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Statussymbole im Job : Der Dienstwagen lebt

Eine Limousine für den Chef, das muss sein Bild: dpa

Alle Welt redet von flachen Hierarchien in modernen Unternehmen. In Wahrheit legen die Chefs immer noch größten Wert auf sichtbare Zeichen ihrer Macht.

          Die neue Arbeitswelt gibt sich basisdemokratisch. Keine Stellenanzeige kommt ohne den Hinweis auf „flache Hierarchien“ aus. Alles duzt sich, mancher Abteilungsleiter muss zu seinen Leuten ins Großraumbüro ziehen. Auch der Maßanzug mit Krawatte hat stark an Glanz verloren, seit Daimler-Chef Dieter Zetsche überall in Turnschuhen, Jeans und offenem Hemd auftaucht. Doch von alldem sollte sich niemand täuschen lassen. Die Selbstdarsteller und Werbeprofis dieser Welt trimmen sich und ihr Unternehmen zwar auf egalitär, weil es der Ideologie unserer Zeit entspricht. Das sollte man ihnen aber nicht glauben. Die Macht kommt nur heutzutage etwas subtiler daher. Nur wenige Insignien der Macht sind wirklich verschwunden.

          Christoph Schäfer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein gutes Beispiel dafür bietet die Direktbank ING-Diba, die sich nach offizieller Lesart gerade zur „agilen Bank“ umbaut. Das schlägt sich sowohl räumlich als auch in der Öffentlichkeitsarbeit nieder. Nur zu gerne haben die Kommunikationsprofis des Konzerns vor ein paar Tagen nach der Bilanzpressekonferenz die neue Vorstandsetage gezeigt. Und es stimmt: Die vorigen Einzelbüros sind abgeschafft, alle Vorstände und auch der Vorstandschef sitzen nun an einem überschaubaren Tisch zusammen. Per du sind hier sowieso alle. Selbst der Vorstandschef („der Nick“) hat keinen eigenen Schreibtisch mehr.

          Chefbüro mit bestem Blick auf die Skyline

          Egalitär geht es in der agilen Bank natürlich trotzdem nicht zu. Selbstverständlich befindet sich das Großraumbüro der Vorstände unverändert im höchsten Stock des Gebäudes – mit bestem Blick auf die Frankfurter Skyline. Nach wie vor hat jeder Vorstand Anspruch auf einen eigenen Sekretär und einen persönlichen Business-Manager und verdient ein Vielfaches von ihnen. Ferner haben nur die Vorstände das teuerste iPhone als Diensthandy und einen Schlüssel für den Lastenaufzug, um zu Stoßzeiten dem Gedränge im normalen Aufzug zu entgehen. Abteilungsleiter und höhere Positionen bekommen nach wie vor einen Dienstwagen samt reserviertem Parkplatz in der Nähe des Fahrstuhls. All diese Vorteile sind nicht verwerflich, mitunter sogar sinnvoll oder (wie der eigene Assistent) für einen Vorstand schlicht unverzichtbar. Sie stehen aber in einem seltsamen Kontrast zur egalitären Werbeaussage, dass „bei uns selbst der Vorstand im Großraumbüro sitzt“.

          Auch bei anderen Firmen lohnt es sich, die neue Brüderlichkeit zu hinterfragen. Beim Beratungsunternehmen Capgemini in Frankfurt etwa wurde dieser Tage das Namensschild des Chefs von der Tür des letzten verbliebenen Einzelbüros entfernt. Beim Rundgang heißt es: „Hier darf jetzt jeder rein.“ Erst auf mehrfache Nachfrage stellt sich heraus, dass der Standortleiter doch das erste Zugriffsrecht hat. Wer das Chefbüro nutzen will, muss davor im Vorzimmer um Erlaubnis fragen. Intern macht das keiner, nach außen hin sieht aber alles gleichberechtigt aus.

          Hippe Unternehmen geben sich als Gleichmacher

          In den meisten Betrieben steht das Chefbüro ohnehin nicht zur Disposition. „In den großen Konzernen wollen die Vorgesetzten nicht zu ihren Angestellten“, berichtet der Besitzer eines exquisiten Möbelgeschäfts, der zahlreiche Vorstandsbüros in Frankfurt einrichtet und aus Sorge um seine prall gefüllten Auftragsbücher anonym bleiben möchte. Der öffentliche Eindruck ist nur deshalb anders, weil jedes hippe Unternehmen jede neue Gleichmacher-Maßnahme lautstark bewirbt. Konservative Unternehmen, die am Status quo festhalten, verkünden der Welt hingegen nicht, dass „bei uns der Chef nach wie vor im größten Büro sitzt“.

          Der Besitzer des Möbelhauses hingegen beteuert: Statt im Großraumbüro in der Masse der Mitarbeiter unterzugehen, zählten in den Großkonzernen unverändert die alten Zeichen der Macht. „Die Größe des Büros ist entscheidend, die Lage ist entscheidend.“ Der Chef sitze immer ganz oben im Gebäude und habe den besten Ausblick. Auch die bauliche Ausführung der Wände und der Böden spiele eine große Rolle. „Und bei der Einrichtung nimmt man eigentlich immer nur das Teuerste und setzt es so geschmackvoll wie möglich in Szene.“

          Dezenter Chic statt Gold und Protz

          Jeder Besucher solle sofort sehen, dass die Einrichtung teuer war, ohne wie im Trump-Hotel in Washington von Gold und Protz erschlagen zu werden. Natürlich wollten es ein paar Kunden noch schrill und laut, das sei aber die Ausnahme. Die meisten wollten das Beste, aber ansonsten mehr Luft und Raum. Bescheiden gehe es nur bei der Zahl der Sessel zu: Vier seien fast immer genug, acht wolle niemand – damit das Chefbüro erst gar nicht zum Besprechungsraum fürs ganze Team umfunktioniert werden könne.

