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Teilzeitausbildung : Morgens Azubi, mittags Mama

  • -Aktualisiert am

Melissa Wesche macht eine Ausbildung zur Malerin und Lackierin beim städtischen Bauhof der Kommune Backnang. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Für junge Mütter, die auch noch alleinerziehend sind, kommt eine normale Lehre aus zeitlichen Gründen oft nicht in Frage. Eine Teilzeitausbildung kann den Konflikt lösen.

          Wenn Melissa Wesche unter der Woche zu ihrer Ausbildungsstätte nach Backnang bei Stuttgart fährt, ist frühes Aufstehen Pflicht. Schon um 3 Uhr klingelt der Wecker. Die 27 Jahre alte Frau absolviert dabei keine Lehre als Bäckerin, sondern als Malerin und Lackiererin beim städtischen Bauhof der Kommune. Die selbstbewusst wirkende Mutter eines vierjährigen Sohnes muss - wie ihre Kollegen - erst um 7 Uhr am Arbeitsplatz erscheinen. Doch weit vorher wartet auf sie ein strammes Programm: Erst weckt und versorgt sie ihren Sohn Jamie.

          Dann fährt sie zur Schwägerin, die Jamie pünktlich beim Kindergarten abliefert. Ist die morgendliche Routine erledigt, macht sich die junge Frau von ihrem Wohnort Winnenden auf den Weg in die schwäbische Kleinstadt mit rund 35.000 Einwohnern. In Backnang hat Wesche im September ihre Lehre begonnen. Vorsorglich nicht in Vollzeit, sondern in Teilzeit, um ihrer Doppelrolle als alleinerziehende Mutter gerecht zu werden.

          Dass es für solche Fälle Teilzeitausbildungen gibt, ist relativ unbekannt. Doch nach dem Berufsbildungsgesetz gibt es diese Chancen für junge Mütter oder Väter schon seit fast zehn Jahren. Ohne Verlängerung der Ausbildungszeit. Dann erreicht die Arbeitszeit einschließlich Berufsschulunterricht zwischen 25 und 30 Stunden in der Woche. Wird die Lehrzeit gar verlängert, liegt die Wochenarbeitszeit bei mindestens 20 Stunden.

          Hohe Motivation bei Umsteigern

          Wesche verbringt das erste Jahr zunächst in der Berufsschule und ist nur während der Ferien im Betrieb. Eine handfeste Ausbildung wollte sie nach der mittleren Reife eigentlich schon immer machen. „Mit Minijobs kommt man ja nicht weit“, hatte sie nach etlichen Einsätzen im lokalen Gastgewerbe erkannt. Mit einem Kind sei die sporadische Arbeit nicht mehr möglich. Gleichzeitig wächst ihr Wunsch, für die eigene Zukunft vorzusorgen. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung sieht sie bessere Möglichkeiten, langfristig den Lebensunterhalt zu bestreiten.

          Eine Teilzeitausbildung hat die schwäbische Kommune bislang nur für Erzieherinnen angeboten, wie Ausbildungsleiter Jörg Ulver berichtet. Er und der zuständige Ausbilder Uwe Hammer bescheinigen Wesche eine hohe Motivation. Die berufliche Umsteigerin hat sich ihren Ausbildungsplatz in Backnang selbst gesucht. Über die Recherche im Internet sei sie auf die Teilzeitausbildung für die Lehrstelle gestoßen. Nach einem Praktikum war schnell klar, dass diese Stelle für sie ideal passte.

          Die Chance fiel Wesche aber nicht so ohne weiteres zu. Auch als alleinerziehende Mutter musste sie das normale Bewerbungsverfahren durchlaufen. Um den Ausbildungsplatz hatten sich bis dahin sieben junge Leute beworben. Vier davon kamen in die engere Wahl. „Und sie war die Nummer eins am Ende des Verfahrens“, bescheinigt Ausbilder Ulver. Ihn habe das Engagement und der starke Wille der jungen Frau beeindruckt. Die Stadt zählt heute insgesamt 30 Auszubildende für diverse Berufe.

          Kleine Betriebe sind besser geeignet

          In Deutschland wurden vor zwei Jahren 1344 Verträge für Teilzeitausbildungen neu abgeschlossen. Das waren 0,2 Prozent aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge, wie ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit erläutert. Die Bereiche öffentlicher Dienst, Hauswirtschaft und freie Berufe bildeten jeweils am häufigsten aus. Natürlich bekommen die Kandidaten nicht die vollständige Ausbildungsvergütung bezahlt. Das Geld reicht also nicht aus, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. In vielen Fällen ist staatliche Unterstützung nötig, um dann über die Runden zu kommen. Wesche ist über das Projekt Ausbildung und Qualifizierung in Teilzeit für Alleinerziehende (AQTA) auf diese Möglichkeit gestoßen.

          Danach machen gegenwärtig 55 junge Frauen in unterschiedlichen Fachbereichen eine entsprechende Lehre, sagt Projektleiterin Katrin Hogh. Hogh hilft Umsteigern wie Wesche bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Dabei gebe es in manchen Betrieben Bedenken, dass alleinerziehende Mütter die Anforderungen tatsächlich erfüllen können. Dann lauten die typischen Fragen: Wie ist, das mit der Kinderbetreuung geregelt oder was passiert, wenn der Nachwuchs krank ist? In kleinen Betrieben könnte in der Regel eine Teilzeitausbildung einfacher umgesetzt werden.

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