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Tätowierungen : Fürs Leben gezeichnet

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Dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich in Tattoo-Fragen meist einigen können, belege die Tatsache, dass es in dieser Sache kaum Rechtsstreitigkeiten gebe, sagt Rechtsanwalt Michael Felser aus Brühl. Im Internet pflegt Felser den Blog „Juracity - Recht für alle!“ und hat das Thema dort behandelt. Zwar gebe es auch Menschen, die sich um keinen Preis anpassen wollten, und es komme auch vor, dass sie sich mit dem Chef über die exzentrischen Verzierungen am Körper einig würden. „Es kommt auf das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber an“, sagt auch Berufsstratege Westermann. Meist aber sähen die Tattoo-Träger selbst ein, dass sie nicht glücklich werden, wenn sie täglich die Blicke von Kollegen und Kunden ertragen müssen. „Firmeninhaber sind oft strenger als die Rechtsprechung“, hat Anwalt Felser beobachtet. Und die Tattoo-Toleranz im Land habe sich bereits entwickelt: „Vor zehn Jahren war es viel schlimmer.“ In den siebziger und achtziger Jahren habe es gar Urteile zu langen Haaren und Ohrringen gegeben.

„Der öffentliche Dienst ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“

Heute beschäftigen sich Gerichte höchstens damit, ob Polizisten wegen „großflächigen Tätowierungen am Unterarm“ für den gehobenen Vollzugsdienst geeignet sind oder nicht. Die Richter des Verwaltungsgerichts Frankfurt waren hierbei im Jahr 2002 der Auffassung, dass dies keine Zumutung sei und toleriert werden müsse. „Der öffentliche Dienst ist insoweit auch hinsichtlich des Tragens von Körperschmuck ein Spiegelbild der Gesellschaft“, heißt es in der Urteilsbegründung.

Zur verzierten Gesellschaft gehört auch Marco Riemann, der als Akustiker zurzeit in Wien Mikrophone und Kopfhörer entwickelt, aber auch schon in Deutschland Erfahrungen mit Tätowierungen am Arbeitsplatz gesammelt hat. Der Ingenieur hat Bemalungen an beiden Beinen, am rechten Oberarm und über den Knöcheln - und hatte deswegen noch nie Probleme. „Wenn es zu Kundenbesuchen geht, achte ich darauf, dass nichts sichtbar ist.“ Totto Jeratsch, Inhaber des Tattoo-Studios „Freie Manufaktur“ im Hamburger Schanzenviertel, kann das verstehen. Er steht hinter dem mit Piercing-Ringen und Steckern gefüllten, gläsernen Tresen seines Ladens und deutet auf einen am ganzen Hals tätowierten Kollegen: „Der kann doch außer hier nirgends mehr arbeiten.“ Nicht mal offiziell anerkannt sei der Beruf der Tätowierer.

„Ich brauche die T-Shirt-Grenze“

Damit sich die Kunden - tätowiert wird erst ab 18 Jahren - die Tragweite ihrer Entscheidung bewusstmachen, drückt Jeratsch allen Interessierten einen weißen Ordner mit Informationen rund ums Tätowieren in die Hand. Generell gelte die Faustregel: Je größer das Tattoo, desto länger die Bedenkzeit. „Junge Leute wollen oft eine Tätowierung am Hals, das machen wir nicht“, stellt Jeratsch klar, und auch das Gesicht sei tabu. „Ich brauche die T-Shirt-Grenze“, sei eine häufige Bitte der Kunden, die Verzierungen sollen also im Alltag unsichtbar bleiben. Und jene, die ihr Tattoo inzwischen verteufeln, schicke Jeratsch in eine Laserklinik, um die Verzierungen wieder entfernen zu lassen. Während ein elektrisches Tätowiergerät beständig im Hintergrund kreischt, blickt Jeratsch zufrieden auf die zahlreichen Kunden im Laden. Die Nachfrage nach Tattoos habe in den vergangenen zwei, drei Jahren zugenommen, die nach Piercings stagniere, sagt Jeratsch.

Akustiker Marco Riemann weiß noch nicht, ob er sich künftig weitere Farbe unter die Haut stechen lassen möchte. In Vorstellungsgesprächen verbirgt er seine Körperkunst unter einem langärmligen Hemd. „Ich weiß nicht, ob ich den Job bekommen hätte, wenn die von meinen Tattoos gewusst hätten.“ Er bleibt vorsichtig: „Ich würde mich nie an den Unterarmen tätowieren lassen, wer weiß, wohin es mich beruflich noch verschlägt.“

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