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Studie zur Erreichbarkeit : Wie schädlich ist der Anruf am Sonntagabend?

Entspannt oder angespannt: Wiegen die Vorteile der Erreichbarkeit die Nachteile auf? Bild: Picture-Alliance

Jetzt auch noch kostenfreies Roaming im EU-Urlaub: Die ständige Erreichbarkeit wird immer lückenloser. Leiden Beschäftigte wirklich darunter? Oder genießen sie die Flexibilität?

          Die Ferienzeit rückt näher und mit ihr die Frage, wie gut sich Arbeitnehmer im Urlaub entspannen können. In Zeiten von Smartphones, kostenfreiem Roaming in der EU und W-Lan-Hotspots überall ist sie deutlich dringlicher geworden. Können die Menschen noch abschalten? Wie stark sind sie durch die ständige Erreichbarkeit beeinträchtigt?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das Bundesarbeitsministerium hat Forscher der Universität Freiburg und des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung München damit beauftragt, zu analysieren, wie sehr und unter welchen Umständen Beschäftigte darunter leiden, in der Freizeit für Chefs und Kollegen erreichbar zu sein. „Was herausgekommen ist, hat auch uns ein Stück weit überrascht“, sagt Nina Pauls von der Uni Freiburg, die an der Studie mitgewirkt hat.

          Nicht so sehr das grundsätzliche Ergebnis, dass ein spontaner Anruf des Chefs am Sonntagabend Arbeitnehmer ganz schön in Stress versetzen kann. Auch nicht die Tatsache, dass diese Auswirkung stärker ist, wenn die damit verbundenen Arbeitsaufgaben nicht nur eine kurze Unterbrechung der Freizeit bedeuten, sondern mehrere Stunden in Anspruch nehmen. „Wirklich erstaunlich ist, dass es überhaupt keinen Unterschied für das Stressempfinden der Leute macht, ob sie hinterher einen Freizeitausgleich für die spontan geleistete Arbeit bekommen“, sagt Pauls. Will heißen: Ist die Sonntagsstimmung einmal verdorben, ist es schwer, sie wieder zurückzuerlangen. Der Gedanke an zusätzliche freie Zeit scheint dabei nicht zu helfen.

          Befragte machten ein Gedankenexperiment

          Für diese Erkenntnisse befragten die Forscher 207 Beschäftigte aus den IT-Bereichen von fünf deutschen Unternehmen. Der IT-Bereich wurde ausgewählt, weil die Arbeitnehmer dort sehr oft in ihrer Freizeit für plötzlich auftretende Probleme erreichbar sein müssen. Zwar war die Stichprobe relativ klein. Doch Pauls hat im Rahmen ihrer eigenen Forschungsarbeit an der Uni Freiburg noch 700 weitere Beschäftigte quer durch die Branchen und Unternehmensbereiche auf die gleiche Art und Weise befragt: „Die Ergebnisse waren ganz ähnlich“, sagt die Wirtschaftspsychologin.

          Bild: F.A.Z.

          Die Probanden sollten sich vorstellen, es sei Sonntagabend und sie hätten ein gutes Wochenende gehabt. Dann sollten sie auf einer Skala angeben, wie entspannt, zufrieden und wach sie sich fühlten. Danach ging das Gedankenexperiment weiter. Was, wenn in dieser Situation der Chef anruft, weil er Unterlagen für eine anstehende Präsentation benötigt? Was, wenn er sich mit einer kurzen Auskunft begnügt? Was, wenn das Heraussuchen der Unterlagen zwei Stunden Arbeit bedeutet? Und was, wenn es zwar zwei Stunden dauert, der Beschäftigte aber am nächsten Morgen zwei Stunden später zur Arbeit gehen darf?

          „Dass der Anruf des Chefs mich überraschend trifft, dass ich nicht vorbereitet und darauf eingestellt bin - das macht vor allem das Stressempfinden dabei aus“, sagt Pauls. Deshalb, so glaubt sie, kann ein Freizeitausgleich hinterher den entstandenen Schaden nicht mehr gutmachen. Weniger Stress entstehe lediglich, wenn der Anruf nur eine kurze statt einer langen Unterbrechung des Sonntagsabends darstellt.

          Allerdings ist es natürlich fraglich, wie realistisch die Situation in dem Gedankenexperiment überhaupt ist: Sind wirklich so viele Chefs derart geneigt, ihre Untergebenen am Sonntagabend aufzurütteln? Und bedenken die Befragten alle Dimensionen der Erreichbarkeit - auch die, dass sie ihnen eine positive Flexibilisierung bringen könnte; zum Beispiel wenn Arbeitszeiten generell nicht mehr so starr sind und es auch mal möglich ist, zwischendurch das kranke Kind aus der Kita abzuholen?

          Geringeres Stressempfinden bei flexiblen Arbeitszeiten

          Jedenfalls den zweiten Aspekt haben die Forscher versucht,  abzuklopfen. Und herausgefunden, dass das Stressempfinden in allen vier Situationen geringer ist, wenn die Arbeitnehmer sich grundsätzlich ihre Arbeitszeit frei einteilen können; wenn sie also nicht nur unter den negativen Seiten der Flexibilisierung leiden, sondern auch von den positiven Seiten profitieren. Schließlich erleichtert es den Arbeitnehmern auch das Leben, wenn sie abends von zu Hause aus mobil Dinge nacharbeiten können, zu denen sie während des normalen Arbeitstages nicht gekommen sind. Sei es wegen Kinderbetreuungspflichen, sei es, weil sie mal einen Behördengang machen mussen oder weil sie es einfach bei schönem Wetter vorziehen, morgens vor der Arbeit noch ins Schwimmbad zu gehen. Allerdings: Diese positiven Effekte der Erreichbarkeit und des mobilen Arbeitens können der Studie zufolge die negativen Auswirkungen nicht komplett ausgleichen.

          Die Forscher bieten auch Lösungsansätze für die Erreichbarkeitsproblematik. „Die bestehen aber keinesfalls darin, von oben verordnet ab 18 Uhr das E-Mail-Programm abzuschalten oder während der Urlaube die Mails zu löschen“, sagt Nina Pauls. Denn dadurch entstünde umgekehrt Stress durch Nichterreichbarkeit, davon ist Pauls überzeugt. „Arbeitnehmer hätten ständig das Gefühl, etwas zu verpassen.“ Außerdem zeige die Erfahrung, dass die Arbeitnehmer sich in diesem Fall alternative Kommunikationskanäle suchten und zum Beispiel nach Feierabend einfach ihre private Mailadresse nutzten. “Das Rad lässt sich da nicht mehr zurückdrehen“, sagt Pauls, “auch wenn manche Konzerne das vor zwei Jahren teilweise versucht haben.“

          Besser sei es, daran zu arbeiten, das E-Mail-Aufkommen generell zu reduzieren. Eine gute Wissensweitergabe im Unternehmen sei ebenfalls wichtig, damit gar nicht erst sehr viele Probleme entstünden, die nur von einer einzelnen Person lösbar sind und für die der Chef am Sonntagabend anrufen muss. Außerdem könnten feste Kommunikationsfenster am Tag dabei helfen, dass Anfragen dann bearbeitet werden, wenn gerade alle gut erreichbar sind.

          Quelle: FAZ.NET

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