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Rhetorik-Kunst : Reden macht süchtig

  • -Aktualisiert am

Kommunikations- und Führungsfähigkeit werden immer wichtiger Bild: Daniel Pilar

Für jeden Beitrag gibt es Applaus, nie wird das Rednerpult ohne freundlichen Handschlag übergeben. Bei den uramerikanischen „Toastmasters“ läßt sich die Kunst der freien Rede entspannt erlernen. Auf deutsch oder englisch.

          Viola graust es nicht, wenn sie vor Publikum frei reden soll. Heute abend hält sie ihre zehnte Rede. Sie will die Grundschule der "Toastmasters" abschließen. Nach nur zehn Monaten. In dem Rhetorik-Club steht die 36jährige für ein paar ewig lange Minuten als Vorstandschef von "John Dogskin" vor ihren Zuhörern. Der Hersteller von Outdoor-Bekleidung kündigt die Schließung seines "1000 Schritte"-Bereichs an. Wird Viola Ängste der Kollegen aufnehmen, ohne die Zukunftsinteressen ihres Unternehmens aus dem Blick zu verlieren?

          Im Nebenraum einer Frankfurter Gaststätte bewegt sich Viola ruhig zwischen Vereinsfahne und Pult, spricht ihr 25köpfiges Publikum direkt an, erzählt mit Inbrunst von einfachen Völkern, die auch nicht immer alle aus der Gruppe ernähren konnten, streift Großmutters Ratschläge, dreht leise deprimierende Trauer in kraftvoll mitreißende Zuversicht, wiederholt Kernpunkte, ohne sich zu verhaspeln, schließt mit einem Appell. Und wird lautstark beklatscht. Viola hat alle Regeln aus dem Handbuch beachtet - und einen Titel gewonnen: "Competent Toastmaster".

          Ein Plus im Lebenslauf

          Toastmaster? Was in Deutschland Achselzucken hervorruft, kenne in Amerika jeder, sagen die Toastmaster. Auch jeder Personalchef. Ein Plus im Lebenslauf bekomme dort, wer sich in seiner Freizeit um die Verbesserung seines persönlichen Auftretens bemüht, um Kommunikations- und Führungsfähigkeit. Im Oktober 1924 hat ein gewisser Ralph Smedley, Bildungsbeauftragter beim Christlichen Verein Junger Männer, den ersten Toastmaster-Club in Kalifornien gegründet. Jeder sollte für wenig Geld überzeugende Auftritte proben können. Heute hat die gemeinnützige Organisation 200 000 Mitglieder, die in 90 Ländern und mehr als 10 500 Vereinen aktiv sind. Gut 40 davon gibt es in Deutschland.

          Bei den Treffen ist man unter sich, ohne Rhetorik-Trainer. Manche Clubs arbeiten auf deutsch, andere auf englisch. Und auch die wenden sich nicht an Profis der Fremdsprache. In beiden Fällen bleiben die durch und durch amerikanischen Rituale die gleichen. Jeder Teilnehmer engagiert sich. Er hält eine Rede, vorbereitet oder aus dem Stegreif, baut dort das "Wort des Tages" ein, bewertet wohlwollend den Auftritt eines anderen, führt durch den Abend, zählt "Ähs" und "Ems", erzählt eine Pointe oder überwacht einfach nur Redezeiten. Wer vorne steht, spricht über selbstgesetzte Themen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die das Unterrichtsmaterial der Toastmaster vorgibt: "Eisbrecher", eine Rede organisieren, auf den Punkt kommen, Körpersprache, optische Hilfsmittel - Schwierigkeitsgrad steigend. So soll sich jeder furchtsame Stammler allmählich zum eloquenten Redner häuten können.

          Evaluation heißt Bewertung, nicht Kritik

          Es ist an Monika, ihrer Club-Präsidentin Viola die Auszeichnung zu überreichen. Sie tritt dafür ans Rednerpult, mit Blume und selbstgebastelter Urkunde. "Please, help me welcome Monika", ruft Silke in die Runde und klatscht schon mal Beifall. Sie ist "Toastmaster des Abends" und moderiert die streng organisierten anderthalb Stunden. "A super-model in this role", lobt sie "Division-Governor" Greg später: vorbildlich in dieser Rolle. Jeder noch so kleine Beitrag wird mit Applaus quittiert, niemals wird das Rednerpult ohne freundlich aufmunternden Handschlag übergeben, die Runde füllt Feedback-Bögen aus ("wenn Sie glauben, daß Sie zur Entwicklung der Sprecher beitragen können"), selbst die Engländerin Claire wird für ihre sprachlichen Anmerkungen "in perfektem Englisch" gelobt. Dorothee, die hier auch schon Präsidentin war, erzählt, eine Pädagogin habe einmal über die geschützte Atmosphäre im Verein eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben - die Toastmasters als autonome Lerngruppe. Der Kniff: Niemand mißbraucht das Vertrauen der anderen, jeder muß ja mal ran.

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