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Science Slam : Die Sendung mit der Maus für Erwachsene

  • -Aktualisiert am

Paraskavedekatriaphobie: Das ist die Angst vor Freitag, dem Dreizehnten Bild: picture-alliance/ dpa

Im „Science Slam“ versuchen die Redner, komplexe Wissenschaft für schlichte Gemüter erreichbar zu machen. Dabei lernen alle Beteiligten etwas. Zum Beipiel, was es mit der Paraskavedekatriaphobie auf sich hat.

          „Paraskavedekatriaphobie?“, fragt Felix Büsching das Publikum und zieht die Augenbrauen hoch. „Weiß denn niemand, was das Wort bedeutet?“ Allgemeines Schulterzucken. Unter den etwa 300 Gästen, die im Großen Saal des Hauses der Wissenschaft in Braunschweig sitzen, scheint kein einziger Gräzist zu sein. Auch niemand, der unter jener Sorte pathologischer Belastung leidet, nach der Büsching fragt. „Es handelt sich um die Angst vor Freitag dem Dreizehnten“, klärt Büsching schließlich auf. Das Publikum lacht. „Wenn Sie die hätten, wären Sie heute wohl auch nicht hier.“ Applaus. Büschings Eröffnung an diesem abergläubisch vorbelasteten Freitagabend hat gezündet.

          Trotz Regenwetters ist der Saal übervoll, einige Besucher werden wegen Platzmangels sogar abgewiesen. Ist in Braunschweig denn so wenig los, fragt sich der unbedarfte Erstbesucher, der sich unter dieser vermeintlichen Nerdsause ein Treffen von zehn bleichen Informatikern in einem verlassenen Seminarraum vorgestellt hatte. Doch der „Science Slam“ stellt sich als genauso unterhaltsam wie beliebt heraus.

          Ein wissenschaftlicher Kurzvortragswettbewerb

          Hinter dem martialisch anmutenden Titel der Veranstaltung verbirgt sich, zu Deutsch, ein wissenschaftlicher Kurzvortragswettbewerb. In zehn Minuten müssen die Teilnehmer ein komplexes akademisches Thema ihrer Wahl vortragen. Verständlichkeit ist dabei nicht das einzige Kriterium für einen gelungenen Auftritt. Roland Kremer, der Moderator der Veranstaltung, erklärt deshalb vor dem Wettbewerb auch noch einmal das Bewertungssystem. Einer zufällig ausgewählten Jury von zwölf Gästen hat er Punktekarten von eins bis sechs mitgegeben, die sie nach den Vorträgen hochzuhalten haben. „Wenn Sie am Ende das Gefühl haben: Mann, bin ich jetzt schlau, und obendrein habe ich mich auch noch köstlich unterhalten, dann vergeben Sie bitte sechs Punkte.“

          Felix Büsching erhält an diesem Abend respektable 55 für seinen Vortrag über die Funktionsweise von kabellosen Netzwerken. Keine peinliche Stille, sondern Gelächter nach den Witzen, Büsching fährt hart an der Grenze zum Frivolen, ohne danebenzutreten. Er muss sich viel Arbeit gemacht haben, sein Vortrag wirkt bis ins Detail geplant, er illustriert das Gesagte mit Hilfe vieler Graphiken und Bilder, die er über einen Projektor an die Wand wirft. Punkte lässt Büsching allerdings beim eigentlichen Inhalt des Vortrags, denn so ganz aufgeklärt über das Prinzip hinter dem heimischen Netzwerk fühlen sich die Zuhörer am Ende seines Auftritts leider doch nicht.

          Was sich das Publikum beim Science Slam wünscht, ist eine Art Sendung mit der Maus für Erwachsene. Man erwartet zwar schwierigere Themen als jene, die „der Christoph“ einem als Kind erklärt hat, und so lernt man an diesem Abend auch nicht, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen. Es sind am Ende aber die naturwissenschaftlichen Themen, die, in denen man dem innersten Zusammenhalten der Welt einen kleinen Schritt näher kommt, die den Zuhörern in Braunschweig am Besten zu gefallen scheinen.

          Die Mischung macht's

          Markus Weißkopf weiß aus Erfahrung, dass es die Mischung ist, die am Ende den Erfolg ausmacht. Rhetorischer Feinschliff reicht alleine ebenso wenig aus wie wissenschaftlicher Tiefgang. Weißkopf ist Geschäftsführer im Haus der Wissenschaft, er hat sich die Veranstaltung auch ausgedacht. Die erklärenden Beiträge des Astrophysikers Harald Lesch im Bayerischen Rundfunk hatten ihn beeindruckt, außerdem ist Weißkopf ein Freund der „Po etry Slams“ genannten modernen Dichterwettstreite.

          Weißkopf hofft, dass die Vortragenden, meist Doktoranden, bei ihren Auftritten lernen, ein fachfremdes Publikum mitzureißen. In Zeiten zunehmender Drittmittelabhängigkeit der Wissenschaften sind Auftritte jenseits des Labors immer wichtiger. Außerdem soll der Nachwuchs im Publikum für die Wissenschaft begeistert werden. Das Konzept jedenfalls funktioniert so gut, dass es nun auch in Hamburg und Ilmenau Science Slams gibt.

          Den Lorbeerkranz, in Braunschweig das „Goldene Gehirn“ genannt, trägt an diesem Freitag den Dreizehnten Martin Buchholz davon. Mit insgesamt 68 Punkten lässt er nur vier Zähler liegen, das Publikum applaudiert laut und lange. „Ein Vortrag mit nur fünf schlichten Folien“, beginnt Buchholz, alle lachen, auch der Projektorkönig Büsching. Buchholz gelingt bei seinem Auftritt das Kunststück, die ersten beiden Hauptsätze der Thermodynamik zu erklären, schwieriges Zeugs, das man in der Schule nie kapiert hat. Es gibt im Laufe des Abends noch weitere gute Redner. Psychologie, atomare Aufrüstung, Klimaschutz und Orchesterlandschaften, die Themenvielfalt kann sich sehen lassen. Aber in zehn Minuten Entropie erklären, das muss Buchholz erst mal einer nachmachen.

          Quelle: F.A.Z.

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