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Personalberater : Jagd auf die Headhunter

  • -Aktualisiert am

Qual der Wahl: Mit neuer Daten-Software lässt sich die Treffsicherheit bei der Kandidatenauslese steigern. Bild: Getty

Start-ups machen traditionellen Personalvermittlern das Geschäft streitig. Mit diskreten Anrufen ist es längst nicht mehr getan.

          Früher wäre es vielleicht so gelaufen: Bei Philip Petersen hätte das Telefon geklingelt, und eine unbekannte Stimme wäre dran gewesen. „Können Sie gerade sprechen?“, hätte die Stimme gefragt, und Petersen hätte gewusst: Jetzt ist der Headhunter am anderen Ende der Leitung.

          Tatsächlich lief es so für Petersen: Der studierte Wirtschaftswissenschaftler hatte von 2013 bis 2016 bei Google gearbeitet und war nach einem Auslandsaufenthalt als Marketing-Freelancer in Mexiko wieder nach Berlin zurückgekehrt. Insgeheim hegte er aber den Wunsch, Manager in einem jungen Unternehmen zu werden, um Praxiserfahrung für eine eigene Gründung zu sammeln. Beim Start-up „Taledo“ legte er sich daher ein Profil an, denn das Portal versprach: „Melde dich in 2 Minuten an und lass Unternehmen sich bei dir bewerben.“ Tatsächlich klappte es: Sogar richtig „viele Angebote“ habe er erhalten, berichtet Petersen, schließlich wurde er Vertriebschef beim Start-up „Insta Freight“.

          Portale sorgen für Umbruch in der Branche

          Portale wie „Taledo“ sorgen derzeit für einen Umbruch im Personalvermittlungs-Geschäft und in der klassischen Headhunter-Szene. Letztere ist in den vergangenen Jahren immer stärker unter Druck geraten. Genaue Zahlen zum deutschen Headhunter-Geschäft existieren zwar nicht, Brancheninsider sprechen jedoch von einem Markt, der jährlich auf der ganzen Welt rund vier Milliarden Dollar umsetzt. In dieser Branche findet eine digitale Revolution statt – und dabei sind es längst nicht nur die sozialen Berufsnetzwerke wie „Xing“ und „Linkedin“, die mittlerweile dazu dienen, die klügsten Köpfe für bestimmte Positionen zu finden, und den Headhuntern die Klientel streitig machen. Viele junge Unternehmer haben eine Marktlücke erkannt und versuchen, in der Branche Fuß zu fassen.

          Julian von Blücher zum Beispiel. Wer ihn nach dem Ziel seines Unternehmens fragt, dem erklärt er: „Wir sind angetreten, den angestaubten Markt der klassischen Personalberatung durch mehr Technologie-Einsatz, unkonventionelle Kommunikation und digitales Knowhow aufzubrechen.“ Der 34 Jahre alte Wirtschaftsingenieur hat das Start-up „Talent Tree“ gegründet, das darauf spezialisiert ist, Unternehmer und Führungskräfte zu rekrutieren. Und er will dabei alles anders machen als seine Kollegen beim klassischen Headhunting: Von Blücher setzt Persönlichkeits-Tests mit Hilfe von Cloud-Computing ein, nutzt Chat-Bots und durchforstet mit Spezial-Software das Netz. So findet er neue Talente, die er und sein Team im Anschreiben schon ab der ersten Mail duzen. Sein Start-up wächst stetig, er kommt den Anfragen kaum hinterher, und seine Arbeitstage sind lang: „Sie dauern mal acht Stunden und mal sechzehn.“

          Goldene Zeiten für private Vermittler

          Mario Bossler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB) beobachtet den Digitalisierungs-Trend in der Branche schon länger. Er spricht von „goldenen Zeiten“ für die private Arbeitsvermittlung. Der Fachkräftemangel spiele den Unternehmen in die Hände, die Zahl der Arbeitgeber, die Schwierigkeiten bei Neueinstellungen hätten, sei im letzten Jahr „um 20 Prozent gestiegen“. Nach den Forschungen des IAB sind soziale Kontakte wichtiger denn je: „Die Zahl der privaten Vermittlungen von Stellen nimmt leicht zu, während die Zahl der Vermittlungen durch die Bundesagentur für Arbeit leicht sinkt.“

          Die vorhandenen sozialen Kontakte in Unternehmen will sich das Unternehmen „Firstbird“ zunutze machen. Arnim Wahls gründete es 2013 gemeinsam mit seinem heutigen Chef-Technologen Daniel Winter. Davor war Wahls bei einer der größten Rechtsanwaltskanzleien Europas mit 600 Anwälten als Chef des Recruitings angestellt. Als diese Kanzlei einen Senior-Anwalt suchte, beauftragte Wahls einen Headhunter: 30 000 Euro kostete die Vermittlung. Aber als der neue Mitarbeiter kam, kannte der schon zwei Angestellte in der Kanzlei. Wahls fand, dass man sich dieses Geld hätte sparen können, denn: „Oft gibt es irgendeine Verbindung zwischen Arbeitnehmern und möglichen Kandidaten, doch die ist eben unsichtbar.“

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