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Stress im Büro : „Drei Minuten ärgern hilft gegen Burnout“

  • Aktualisiert am

Kurz mal Dampf ablassen, danach muss es konstruktiv weitergehen Bild: picture alliance / fStop

Was bringen Kuren und Unternehmensrichtlinien im Kampf gegen den Stress? Meist nicht viel, meint die Psychologin Ilona Bürgel. Und erklärt, was stattdessen hilft.

          Frau Bürgel, haben Sie schon einmal unter Burnout gelitten?

          Nein, Gott sei Dank noch nicht. Ich habe immer rechtzeitig die Kurve bekommen. Aber ich kenne das Gefühl, überarbeitet zu sein.

          In welchen Situationen gehen bei Ihnen die Alarmlampen an?

          Ich komme an meine Grenzen, wenn ich zu lange aus meinem gewohnten Tagesablauf raus bin. Das geht auch anderen so. Ich habe oft mit Menschen zu tun, die die ganze Woche durch die Welt fliegen von einer Veranstaltung zur nächsten und irgendwann erschöpft sind. Da muss man einfach mal kürzertreten und sich sagen: „Halt! Du musst nicht überall dabei sein.“

          Wer trägt daran die Schuld: der Gestresste oder das stressige Umfeld?

          Beides spielt eine Rolle. Deshalb müssen wir auch permanent über eine bessere Arbeitsorganisation nachdenken. Aber es wäre fatal, wenn die Betroffenen die Schuld nur bei anderen suchten. Denn Menschen neigen dazu, die Ansprüche an sich selbst ständig höher zu schrauben. Natürlich kann man sich nicht bei jedem Termin aussuchen, ob man ihn wahrnimmt. Man kann aber trotz toller Gesprächspartner und Abendprogramme Kongresse regelmäßig gegen 22 Uhr verlassen. Auf Dauer ist das gesünder. Auch wenn das nicht immer leichtfällt.

          Das „katastrophische Hirn“ ausschalten, rät die Dresdner Psychologin und Führungskräftetrainerin Ilona Bürgel

          Burnout ist keine anerkannte Krankheit, dennoch glauben immer mehr Leute, darunter zu leiden. Wie kommt das?

          Das liegt daran, dass es enorm kommuniziert wird. Die Berichterstattung in den Medien verändert unsere Wahrnehmung. Wir haben ein „katastrophisches Gehirn“, das heißt, wir bleiben besonders an negativen Dingen hängen. Medien berichten deshalb nicht über die vielen Frauen, denen heute keine Handtasche geklaut wird, sondern über die wenigen Betroffenen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es überall und dauernd passiert. Deshalb kommen gerade immer mehr Männer, darunter viele Führungskräfte, zu mir und sagen: „Ich glaube, ich hab’s auch.“

          Ist nicht das Gute an der Burnout-Debatte, dass sich jetzt auch Manager mal trauen zu sagen: „Hilfe, ich kann nicht mehr!“?

          Ja, das ist eine große Chance, wenn sie die Fehler auch bei sich suchen und nicht auf die Umwelt abschieben. Sonst nutzen auch Medikamente und Kuren nichts, dann kommt der „Burnout“ wieder.

          Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Schritt zur Bewältigung?

          Dass die Betroffenen sich über ihr eigenes Denken bewusst werden. Wenn ich aufwache und denke: „Kollegin krank, Chef schlecht drauf, das wird ein schrecklicher Tag“ - dann werde ich auch einen schrecklichen Tag bekommen. Dieses Phänomen des „negativen Tunnelblicks“, der allein auf Probleme ausgerichtet ist, kennt man auch aus Fahrtrainings: Dort lernt man deshalb, nicht auf den Geisterfahrer zu schauen, sondern auf die Chance durch die Lücke daneben.

          Lassen sich denn im Berufsalltag alle Schwierigkeiten einfach weglächeln?

          Es geht nicht darum, sich etwas vorzumachen. Wenn das Haus brennt, dann brennt es, und das ist schlimm. Aber nach dem ersten Schock sollte ich trotzdem anfangen zu löschen. Es ist meine persönliche Entscheidung, wie lange ich mich mit negativen Nachrichten beschäftigen will.

          Was halten Sie für eine gute Dauer?

          Ich rate dazu, sich im Höchstfall drei Minuten über etwas zu ärgern. Das reicht, um den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Danach heißt es umschalten und zusehen, dass man das Beste aus der Situation macht. Konstruktives statt destruktives Denken schützt vor Burnout.

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