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Ungewöhnlicher Berufswechsel : „Trotz 60-Stunden-Woche war da eine Art Leere“

Helga Gabriela Haack Bild: Maria Irl

Berufliche Wechsel sind heutzutage gang und gäbe. Dieser hier aber hat es wirklich in sich: Helga Gabriela Haack wurde von der Berliner Pflegedienstleiterin zur bayrischen Benediktinerin. Hier erzählt sie, warum.

          Schwester Helga Gabriela, Sie sind erst mit Mitte 40 in den Orden der Missions-Benediktinerinnen von Tutzing eingetreten. Was haben Sie vorher gemacht?

          Ursula  Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ich bin Berlinerin und war Krankenschwester. Dann habe ich Zusatzausbildungen und ein Aufbaustudium der Gesundheitsökonomie an der FH gemacht und als Pflegedienstleiterin in einem Berliner Krankenhaus gearbeitet.

          Jetzt leben Sie als Ordensschwester im beschaulichen Bernried in Oberbayern. Ein großer Wechsel. Warum?

          Sie fragen nach dem Berufungserlebnis. Damit kann ich nicht so richtig dienen. Trotz einer 60-Stunden-Woche, trotz Karriere und ehrenamtlichem Engagement war da eine Art Leere, eine stete Sehnsucht in mir. Ich war auf der Suche.

          Aber einen Anstoß muss es doch gegeben haben?

          Vielleicht war das ein meditativer Besinnungstag bei Dominikanern. Ich war evangelisch, bin konvertiert. Ich war auf der Suche nach der spirituellen Nahrung. Dann habe ich bei Redemptoristen zehntägige Schweigeexerzitien gemacht.

          Sie haben tatsächlich zehn Tage am Stück geschwiegen? Dabei wirken sie so lebhaft und gesellig.

          Das war wirklich sehr ungewohnt. Die Wahrnehmung wird eine andere. Die Aufmerksamkeit richtet sich immer weniger nach außen und viel mehr nach innen. Wir haben viermal am Tag eine Stunde meditiert und erfahren, was lebendiger Geist bedeutet. Geredet wurde nur während des halbstündigen Begleitgesprächs, einmal am Tag.

          Und danach wollten Sie in einen Orden eintreten?

          Ja, am liebsten sofort. Die Schwestern haben aber abgewunken. Das brauchte dann doch eine Zeit der Reife. Ich bin erst mit 45 Jahren eingetreten. Jetzt bin ich 56 Jahre alt und habe den Schritt nie bereut.

          Als Ordensfrau besitzen Sie wenig bis nichts. Wie fühlt sich das an?

          Anfangs etwas seltsam. Das war komisch, als ich meine Bankkarten abgegeben habe. Wenn ich neue Schuhe brauche, muss ich zur Oberin gehen und um Geld bitten. Daran habe ich mich gewöhnt. Jetzt finde ich das eher befreiend. Das ist kein Mangel für mich.

          Wenn Sie sogenanntes Verfügungsgeld erhalten, dann müssen Sie alles belegen.

          Diese Belege sind für unsere Abrechnung, da geht es nicht um Kontrolle. Daran habe ich mich leicht gewöhnt.

          Von einer Wohnung in ein zehn Quadratmeter kleines Zimmer zu ziehen, scheint ebenso gewöhnungsbedürftig.

          Mein Zimmer ist klein, dafür habe ich den Ausblick auf den Starnberger See und seine Weite, jeder Tag ist anders, es ist zum Staunen und zum Dankbarsein. Das ist ein Geschenk. Außerdem haben wir unsere Gemeinschaftsräume. Eine Schwester ist gerade in ein anderes Zimmer gezogen, ihr war das schon zu viel zu packen. Wir haben hier alles, was wir brauchen.

          Ihr Tag ist streng strukturiert, beginnt um 6.30 Uhr mit der Laudes, es gibt ein Mittagsgebet und abends die Vesper. Sie sagen, das gebe Freiheit. Das müssen Sie uns erklären.

          Das zu erklären, ist schwierig. Deshalb sind ja Besucher herzlich zu unseren Gebetszeiten eingeladen. So können sie erleben, wie berührend es ist, sich in die Psalmengesänge einzuschwingen, da kommt etwas in einem zum schwingen. Das Wissen ist das eine, aber das Herz ist das Zentrale. Dieses gemeinsame Singen und Beten tut etwas mit mir und berührt mein Inneres.

          Und was genau?

          Das ist in jedem Menschen einzigartig und geheimnisvoll, wie er mit sich in Kontakt kommt. Das hat etwas Mystisches, das kaum theoretisch zu vermitteln ist. Die Amtskirche tut sich damit schwer, wir hier im Kloster aber nicht.

          Und die Besucher können folgen?

          Ja, das zieht viele Menschen an. Ich höre das oft in Gesprächen. Das ist ein geschützter Raum, um Dasein zu dürfen, auch wenn man innerlich schon auf dem Sprung ist. Sie nutzen das Wochenende in Bernried, um Atemholen zu können. Uns ist wichtig zu betonen, dass es nicht darum geht, dann wieder im Beruf so zu funktionieren, wie das die anderen von einem erwarten und einfach nur mehr aus sich herauszuholen. Uns geht es um eine Haltung und christliche Werte.

          Sie leben in einer Gemeinschaft von 17 Schwestern, die jüngste ist 48 Jahre alt, die älteste 92. So eine Frauenlebensgemeinschaft ist sicher nicht unkompliziert?

          Das stimmt, das ist eine Gemeinschaft selten. Wo Menschen sind, da menschelt es. Wir sind hier auch nicht bestrebt, einen Einheitsbrei zu haben. Gerade in der Fastenzeit, die eine Standortbestimmung ist, bestreiten wir brennende Themen auch miteinander. Wir haben eine gemeinsame Aufgabe, eine gemeinsame Haltung. Das ist etwas Schönes und verbindet sehr.

          Und wenn es dennoch Streit gibt?

          Wir beten täglich viermal das Vaterunser: „Und vergib’ uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Da frage ich mich kritisch, vergebe ich die wirklich? Wir möchten im Frieden mit den anderen leben. Meist klappt das harmonisch.

          Warum tragen einige Schwestern eine hellgraue Ordenstracht?

          Diese Frage wird uns oft gestellt. Grau ist einfach unsere Arbeitskleidung. Dabei lassen sich unsere schwarzen Gewänder leichter waschen. Beim Sport oder bei bestimmten Veranstaltungen tragen wir natürlich zivile Kleidung.

          Haben Sie nie Heimweh nach Ihrem alten Leben in Berlin?

          Ich fahre einmal im Jahr nach Hause und freue mich, Familie und Freunde zu treffen. Das ist schön. Wenn ich dann wieder zurück fahre, fühlt sich das auch wie Heimkehren an.

          Quelle: FAZ.NET

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