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Serie „Anders Arbeiten“ : Der Tischkicker wird überschätzt

Beliebter Pausenfüller: Immer mehr Unternehmen stellen Tischkicker auf. Bild: AP

Ein Tischkicker im Büro macht alle Mitarbeiter froh: Das behaupten Firmenchefs. Wenn sie sich da mal nicht irren.

          Plötzlich war er da, der Tischkicker. Etwas unglücklich plaziert, auf einem weitläufigen Flur in der Nähe zweier Büros. Nachdem sich sein Dasein herumgesprochen hatte, strömten die Mitarbeiter der Abteilung herbei und staunten wie Dschungelbewohner, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein Automobil sahen. Nach der anfänglichen Aufregung von „Ah“ bis „Oh“ sprach sich langsam herum, dass der Tischkicker von einem Kollegen gestiftet wurde, der ihn irgendwo gewonnen, aber zu Hause keinen Platz dafür hatte.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es dauerte nicht lange, dann herrschte am Kickertisch ein ständiges Geklacker und Gejohle, das die Spieler mitriss, alle anderen in der Abteilung aber störte. Beide Seiten entfremdeten sich zusehends. Irgendwann war der Ärger so groß, dass die Kickerkugel verschwand, vermutlich entwendet von einem pflichtvergessenen Kollegen, dem Spielverderber. Der Spaß oder Spuk, je nach Sichtweise, war vorbei, alle verbrachten die Pausen fortan wieder in gepflegter Langeweile.

          Zugegeben, ich gehörte zu den Lauten. Ich habe mitgespielt, und das nicht selten, sondern ganz eifrig bei jeder Gelegenheit. Eine halbe Stunde am Stück, jeweils mittags und abends, und das mehrmals in der Woche, das kam vor. Wir Vielspieler haben die Sache derart ernst genommen, dass unmittelbar nach dem Kickern an Arbeit erst mal nicht zu denken war. Die schlechten Verlierer schmollten in ihrer Büroecke und waren zunächst genauso wenig produktiv wie die Sieger, die vom ekstatischen Kurbeln an den Kickerstangen dermaßen geschafft waren, dass sie sich erst einmal von der Pause erholen mussten. Wer unbedingt gewinnen will, angespannt ist und schwitzt, der fällt nach Spielende eben erst einmal in ein kreatives Loch. Nur ganz langsam ging die Arbeit wieder von vorne los. Das konnte nicht wirklich im Sinne des Arbeitgebers sein.

          Längst kickert man auch gegen andere Firmen

          Trotzdem stellen Unternehmen ständig neue Tischkicker auf. Sie folgen damit Facebook, Google und Co., die aus einem Land kommen, das von Fußball keine Ahnung hat, aber das Handumdrehen am Tisch cool findet. Über die deutsche Startup-Szene hielt das Spielerische auch Einzug in Frankfurter Beratungsgesellschaften, Münchner Versicherungskonzerne, Darmstädter Pharmaunternehmen und Stuttgarter Automobilhersteller. Firmen richten in ihren Gebäuden nun Freizeiträume ein, in denen Yogakurse und Rückengymnastik für die Mitarbeiter angeboten werden und wo auch eine Tischtennisplatte und ein Kickertisch nicht fehlen dürfen. Das ständige Klackern des Plastikballes auf dem Glasspielfeld oder, noch besser, der resopalbeschichteten Spielfläche gehört inzwischen zum guten Ton in vielen Unternehmen.

          Längst kickert man nicht nur im Kreis der eigenen Kollegen, sondern auch gegen die Spielwütigen aus anderen Firmen. Es gibt Meisterschaften, beispielsweise ein Turnier, das sich „2-5-3 Business Kick“ nennt und jedes Jahr ausgetragen wird. Jede Firmenmannschaft besteht aus Männern und Frauen, als Hauptpreis zu gewinnen gibt es – Überraschung! – einen Profi-Kickertisch im Wert von 1000 Euro. Sogar im deutschen Betriebssportverband ist die Tischfußball-Lobby offenbar stark vertreten. Deren Propagandisten sprechen ständig von „Recreation“ und davon, dass Mitarbeiter „motivierter und effizienter“ arbeiten und sich besser mit dem Unternehmen identifizieren, wenn sie gemeinsam an Stangen drehen, Tore bejubeln und sich dabei „vom stressigen Arbeitsalltag erholen“.

          Gegen den Tischfußball-Hype etwas einzuwenden kommt nicht gut an. Der Kickertisch ist nämlich längst mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Er gehört, frei nach dem französischen Philosophen Roland Barthes, inzwischen zu den Mythen des modernen Büroalltags. Als solchen muss man ihn auch deuten. Der Tischkicker ist „zugleich Sinn und Form“, wie laut Barthes jeder Mythos. Rein formal besteht ein Tischkicker aus 22 Figuren, die alle von gleicher Form und gleicher Größe sind. Die Figuren sind, nach Mannschaftsteilen geordnet, jeweils mit einer Stange verbunden. Das ganze Gefüge ist starr, mehr noch als die Bande einer Bürogemeinschaft.

          Sinngemäß ist der Tischkicker in einem Unternehmen weniger eine Einladung zum Spiel als vielmehr eine Aufforderung zur Zerstreuung. Man muss den appellativen Charakter des Gerätes verstehen: Wer den Tischkicker aufgestellt hat, sendet eine Botschaft an alle Mitarbeiter, auch diejenigen, die gar nicht spielen. Die Botschaft lautet: Wir sind jung, wir sind agil, hier herrscht eine Lockerheit, die unsere Kreativität steigert!

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