auf Dauer kaum zu Erfolg. Telefondienstleister können sich beispielsweise nur gegen die Konkurrenz behaupten, wenn ihre Sparpakete wirklich so günstig sind, wie sie Neukunden gegenüber behaupten. Den Herstellern von Konsumgütern laufen die Käufer weg, wenn das Produkt nicht hält, was es verspricht. Und Personalabteilungen, die Fachkräfte mit einem anspruchsvollen Stellenprofil in ein Unternehmen locken, obwohl die Aufgaben in Wirklichkeit noch gar nicht klar umrissen sind, müssen damit rechnen, dass der neu gewonnene Mitarbeiter schnell wieder kündigt.

          Beispiele für ein solides Management

          Dass es ausgerechnet in der Evolution, in der seit Millionen Jahren vieles durch Zufall passiert, positive wie negative Beispiele für ein solides Management geben soll, ist auf den ersten Blick überraschend. Normalerweise kommen betriebswirtschaftliche Lösungsansätze eher aus der Physik oder aus der Mechanik. Geläufig ist etwa die Vorstellung, ein Manager müsse nur an "den richtigen Schrauben drehen", um Veränderungen herbeizuführen. Andere vertreten dagegen die Ansicht, dass es besser wäre, sich Strategien aus der Flora und Fauna abzuschauen.

          Schlechtes Beispiel Orchideen

          "Die Natur ist immerhin das erfolgreichste Unternehmen aller Zeiten", sagt Helge Sieger, Autor des Buchs "Krisenmanagerin Natur". "Natürliche Systeme wachsen von einem bestimmten Punkt an nur noch qualitativ, sie verbessern ihre Anpassung. Unbegrenztes Wachstum führt zwangsläufig zum Kollaps, genau das haben wir bei der großen Krise im letzten Jahr erleben müssen."

          Aufschwung im Darwinjahr 2009

          Die Idee, Strategien aus der Natur zu kopieren und sie für Innovationen in der Wirtschaft zu benutzen, hat im Jahr 2009, im Krisen- und Darwinjahr, einen Aufschwung erlebt. Diese Herangehensweise kommt aus der noch jungen Wissenschaft Bionik, der Name ist eine Neuschöpfung aus den Wörtern Biologie und Technik. Eine der berühmtesten bionischen Erfindungen ist eine wasser- und schmutzabweisende Fassadenfarbe mit dem "Lotuseffekt". Aber auch selbstreinigende Messer, deren Struktur die von Rattenzähnen nachahmt, oder Dübel, die nach dem Vorbild von Zecken konstruiert wurden, sind vielbeachtete Entwicklungen.

          Schon seit dem Jahr 2001 fördert das Bundesforschungsministerium das Bionik-Kompetenznetz "Biokon", einen Zusammenschluss von internationalen Forschungseinrichtungen. Das 2007 ins Leben gerufene Programm "Biona" bezuschusst Forschungs- und Entwicklungsprojekte bis zum Jahr 2012 mit insgesamt 32 Millionen Euro. Auch Universitäten haben die Bionik mittlerweile in ihre Lehrpläne integriert. So gibt es etwa an der Technischen Universität München einen neuen Lehrstuhl des "Leonardo da Vinci-Zentrums für Bionik", die Universität Bremen bietet einen eigenen Bionik-Studiengang an. "Bionik ist gerade hip, neue Erfindungen wie die Haifischhaut für Schwimmanzüge oder die Zecken-Dübel können bestimmte Branchen revolutionieren", sagt Rainer Erb, Geschäftsführer des Netzwerks Biokon.

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