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Übersetzer und Dolmetscher : Änderungsanträge per stiller Post

506 mögliche Übersetzungskombinationen in der EU Bild: ddp

Übersetzer des Europäischen Parlaments haben es nicht leicht: In der babylonischen Sprachverwirrung arbeiten sie mit Relaissprachen - Deutsch, Englisch, Französisch. Und dann erst mit Gälisch oder Maltesisch. Das kostet Geld und Nerven.

          Mehr als zwanzig Jahre arbeitete Angela Wicharz-Lindner für den "Turm von Babel" und kämpfte sich durch ein "Dickicht von Grammatik und Semantik". So beschreibt sie ihre Arbeit auf dem Kirchberg in Luxemburg, wo sich die Übersetzungsdienste des Europäischen Parlaments befinden. Nach biblischer Überlieferung scheiterte der Turmbau zu Babel daran, dass Gott für die babylonische Sprachverwirrung sorgte. Jeder redete in seiner Sprache, keiner verstand mehr den anderen, Gott hatte die Menschen mit Sprachenvielfalt gestraft. Die Gründer der Europäischen Union werden die Möglichkeit göttlicher Strafen nicht einkalkuliert haben. Also beschlossen sie, dass alle Sprachen gleichberechtigt seien und jedes EU-Mitglied ein Recht auf seine eigene Sprache habe. Alles sollte verstanden und alle sollten gehört werden. Zuständig: die Übersetzer und Dolmetscher.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Angela Wicharz-Lindner sollte für das Europäische Parlament gegen die Sprachverwirrung ankämpfen. Im Jahr 1985 hatte sich die Mutter von drei Kindern für diese Aufgabe entschieden, das Übersetzen war seit ihrer Kindheit ihre Leidenschaft. Seit 1985 galt für die Düsseldorferin, die am Dolmetscher-Institut in Heidelberg Italienisch und Französisch studiert hat, die Vorgabe: eine Seite pro Stunde und acht Seiten am Tag. Meist waren es mehr: Berichte, Änderungsanträge, Petitionen, Reden aus Politik, Haushalt, Verwaltung.

          Dokumente auf drei Millionen Seiten

          Nach elf Jahren erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. In der Zeit der Römischen Verträge, als die damalige Sechsergemeinschaft noch mit vier Sprachen auskam, konnte man sich noch leicht verständigen. Mittlerweile aber ist die Europäische Union, in der seit dem 1. Januar 2007 dreiundzwanzig Amtssprachen gesprochen werden, zu einem Synonym für die babylonische Sprachverwirrung geworden. Der wohl größte und teuerste Dolmetscher- und Übersetzungsdienst der Welt muss fast drei Millionen Seiten jährlich für Kommission, Rat und Parlament übersetzen. Ein Ende der Sprach- und Seitenflut ist nicht in Sicht - und die Kosten steigen immer weiter. Dabei fordern Abgeordnete wie der Quästor im Präsidium des Europäischen Parlaments, Ingo Friedrich, schon lange ein Ende des teuren Versuchs, Ordnung in die Sprachen zu bringen. Im Jahr 2005 lagen die Ausgaben für Übersetzungen laut Europäischem Rechnungshof bei rund 128 Millionen Euro für das Parlament, 126 Millionen Euro für den Rat und 257 Millionen Euro für die Kommission. Im Schnitt kostet eine Seite bei der Kommission 194 Euro, beim Rat 276 Euro und beim Parlament 119 Euro.

          Übersetzer beackern fast drei Millionen Seiten jährlich für Kommission, Rat und Parlament
          Übersetzer beackern fast drei Millionen Seiten jährlich für Kommission, Rat und Parlament : Bild: dpa

          Jedes Jahr wurden es mehr Seiten, die Angela Wicharz-Lindner und ihre Kollegen übersetzten. Früher per Diktat an eine Sekretärin, mittlerweile am Computer. Die Erweiterungsrunden der Jahre 2004 und 2007 ließen die Zahl der Sprachen rapide ansteigen. Mit 506 möglichen Übersetzungskombinationen sehen sich die Übersetzer heute konfrontiert. Jede Sprache muss von den Länder-Übersetzungsdiensten abgedeckt werden. Englisch, Deutsch und Französisch ebenso wie Gälisch, Maltesisch oder Katalanisch. Denn die Sprache gehört zur nationalen Identität. Und so beharrten die Iren auf dem Gälischen, obwohl nicht einmal zwei Prozent der irischen Bevölkerung die Sprache im Alltag nutzen. Und so bestanden die Malteser auf dem Maltesischen, obwohl nahezu alle Malteser durch die lange britische Kolonialzeit die Sprache ihrer einstigen Kolonialherren beherrschen.

          Teuer: die „Einheit in Vielfalt“

          Immer wieder machten Abgeordnete Vorschläge, wie man des Sprachgewirrs Herr werden könne. Aber zuletzt beruft sich jeder Mitgliedstaat auf den Grundsatz "Einheit in Vielfalt", mit dem Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Mehrsprachigkeit zur strategischen Frage für die Zukunft der Union erklärte. Ganz im Sinne dieses Grundsatzes agiert auch der Kommissar für Sprachenvielfalt, Leonard Orban. Er legte die "Politische Agenda für Mehrsprachigkeit" vor, in der es heißt: "Die Sprachenvielfalt ist in der Europäischen Union alltäglich Realität. Die Europäische Kommission ist dem Erhalt und der Förderung dieses wesentlichen Merkmals verpflichtet."

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