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Vertrauensurlaub : Freie Tage, so viele ich will

  • -Aktualisiert am

Einfach mal abhängen - so lange und so oft man will. Das ist die Idee des Modells „Vertrauensurlaub“. Bild: dpa

Vertrauensurlaub ist Realität bei der Hamburger Agentur „Elbdudler“. Eine Mitarbeiterin erzählt, wie sich so viel Vertrauen anfühlt – und ob mancher es auch ausnutzt.

          Bei der Hamburger Agentur „Elbdudler“, die auf Marketing- und Kommunikationsstrategien spezialisiert ist, wird das Modell „Vertrauensurlaub“ schon lange gelebt. Seit Gründung der Firma 2009 können sich die 120 Mitarbeiter so viele Urlaubstage nehmen, wie sie wollen.  

          Levke Meyer arbeitet seit zweieinhalb Jahren bei „Elbdudler“. Im Interview mit FAZ.NET erzählt die 27 Jahre alte Social-Media-Managerin, warum diese Idee trotz aller individueller Freiheit nicht in Anarchie ausartet. 

          Frau Meyer, Urlaub ohne Ende, das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Waren Sie am Anfang skeptisch gegenüber dem Modell „Vertrauensurlaub“? 

          Im Gegenteil, ich fand das Angebot einfach toll und habe mich sehr gefreut, in einer Firma arbeiten zu dürfen, in dem es gelebt wird. Denn es beruht auf zwei Voraussetzungen, die ich persönlich im Arbeitsleben sehr schätze: Kommunikation und Kollegialität. Wir arbeiten in Teams, bei uns „Gewerke“ genannt, von je etwa vier Personen. Wir verstehen uns sehr gut und stehen im ständigen Austausch miteinander. Wir versuchen immer, Urlaubswünsche, auch spontane, zu erfüllen und gönnen uns untereinander jeden freien Tag von Herzen.  

          Was passiert, wenn alle gleichzeitig frei haben wollen? 

          Keiner würde bei uns auf die Idee kommen, bei einem wichtigen Projekt oder großen Arbeitsaufkommen die Kollegen einfach hängen zu lassen und sich genau dann Urlaub zu nehmen. Das ist natürlich sehr wichtig. Es muss bei aller Freiheit immer jemand aus dem jeweiligen Bereich zur Verfügung stehen. Deswegen heißt es ja auch „Vertrauensurlaub“: Der Arbeitgeber hat das Vertrauen in die Mitarbeiter, dass sie selbst in der Lage sind, sich untereinander so zu organisieren, dass kein Chaos ausbricht – und niemand dieses Vertrauen ausnutzt. Und untereinander müssen die Kollegen das Vertrauen ineinander haben, einander nicht im Regen stehen zu lassen, wenn es hart auf hart kommt. 

          Wie reagieren Familie und Freunde auf das großzügige Urlaubsmodell, dass Sie nutzen können? 

          Eigentlich sind alle begeistert von unserem Konzept und auch ein bisschen neidisch. Am häufigsten höre ich Sätze wie „Boah, ich hätte auch gerne Urlaub, wann und wie viel ich will!“ Selbst meine Großeltern, die ja wahrlich noch aus einer Generation stammen, die eine ganz andere Auffassung vom Arbeitsalltag haben, sagen eher solche Dinge wie „Ach, ihr jungen Leute heute, ihr macht das halt ganz anders als wir.“ Sie sind eher etwas ungläubig, als kritisch. Ich muss aber auch auf jeder Familienfeier erklären, was eine Social-Media-Managerin eigentlich macht. Das ist schon in Ordnung.

          Hand aufs Herz: Gibt es wirklich nie neidische Blicke auf Kollegen, die besonders viele freie Tage nehmen? Schließlich ist die Unternehmenskultur sehr transparent. Jeder weiß, wie viel die anderen verdienen und Sie haben einen Urlaubsplan, den jeder einsehen kann. 

          Überhaupt nicht. Wenn ich sehe, dass jemand noch ziemlich wenig Urlaub genommen hat, sage ich auch mal gerne „Mensch, mach doch mal ein paar Tage frei, fahr‘ weg, nimm die Zeit für dich.“ Alle profitieren doch davon, wenn die Mitarbeiter ausgeruht sind. Das erhöht das Engagement und die Motivation und das kommt dem ganzen Unternehmen zugute. Außerdem habe ich noch nie erlebt, dass jemand unser Urlaubskonzept ausnutzt. Niemand nimmt hier 60 Tage Urlaub – selbst wenn er es könnte. Das sind in der Regel normale Ausmaße von rund 30 Tagen im Jahr. 

          Start-Ups oder Silicon-Valley-Größen wie Facebook oder Google sorgen ja gerne mit schicken Büros und vielen Freizeitangeboten am Arbeitsplatz für eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Das lässt die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen, manche Mitarbeiter arbeiten dadurch mehr als nötig, sagen Kritiker. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen? 