          Auch der Dienstwagen hat als Statussymbol keineswegs ausgedient. Laut dem „Firmenwagenmonitor 2017“ verfügen zwei von drei Berufstätigen ab einem Jahresgehalt von mehr als 150 000 Euro über ein von der Firma bezahltes Fahrzeug. Im Durchschnitt kostet das Auto 65 000 Euro. „Der Vorstand eines Dax-Konzerns fährt natürlich immer noch in einer Großraumlimousine“, berichtet der Leiter einer großen Personalberatungsfirma. „Man wird aber nicht mehr an ein Foto von ihm in so einer Limousine kommen. Nur an ein Foto von ihm in einem Smart, den er selbst fährt.“ Nach vorne versuchten die meisten Führungskräfte, sich im gesellschaftlichen Mainstream aufzuhalten: Keine Eliten, wir sind alle gleich. „Nach hinten, im Verborgenen, ist das natürlich überhaupt nicht der Fall.“

          Auch Start-Ups brauchen Status

          Selbst in der Welt der Start-ups geht es nicht herrschaftsfrei zu. Das lässt sich beispielsweise am Software-Unternehmen Patagona veranschaulichen. Die Firma in Darmstadt ist jetzt knapp fünf Jahre alt und hat zwanzig Mitarbeiter. Auf den ersten Blick sind alle gleich: „Bei uns ist es wie in anderen Start-ups: Wenn du den Raum betrittst, wirst du nicht erkennen können, wer der Chef ist“, sagt Geschäftsführer Maximilian Bank. An normalen Tagen trägt er Turnschuhe und Jeans, einen festen Schreibtisch hat er nicht, zur Arbeit fährt er mit der Bahn. So weit, so gleichberechtigt. Doch ohne Status-Zeichen geht es selbst beim besten Willen nicht. Wenn ein Kunde zu Besuch kommt, greift der Firmengründer mindestens zum Hemd, dann erkenne man ihn leicht als Chef. Auch wohlklingende Titel habe er mit dem ersten Mitarbeiter eingeführt, „weil irgendwas nun mal auf der Visitenkarte stehen muss“.

          Hinzu kommen Bank zufolge die unsichtbaren Zeichen. Selbst in Start-ups gebe es immer zwei Typen von Mitarbeitern: zum einen die Absolventen von teuren Privatuniversitäten, zum anderen die von normalen Unis. „Es duzen sich zwar alle, und vorn herum sind alle gleich; wenn man aber tiefer reinblickt, ist mehr Hierarchie drin, als man denkt.“ Wer mit wem zum Mittagessen gehe und Netzwerke baue, sei sehr aufschlussreich. Die zwei Welten mischten sich kaum. Und spätestens, wenn die Zahlen schlecht seien, würden die Kündigungen auch in Start-ups traditionell gehandhabt. „Dann wirst du halt vom Jens entlassen.“

          Nobler Wohnort fürs Prestige

          Über Macht kann auch Psychologe Christian Mühldorfer berichten. Er gibt seit Jahrzehnten Seminare und Einzelcoachings für Führungskräfte aller Hierarchiestufen. Was ihm seine Klienten erzählten, unterscheide sich je nach Firma und Branche. Die stärksten Hierarchien seien im Krankenhaus zu finden, wo die Visite des Chefarztes oft genug einer puren Demonstration seiner Macht gleichkomme. Auch in den Banken gehe es noch immer stark hierarchisch zu. In anderen Branchen seien die Zeichen subtiler geworden – aber immer noch vorhanden. Einige seiner Kunden hätten beispielsweise eine „IWC Ingenieur“-Uhr. Durch diese Uhr gäben sie zu erkennen, dass sie zur Crème de la Crème der Ingenieurkaste gehörten. Uneingeweihte nehmen die Uhr erst gar nicht wahr oder halten sie lediglich für einen schicken Zeitmesser. Wer das Uhrenmodell aber deuten kann, weiß, dass die Uhr mindestens ein paar tausend Euro kostet.

          In hohen Kreisen sei auch der Wohnort ein starkes Zeichen: Wer beim Stehempfang erzähle, dass er nicht im Hochtaunuskreis wohne, sondern in Offenbach, werde schief angesehen. Auch die Ausbildung der Kinder sei aussagekräftig: Lernt der Nachwuchs an einer staatlichen Schule oder auf der internationalen? Macht er das Praktikum um die Ecke oder in Neuseeland? „Das trägt man nicht offen zur Schau, aber man erwähnt es im Gespräch mal.“ Auch mit ihm selbst werde bisweilen angegeben, erzählt der Psychologe. Der eine oder andere Klient lade ihn bewusst in die Lobby des Luxushotels Bayerischer Hof in München ein. Als Statussymbol ist das nicht zu unterschätzen: Wer kann sich schon während der Arbeitszeit einen Coach auf Firmenkosten leisten?

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