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Schwieriger Ruhestand : Von hundert auf null

Bild: Cyprian Koscielniak

Wer seinen Beruf geliebt hat, dem fällt der Ruhestand oft schwer. Plötzlich ist der Urlaub nicht mehr entspannend, weil der Stress vorher fehlt. Selbst das Ausschlafen macht keinen Spaß mehr. Begegnungen mit dem Rentnerschock.

          Ende eines Arbeitslebens. Der frischgebackene Rentner Heinrich Lohse hat zu viel Zeit. Er versucht, sich im Haushalt nützlich zu machen, lässt sich von einem Vertreter Wurzelbürsten und Badezusatz aufschwatzen. Schließlich kauft er im Tante-Emma-Laden palettenweise Senf ein, um ein Mini-Sonderangebot zu nutzen. „Die Welt geht unter, aber wir haben Senf, Wurzelbürsten und Badezusatz“ - dieses Zitat aus Loriots Filmklassiker „Pappa ante Portas“ steht wie kaum ein anderes für Rentner, die mit der Rente nicht zurechtkommen, für Menschen, für die der Beruf alles war und denen von einem Tag auf den anderen der Lebensinhalt fehlt.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          “Von hundert auf null zu schalten ist mindestens so schwierig wie von null auf hundert“, sagt Herb Stumpf. Der Wirtschaftsingenieur führt die Beratungsgesellschaft „50 Plus Consulting“, die älteren Arbeitnehmern den Berufsausstieg erleichtern will. Der Rentnerschock hat viele Gesichter, und Stumpf kennt sie alle: „Ehemalige Manager fangen auf einmal an zu kochen. Ex-Banker treiben ihre Frauen in den Wahnsinn, weil sie plötzlich ihr Putztalent entdecken. Manche beschäftigen sich auch ständig mit sich selbst und werden Dauergast im Wartezimmer des Arztes.“ Stumpf hat auch tragische Fälle erlebt. „Menschen, die viel Stress im Beruf hatten und bei denen die Feder reißt, sobald die Spannung weg ist. Die gehen in Rente und bekommen ein paar Wochen später einen Herzinfarkt.“

          Die Dimension des Phänomens wird immer größer

          Eigentlich ist das alles nichts Neues. Neu ist aber die Dimension, in der das Phänomen künftig auftreten wird. „Es gibt nicht nur immer mehr Ältere, die Menschen bleiben auch immer länger fit“, erklärt die Psychologin Ursula Staudinger von der Jacobs University Bremen, die sich auf Alternsforschung spezialisiert hat. Mittlerweile verbleiben einem 65 Jahre alten Mann in Deutschland im Durchschnitt weitere 17,5 Lebensjahre, einer 65 Jahre alten Frau sogar noch 20 Jahre und acht Monate. „Einen Großteil dieser Zeit verbringen sie in gesundem Zustand“, sagt Staudinger. Jetzt beginnt auch noch die Babyboomer-Generation, in Rente zu gehen. Eine große Zahl frischgebackener Ruheständler profitiert von diesen „gewonnenen Jahren“. Allerdings: „Es gibt kaum Daten darüber, was die Leute mit der zusätzlichen Lebenszeit anfangen“, sagt Staudinger. „Auch nicht darüber, ob sie überhaupt etwas Sinnvolles damit anzufangen wissen.“

          Hansjürgen Spiller weiß es bis heute nicht. Der frühere Geschäftsführer und Partner einer Unternehmensberatung schlitterte mit 65 Jahren ganz unbedarft in den Ruhestand. „Ich hatte zuvor lange im Ausland gelebt. Auf einmal war ich zurück in Berlin, mit Haus und Garten, aber ohne wirkliche Beschäftigung. Ich hatte völlig versäumt, mir Gedanken über den normalen Tagesablauf zu machen“, sagt er. Und dann zählt er auf. Wie das Reisen keinen Spaß mehr machte, weil der Urlaub keine Erholung vom Alltagsstress mehr bedeutete. Wie langweilig die Gänge ins Theater wurden, weil die Freizeit selbstverständlich war. Wie er morgens nicht mehr lange ausschlafen konnte, weil er immer ausgeruht und nie mehr übermäßig müde war. „In meinem Tagesablauf gibt es sehr viele leere Stellen. Dann spiele ich Klavier oder lese ein Buch, doch das genügt nicht, um die Leere zu füllen“, sagt Spiller. Mittlerweile ist er schon seit 11 Jahren in Rente. „Was machst du hier?“, fragt er sich oft. „Ich wohne hier“, würde Pappa ante Portas antworten. Und seine Frau würde sagen: „Aber doch nicht jetzt um diese Zeit!“

          Vorbereitung ist alles

          Um diesem Zustand vorzubeugen, sei Vorbereitung alles, glauben Fachleute. Herb Stumpf rät dazu, sich schon nach dem 50. Geburtstag erste Gedanken über die Zeit nach der Rente zu machen, spätestens aber zwei Jahre vor dem Ruhestand. „Das fängt an mit ökonomischen Überlegungen“, sagt der Berater. „Was werde ich als Rentner an Einkommen haben? Welchen Steuersatz und welchen Krankenkassenbeitrag werde ich zahlen müssen? Welchen Lebensstil kann ich mir dann noch leisten?“ Als Nächstes solle sich der angehende Rentner Gedanken über das soziale Umfeld machen: „Was bedeutet es für meine Partnerschaft, wenn ich häufiger zu Hause bin? Was wird sich ändern, wenn ich nicht mehr den ganzen Tag mit den Kollegen rede?“ Oft sei es sinnvoll, sich mit Kollegen zu solidarisieren, die auch in den Ruhestand gingen. „Sie erleben Ähnliches und werden in dieser Lebensphase oft zu guten Freunden.“ Schließlich gelte es, sich Aufgaben zu suchen. „Es geht um nichts weniger als um einen neuen Lebensinhalt.“

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