          Ehrlich gesagt habe ich das noch nie aus dieser Perspektive betrachtet. Ich erlebe eher das Gegenteil. Ich empfinde es als großen Vorteil, dass Arbeit und Privatleben nicht so strikt getrennt werden. Wir haben sehr viel Flexibilität, was Arbeitszeit und –ort betrifft. Wenn ein Mitarbeiter von zuhause aus arbeiten möchte, weil der Telekom-Techniker vorbeikommt oder jemand spontan zum Arzt muss, ist das überhaupt kein Problem. Hier könnte man ja umgekehrt sagen, dass die Grenze zugunsten des Privatlebens verschoben wird: Niemand muss seinen Feierabend opfern oder exorbitant früh aufstehen, um diese Termine wahrzunehmen. Und ganz großartig ist dieses flexible Konzept für meine Kollegen, die bereits Eltern sind. Das ist einfach eine großer Erleichterung, zuhause arbeiten zu können, wenn das Kind krank ist. Oder nach der Babypause den Arbeitsumfang flexibel gestalten zu können. Ich persönlich empfinde das alles als Freiheit, nicht als Ausbeutung.

          Was deutsche Arbeitnehmer über Vertrauensurlaub denken

          Urlaub, so viel ich will? Die Selbstbestimmung von Urlaubstagen sehen gut die Hälfte deutscher Arbeitnehmer positiv, so der „Urlaubsreport 2018“ des Berufsnetzwerkes„Xing“. Erhoben wurden die Zahlen als Teil der alljährlichen repräsentativen Studie „Kompass Neue Arbeitswelt“ im ersten Quartal 2018 vom Marktforschungsinstitut marketagent.com. Für den Report wurden 1015 deutsche Arbeitnehmer befragt.

          51 Prozent der Befragten glauben, dass die Selbstbestimmung der Urlaubstage funktionieren kann. Davon geben 13 Prozent an, dass es „auf jeden Fall“ und 38 Prozent „eher“ funktionieren würde. Demgegenüber stehen stehen elf Prozent der Befragten die angeben, dass es „überhaupt nicht“ und 37 Prozent die sagen, dass es „eher nicht“ klappen könne. 

          Dabei halten die jüngeren Befragten selbstbestimmten Urlaub eher für möglich als ältere Berufstätige: Während 60 Prozent der 18-39-Jährigen mindestens in Teilen an das Prinzip des selbstbestimmten Urlaubs glauben, sind es unter den 40-65-Jährigen lediglich 44 Prozent.

          Vor allem Akademiker wünschen sich mehr Urlaub

          Diese Skepsis mag wohl vor allem an der Befürchtung liegen, dass sich Arbeitnehmer zu viele Urlaubstage zuteilen würden. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass diese Angst nur teilweise begründet ist. Im Durchschnitt wünschen sich die Befragten 32,2 Urlaubstage – also nur etwas mehr als die 30 Tage, die deutschen Berufstätigen nach aktuellen Erhebungen der europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen “Eurofund“ aus dem Jahr 2017 im Durchschnitt zustehen.

          Berufseinsteiger (18-24 Jahre: 34,2 Tage) geben sich im Verhältnis mehr Urlaub als erfahrene Erwerbstätige (60-65 Jahre: 29,8 Tage). Auch mit dem Bildungsgrad (Abiturienten und Akademiker: 33,9 Tage), der Unternehmensgröße und dem Einkommen steigt die Anzahl der gewünschten Urlaubstage. Bei niedrigeren Einkommen (unter 1.500 Euro) wünschen sich die Befragten unterdurchschnittliche 30 Urlaubstage. Das legt den Schluss nahe, dass die Anzahl an gewünschten Urlaubstagen auch im Zusammenhang mit dem Einkommen steht.

          Auch die größere Nähe zu Kollegen in kleineren Organisationen (Bis 50 Mitarbeiter: 30,3 Tage) dürfte dafür sorgen, dass aus Rücksicht bescheidenere Urlaubswünsche geäußert werden als in Konzernen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern (Urlaubswunsch: 34,4 Tage). Kaum zu glauben – es gibt auch Befragte, die sich mit einem Minimum an Urlaub begnügen oder sich nicht mehr leisten können: 5 Prozent der Befragten möchten mit lediglich fünf Tagen Urlaub im Jahr auskommen.

          Fast ein Fünftel der Befragten wünscht sich nicht mehr als den gesetzlichen Urlaubsanspruch von 20 Tagen. Allerdings wäre die Anzahl der gewünschten Urlaubstage vermutlich in allen Gruppen höher ausgefallen, wenn die Fragestellung nicht mit zwei Anforderungen verbunden worden wäre: Durch den Umfang des genommenen Urlaubs sollte keine Arbeit liegen bleiben und der Kollegenkreis nicht durch die eigene Abwesenheit über Gebühr belastet werden. (evah.)

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