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Sinnsuche im Saarland : Wo Informatiker in Klausur gehen

Einst Adelssitz, Altenheim, Kloster Bild: Frank Röth

Ein kleines Dorf in der deutschen Provinz hat in der Informatik-Welt einen magischen Klang. In die Abgeschiedenheit von Schloss Dagstuhl werden nur die klügsten Köpfe eingeladen.

          Kurz vor Mitternacht lassen die Informatiker ihre Laptops einfach Laptops sein. Christina Anagnostopoulou hat aus ihrer Heimat eine Flasche Raki mitgebracht, für zehn Minuten verwandelt sie damit die Cafeteria in eine Taverne. Auf dem Tisch lag ohnehin schon eine Flöte, eine Laute lehnt an der Wand, auch die Verteilung der Geschlechter wirkt authentisch: Die Griechin ist die einzige Frau unter fast zwei Dutzend Männern. Doch zwischen Kreta und dem Saarland liegen 2000 Kilometer; die sternklare Winternacht ist nicht lau, sondern frostig; und die Seminaristen denken statt an Sirtaki schnell wieder an Datenbanken und Algorithmen. Immerhin sind sie auf Schloss Dagstuhl, das in der Welt der Informatik einen märchenhaften Ruf genießt: Die Einladung hierher gilt als akademischer Ritterschlag.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Von den Turing-Award-Gewinnern, unseren Nobelpreisträgern, dürfte inzwischen jeder zweite hier gewesen sein“, schätzt Reinhard Wilhelm. Seit seiner Gründung im Jahr 1990 leitet der Professor aus Saarbrücken das „Internationale Begegnungs- und Forschungszentrum für Informatik“, das vor drei Jahren durch die Aufnahme in den Kreis der Leibniz-Zentren zusätzlich geadelt wurde. Die Geschichte des abgeschieden im Saarländer Hochwald liegenden Fleckens reicht jedoch viel weiter zurück: Vom Höhenzug im Rücken des Schlosses ragt noch die Ruine eines Burgfrieds aus dem Mittelalter empor, der barocke Adelssitz selbst wurde im 18. Jahrhundert gebaut, später als Altenheim, dann von Franziskanerinnen als Kloster genutzt. Nicht von ungefähr ist der moderne Anbau, in dem Bibliothek, Seminarraum und Gästezimmer untergebracht sind, einem Kreuzgang nachempfunden.

          Das Prinzip des Klosters

          „Man geht hier in Klausur“, skizziert Wilhelm das Klosterprinzip, in dem er das Erfolgsrezept von Dagstuhl sieht – und die Voraussetzung für die hier angestoßenen bahnbrechenden Entwicklungen in der Bioinformatik und Bildverarbeitung, für das Semantic Web und die Simulationssysteme. Klein sind die Gruppen, die sich auf Schloss Dagstuhl treffen, handverlesen und im besten Sinne interdisziplinär. Für konzentriertes Nachdenken und konstruktive Gespräche finden sie hier den perfekten Ort: Ganze 350 Einwohner hat das einen Spaziergang entfernte Dörfchen Dagstuhl; mit dem Bus ließe sich zwar auch Wadern erreichen, aber die größte Attraktion der Kleinstadt ist ein betongraues Einkaufszentrum – und vor dem Schloss gibt es nur eine meist verwaiste Bedarfshaltestelle. „Wenn am Bahnhof von Sankt Wendel jemand einsteigt, der sichtlich keine deutschen Wurzeln hat“, erzählt Reinhard Wilhelm eine der gängigen Anekdoten über das Informatik-Schloss, „dann wirft ihn der Fahrer bei uns raus. Ob er will oder nicht.“

          Allein die Einladung gilt ihnen als akademischer Ritterschlag
          Allein die Einladung gilt ihnen als akademischer Ritterschlag : Bild: Frank Röth

          Christina Anagnostopoulou wollte. Sie ist 38 Jahre alt, hat in Edinburgh studiert und promoviert, jetzt forscht und lehrt sie an der Universität Athen. Am Institut für Musikwissenschaft, um genau zu sein. Nach Dagstuhl hat sie in dieser Woche ein Seminar mit dem Titel „Knowledge representation for intelligent music processing“ gebracht. Was sich für den Laien kurios anhören mag, ist Eingeweihten nur zu gut bekannt: Schon seit Jahrzehnten beißt sich eine kleine Gemeinde von Informatikern und Musikologen die Zähne stumpf an der Herausforderung, für die dauerhafte elektronische Speicherung musikalischen Wissens einheitliche Standards zu finden, die automatisierte Abfragen, Vergleiche und Analysen ermöglichen. Vielleicht bringt sie Dagstuhl nun einen wichtigen Schritt weiter, hofft Anagnostopoulou. „Es gibt Informatiker, die Musik nur als eine von vielen anderen Daten-Domänen ansehen“, analysiert die Expertin für Kompositionstechnik die Computerspezialisten, an denen ihrer Meinung nach viele Anläufe gescheitert sind. „Hier dagegen sind all die anderen versammelt.“

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