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Resilienz : Die unsichtbare Kraft

  • -Aktualisiert am

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“, stellte schon Friedrich Nietzsche fest. Ein Bad im Eiswasser belebt den Körper. Was aber stärkt den Geist? Bild: Reuters

Manche Menschen scheinen über eine unsichtbare Kraft zu verfügen, die sie auch in schweren Zeiten aufrecht und auf Kurs hält. Resilienz heißt diese psychische Widerstandsfähigkeit - jeder kann sie erlernen.

          Es gibt sie, die Helden des Arbeitsalltags. Die selbst unter enormem Zeitdruck ruhig bleiben und für weniger nervenstarke Kollegen ein aufmunterndes Wort finden. An denen die Kritik des cholerischen Chefs abprallt wie ein Basketball von einem Turnhallenboden. Die abends länger bleiben, wenn ein wichtiges Projekt abgeschlossen werden muss, aber auch deutlich sagen, wenn sie dafür am nächsten Tag erst später ins Büro kommen wollen. Diese Menschen scheinen über eine unsichtbare Kraft zu verfügen, die sie auch in schweren Zeiten aufrecht und auf Kurs hält. Für diese unsichtbare Kraft gibt es in der Psychologie und den ihr verwandten Disziplinen ein Wort: Resilienz.

          Der Begriff hat seinen Ursprung im lateinischen Verb „resilire“, was so viel wie „zurückspringen“ oder „abprallen“ bedeutet. Wer also im Zusammenhang mit geistiger Gesundheit das Wort „Resilienz“ verwendet, spricht über die psychische Widerstandsfähigkeit, über die ein Mensch verfügt. Resiliente Menschen sind eher in der Lage, persönliche Rückschläge zu verkraften oder berufliche Krisen konstruktiv zu bewältigen. Und sie gehen aus solchen Tiefs eher gestärkt als geschwächt hervor.

          Seit einigen Jahren wird der Begriff der Resilienz vor allem in Bezug auf die steigenden Anforderungen des Arbeitslebens immer wichtiger. So schreibt die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt in ihrem Buch „Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft“, erschienen im dtv-Verlag: „Trotz großen Wohlstands, geringer körperlicher Belastungen und allerlei technischer Errungenschaften, die das Leben eigentlich leichter machen sollten, fühlen sich die Menschen ständig unter Druck. Hoch sind die Ansprüche an Schnelligkeit, Professionalität und Akkuratesse im Berufsalltag.“

          Symbol für eine ausgebrannte Gesellschaft

          Berndts Buch ist 2013 erschienen, hat aber schon jetzt die 14. Auflage erreicht. Monatelang stand es auf der „Spiegel“-Bestsellerliste für Sachbücher, sieben Wochen sogar auf Platz 1. Vor allem vom Untertitel „Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burnout“ fühlen sich viele Käufer offenbar angesprochen, avancierte doch vor allem der englische Begriff für das akute Erschöpfungssyndrom in den vergangenen Jahren zum Symbol für eine fast ausgebrannte Leistungsgesellschaft, in der sich viele gefangen fühlen, und ist mittlerweile sogar in Managerkreisen salonfähig geworden.

          „Seit prominente Menschen wie der Skispringer Sven Hannawald oder der Fußballtrainer Ralf Rangnick öffentlich über ihre psychischen Probleme gesprochen haben, scheint es immer weniger ein Stigma zu sein, sich psychologische Hilfe zu holen und das auch offenzulegen“, bestätigt Astrid Jansen. Die Diplompsychologin bietet für die BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH aus Bonn am Standort Köln Seminare, Beratungen und Vorträge zum Thema Resilienz für Mitarbeiter und Führungskräfte anderer Firmen an. Zudem ist sie in das Forschungsprojekt der BAD zum Thema Resilienz in Kooperation mit dem Bereich Wirtschaftspsychologie der Universität Duisburg-Essen eingebunden.

          Auch andere Institutionen widmen sich der Frage, wie die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz verbessert werden kann, etwa der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen oder die Initiative Neue Qualität der Arbeit, die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wird. Verwunderlich sind die Initiativen nicht, im Gegenteil sehen Experten schon seit etwa einem Jahrzehnt Handlungsbedarf. „Gegenüber Herzkreislauf- und Skeletterkrankungen sind die psychischen Erkrankungen heute massiv auf dem Vormarsch“, sagt Psychologin Jansen. Soll heißen: Psychische Krankheiten werden neben den Rückenproblemen langsam, aber sicher zur Volkskrankheit.

          Psychische Probleme nehmen zu

          Das manifestiert sich in Zahlen. So stellt etwa der diesjährige Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen fest, dass die Fehltage aufgrund psychischer Leiden im Vergleich zum vergangenen Jahr um 2,3 Prozent zugenommen haben, von 2012 bis 2013 lag der Zuwachs sogar bei 7 Prozent. Zwar sind Erkrankungen des Muskel- und Skelettapparats wie Rückenschmerzen bislang noch der häufigste Grund, warum Menschen ihrer Arbeit nicht nachgehen können; doch die Tendenz ist hier leicht fallend. Im Bereich der psychischen Erkrankungen dagegen steigt die Zahl der Ausfälle stark. Um diese Entwicklung zu bremsen, wurden Konzepte entwickelt, die Arbeitnehmer mental widerstandsfähiger machen sollen.

