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Smalltalk über den Beruf : Und, was machen Sie so?

Allein an der Bar? Oder doch lieber das Gespräch suchen? Dann wird aber unweigerlich die eine Frage kommen, auf die es eigentlich keine Antwort gibt. Bild: dpa

Wir tun gerne so, als seien wir höflich und der Beruf des Gegenübers interessiere uns tatsächlich. Dabei wollen wir mit der perfiden Frage in Wahrheit doch etwas ganz anderes erreichen.

          Dieser Text muss mit einer Floskel beginnen: Wer kennt das nicht? Man sitzt an einer Bar, das Feierabendbier spült den Alltag runter, man kommt mit dem Nachbarn ins Gespräch, über das Wetter und über Fußball, jedenfalls nicht über das, was man vor wenigen Minuten noch im Büro getan hat. Wenn die Dinge gut laufen, rastet das Gespräch irgendwo ein. Man selbst ist zum Beispiel der Meinung, das Wetter könnte besser sein, der Barnachbar, das Wetter könnte besser nicht sein, und schon hat man eine Diskussion, die umso leidenschaftlicher geführt wird, je nichtiger ihr Anlass ist.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann kommt der katastrophale Wendepunkt: „Und, was machen Sie so?“ Leider ist diese Frage nie so harmlos gemeint, wie sie daherkommt. Also wäre auch eine Antwort dahin gehend, dass man gerade ein Bier trinke oder im Begriff war, sich zu unterhalten, keine gute Verteidigungsstrategie. „Und, was machen Sie so?“ Diese unsäglichste aller Floskeln zielt direkt ins Herz des ungebrochenen bürgerlichen Selbstverständnisses: des Berufs. Es ist eine sublimierte Aufforderung zum Duell. Wenn man im Wilden Westen jemanden herausfordern wollte, knurrte man: zieh! Heute fragt man: „Und, was machen Sie so?“

          Die Frage nach dem gesellschaftlichen Status folgt einem wie ein streunender Hund durch alle Lebenslagen. Auf Studentenpartys soll man sagen, wofür man eingeschrieben ist, begleitet von wohlwollenden oder abschätzigen Blicken, im Berufsleben, womit man seine Brötchen verdient, und im Rentenalter, mit welchen Hobbys man die verbleibende Lebenszeit totschlägt. Hinter jedem unverbindlichen Gespräch lauert der Vergleich. Es scheint, als könnten sich manche Menschen gar nicht unterhalten, ohne zu wissen, mit wem sie es zu tun haben. Dahinter steckt aber nur selten echte Neugier.

          Familienmensch? Heavy-Metal-Fan? Gelegenheitsraucher?

          Es geht auch nur scheinbar darum, das, was andere von sich geben, in eine Schublade einzusortieren. Denn macht es wirklich einen Unterschied, ob jemand der über Vegetarismus lästert, ein Metzger ist oder ein Öko-Aktivist? Es gibt sowohl leidenschaftliche Fleischesser unter Öko-Aktivsten als auch vegetarische Metzger. Tatsächlich zielt die Frage gar nicht auf den Gesprächspartner. Sie ist ein Versuch, sich selbst zu verorten. Viele wissen offenbar erst, wer sie sind, wenn sie wissen, wer der andere ist. Ihr Wert bemisst sich in der Gegenüberstellung. Was aber soll man antworten, wenn einem der eigene Beruf nichts bedeutet? Das man Familienmensch sei? Heavy-Metal-Fan? Gelegenheitsraucher?

          Die Frage „Und, was machen Sie so?“ suggeriert, dass man ist, was man macht - weder die Summe der eigenen Erfahrungen noch eine Ansammlung verschiedener Rollen. Natürlich könnte man versuchen, sie zu boykottieren. Man könnte antworten: Nachts träume ich davon, berühmt zu sein, morgens versuche ich, den Kaffee nicht zu verschütten, und wenn ich nach der Arbeit noch Zeit habe, widme ich mich meinen Tarot-Karten. Nur wird die nächste Frage dann lauten: „Und, was arbeiten Sie so?“ Der Statusfrage entkommt niemand. Das ist aber nicht ihr einziges Problem. Denn was auch immer man antwortet: Es wird gegen einen verwendet. Spielen wir das beispielhaft durch.

