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Versagensängste : Herr der Zweifel

Warum ausgerechnet ich? Schon der Hobbit Bilbo Beutlin aus dem Epos Herr der Ringe fühlte sich für seine großen Aufgaben eigentlich viel zu klein und ungeeignet. Bild: Warner Bros. Entertainment

Oft plagen gerade die Tüchtigsten heimliche Versagensängste. Nach dem Motto: Wenn andere wüssten, wie wenig ich eigentlich kann. Es gibt aber Wege, das schiefe Bild zu korrigieren.

          In der Stellenanzeige wurden gute bis ausbaufähige Englischkenntnisse verlangt. Das passte prächtig zum Profil der Diplomkauffrau. Die 47-Jährige war nie längere Zeit im Ausland gewesen, hatte sich aber durch Volkshochschulkurse passables Englisch erarbeitet. Die Leichtigkeit, mit der sich Jüngere international verständigen, schüchtert sie jedoch ein. Lange zögerte die Münchnerin, den Karrieresprung zu wagen. Ihre Geschichte hat ein Happy End: Die Wirtschaftswissenschaftlerin überwand ihre Skepsis, wurde genommen und meistert die Kommunikation mit Geschäftspartnern in Asien. Rein äußerlich. Nagende Zweifel, dass sie nicht qualifiziert genug ist, halten sich hartnäckig. „Wenn eine Telefonkonferenz anberaumt ist, zittere ich jedes Mal, ob ich ihr folgen kann“, sagt die Frau, die es zur Abteilungsleiterin gebracht hat.

          Ursula  Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die sportliche Oberbayerin ist eine klassische Repräsentantin für das, was Eva Wlodarek in der Berufswelt als sogenanntes Scharlatan-Syndrom beobachtet. Gemeint ist das Gefühl, zwar eine ordentliche Position erreicht, nicht aber verdient zu haben, nach dem Motto, wenn die anderen wüssten, wie wenig ich eigentlich kann. Die Hamburger Psychologin erklärt: „Scharlatane geben vor, bestimmte Fähigkeiten oder Wissen zu besitzen, ohne dass es der Fall ist. Wer unter dem Scharlatan-Syndrom leidet, denkt insgeheim: Ich bin nicht gut genug. Hoffentlich bekommt das keiner heraus. Allerdings glaubt er fast immer zu Unrecht, er würde seine Umgebung täuschen.“ Denn das ist das Tragische an diesem Phänomen. „Gerade besonders tüchtige Menschen zweifeln oft an sich. Sie führen ihren meist beachtlichen Erfolg nur zum Teil auf eigene Anstrengungen zurück und meinen, sie seien überwiegend durch Glück oder Wohlwollen anderer in ihre Position gelangt“, sagt die Kommunikationsexpertin.

          In ihrem Buch „Selbstvertrauen stärken und ausstrahlen“ beschreibt Wlodarek das Scharlatan-Syndrom und Wege, eigene Möglichkeiten zu erkennen und sich an Erfolgen zu erfreuen, statt sie kleinzureden. In ihrer Wahrnehmung kennen zwar auch erfolgreiche Männer das Gefühl, „Wenn die wüssten, wie unsicher ich oft bin“, aber der große Unterschied bestehe darin, dass sie damit anders umgehen als Frauen. „Sie kompensieren es mit forschem Auftreten.“ Die weibliche Sozialisation führe dagegen zu einem anderen Verhalten: „Frauen streben perfektionistisch Bestleistungen an, die sich kaum erreichen lassen, und sind besonders kritisch mit sich selbst. Dadurch sind sie in puncto Scharlatan-Syndrom gefährdeter als Männer.“ Bei vielen Männern sei das anders, sagt die promovierte Psychologin. Wird ihnen ein interessantes Projekt angeboten, von dem sie bisher wenig verstehen, greifen sie zu im Vertrauen, das schon irgendwie hinzubekommen. „Während eine Frau eher zögert: Ich bin noch nicht so weit, und sich erst einmal zur Fortbildung anmeldet. Das ist gewiss kein Klischee, auch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen.“

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