          Ein erster Schritt, den auch Psychologin Jansen den Teilnehmern ihrer Seminare eröffnet, ist beispielsweise die Möglichkeit, darüber nachzudenken, welche Herausforderungen sie bereits in ihrem Leben bewältigt haben – der erste Liebeskummer sei ein gutes Beispiel dafür. „So werden die Ressourcen bewusst, über die man bereits verfügt, um sie bei künftigen Krisen wieder abrufen zu können“, erklärt Jansen. Gleichzeitig würde den Menschen auch klar, dass sie nur mit eigener Kraft etwas verändern könnten. Ein weiterer Lernaspekt solcher Überlegungen sei im Umkehrschluss aber auch: zu erkennen, dass Dinge im Leben nicht immer so laufen, wie man es sich vorgestellt hat, und zu erkennen, trotz vieler Anstrengungen einer Situation manchmal machtlos gegenüberzustehen. „Dabei geht es nicht darum, alles bedingungslos hinzunehmen“, sagt Jansen.

          Vielmehr lässt sich so leichter akzeptieren, dass man sein Wunschziel nicht mehr erreichen kann und womöglich ad acta legen muss, ohne mit dieser Entscheidung zu hadern oder daran zu zerbrechen. Ebenfalls regt Jansen ihre Seminarteilnehmer dazu an, vermeintliche eiserne Regeln zu hinterfragen. Gängige Beispiele reichen von „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ oder „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. Die Wirkung solcher Glaubenssätze ist laut Jansen ambivalent: „Sie sind in manchen Situationen für die Person, die sie verwendet, sinnvoll und zielführend – in anderen aber auch nicht“, ist die Expertin überzeugt. Wenn Menschen „ihre“ jeweiligen Glaubenssätze näher durchleuchten, erschließe sich ihnen damit auch die Freiheit, zu wählen, wann sie diese befolgen wollen und wann nicht.

          Widerstandskraft ist nichts naturgegebenes

          Selbstreflexion ist also der zentrale Schlüssel zu mehr Widerstandskraft? Die Antwort orientiert sich an der persönlichen Situation des Betroffenen: „Jeder Mensch kennt Situationen, die er zum ersten Mal bewältigen muss. Für die er keine Erfahrungswerte hat, auf die er zurückgreifen kann“, sagt Jansen. Zudem könne es sein, dass Menschen eine Situation zwar als belastend empfänden und auch wüssten, wie sie zu meistern sei, aber diesen Befreiungsschlag praktisch nicht umsetzen können. Und schließlich gebe es laut Jansen bei manchen Menschen einen „blinden Fleck“, wonach die optimale Lösung für ein besonderes Problem partout nicht auf dem persönlichen Radarschirm erscheint. „In allen Fällen kann ein professioneller Blick von außen dann den richtigen Anstoß zur Lösung geben“, ist die Psychologin überzeugt.

          Widerstandskraft ist also nichts naturgegebenes. Jeder kann resilienter werden. Nicht von ungefähr investieren Unternehmen in entsprechende Schulungen, um die Produktivität der Belegschaft zu erhalten oder sogar zu erhöhen. Ein resilienter Mitarbeiter ist schließlich ein rentabler Mitarbeiter. „Der betriebswirtschaftliche Hintergrund des vom Arbeitgeber finanzierten Resilienztrainings ist nicht von der Hand zu weisen“, räumt Jansen ein. Denn das Ziel eines solchen Trainings sollte nicht sein, einen erschöpften Mitarbeiter so auf die Schnelle wiederaufzurichten. Wichtiger sei es, dass ein Teilnehmer lerne, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen auf sich selbst zu achten und somit auf lange Sicht psychisch gesund zu bleiben.

          „Ein Resilienztraining trennt nicht zwischen Beruf und Privatleben“, sagt Jansen, „Es zielt darauf ab, die Widerstandskraft eines Menschen ganz allgemein zu erhöhen.“ Auch das Buch von Wissenschaftsjournalistin Berndt beschränkt sich nicht nur auf die Erhöhung der Resilienz im Arbeitsalltag. Sie beschreibt das Thema zunächst allgemein und fragt dann über Selbsttests ab, wie gut jemand schläft oder wie zielstrebig die Karriere verläuft – Faktoren also, die für die sogenannte Work-Life-Balance verantwortlich sind. Die Gründe für den nachhaltigen Erfolg des Buches liegen auf der Hand. Viele Leser haben sich beizeiten an den bewährten Glaubenssatz erinnert, wonach „jeder seines Glückes Schmied“ ist.

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