          Angenommen, Sie sind von Beruf Politiker und antworten wahrheitsgemäß - das ist zwar eher unwahrscheinlich, aber bleiben wir für einen Moment im Bild. Sie sagen also zum Beispiel: „Ich bin Stadtrat.“ Dann ist von „Echt? Ich dachte, die sind normalerweise gar nicht so volksnah!“ bis „Ach, dann sind Sie also für die erhöhten Eintrittspreise in den Schwimmbädern zuständig?!“ alles möglich. Entweder Sie bekommen die Quittung, für das, was Ihr Berufsstand seit jeher falsch macht, oder eine Diskussion über Detailfragen aufgezwungen, die sie doch gerade im Alkohol ertränken wollten. In beiden Fällen besteht die weiter führende Option auf ein Gespräch über Gott und Welt.

          Notfalls bleibt das Wetter

          Das schlimmste Szenario tritt allerdings erst ein, wenn man zu hören bekommt: „Interessant.“ Das ist der Schuss durch die Lunge, die vollständige Vernichtung. Wem das passiert, der kann nur noch mit zittrigen Fingern seinen Drink runterspülen und als Geschlagener den Heimweg antreten. Es hilft übrigens auch nichts, auf seine Privatsphäre zu pochen. Wer das tut, hat schon verloren, bevor es zur Sache geht. Das ist so, wie im Saloon das Hosenbein hochzukrempeln und aufs Holzbein zu klopfen. Man gibt schon vorher auf. Man verdeutlicht, dass man kein ebenbürtiger Gegner ist.

          Der Barnachbar wird glauben, man sei arbeitslos oder anderweitig statusgefährdet, und milde triumphierend in sein Bierglas lächeln. Eins ist klar: Die Frage „Und, was machen Sie so?“ fällt unter den Tatbestand der Folter. Sie gehört auf den gesellschaftlichen Index. Künftig sollten sich Menschen wieder ganz ohne Ansehen der Person unterhalten, Themen gäbe es ja genug, und notfalls bleibt immer noch das Wetter, das ändert sich ja auch täglich.

          In Frankreich, diesem Musterland des Savoir Vivre, hat man das längst erkannt. Wer sich dort wirklich für den anderen interessiert, fragt: „Qu’est ce que vous faites dans la vie“, übersetzt „Was machen Sie in Ihrem Leben?“. Darauf könnte man antworten: Ich gehe sonntags gerne fischen. Man könnte antworten: Ich lasse das Leben eher mit mir machen. Oder ganz profan: Ich bin Chirurg - ohne je zu wissen, ob der andere das so genau wissen wollte. Das stumme Triumphgeheul im Blick kann man sich jedenfalls sparen.

          Stundenlange Gespräche über Krabbenzucht

          Seien wir ehrlich: Anonyme Gespräche sind doch das beste, was uns passieren kann. Sie sind eines der wenigen verbliebenen Abenteuer im Großstadtdschungel. Nur, wer nicht weiß, dass er gerade einem Investmentbanker gegenübersitzt, wird ihn in aller Deutlichkeit mit den Klischees seines Berufs konfrontieren. Das gilt auch umgekehrt: Nur wer nicht weiß, womit sich der Nachbar an der Bar im Alltag rumschlägt, wird ihn für so interessant halten wie das, was er von sich gibt.

          Es gilt das gesprochene Wort. Die pure Rhetorik. Einmal unterhielt ich mich stundenlang mit einem Unbekannten über die Krabbenzucht. Er war der Meinung, dass sich damit eine Menge Geld verdienen lasse; man benötige nur Land, ein paar Zuchtbecken und ein Kühlsystem. Ich versuchte skeptisch zu wirken, ohne ihn zu entmutigen. Je mehr wir tranken, desto klarer wurde allerdings auch mir, welche Chancen die Krabbenzucht bot.

          Vor meinem inneren Auge erschienen Lastwagenkolonnen, Krabben aus der Dose, Etiketts mit meinem Namen. Ich sah die „Bild“-Schlagzeile schon vor mir: „Krabben-King kauft Sylt!“ So weit wäre es nie gekommen, hätte ich gewusst, dass er Lehrer ist. Und erst recht nicht, hätte er gewusst, dass ich Journalist bin. Es lebe das freie Spiel der Kräfte. Es lebe die unverbindliche Diskussion. Niemand muss wissen, was der andere so macht.

          Quelle: F.A.Z.

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