http://www.faz.net/-gyl-8w6x1

Radikaler Schritt : IBM schafft das Home Office ab

  • Aktualisiert am

IBM konzentriert sich auf das Thema künstliche Intelligenz; damit sind aber nicht alle Probleme gelöst. Bild: EPA

Tschüss, flexibles Arbeiten! Hallo Unternehmenszentrale! Das IT-Unternehmen IBM holt in Amerika Hunderte Marketing-Mitarbeiter zurück an sechs Hauptstandorte. Ist das Konzept Home-Office kläglich gescheitert?

          Das IT-Unternehmen IBM ist so etwas wie ein Pionier in Sachen Home Office: Schon im Jahr 1980 führte das Unternehmen erste Möglichkeiten ein, von zu Hause aus zu arbeiten, indem es den Angestellten mit dem Betrieb verbundene Computerterminals ins heimische Wohnzimmer stellte. Bis zum Jahr 2009 stieg die Zahl der Heimarbeiter kontinuierlich an und liegt angeblich mittlerweile bei 40 Prozent der Belegschaft, die sich über die gesamten Vereinigten Staaten verteilen. Aber jetzt soll Schluss damit sein - aktuell für die 2600 Mitarbeiter des amerikanischen Marketings.

          In einer Video-Botschaft an ihre Mitarbeiter teilte die Marketing-Chefin Michelle Peluso dem Nachrichtenportal Quartz zufolge mit, dass sämtliche Beschäftigte dieser Abteilung künftig an nur sechs Standorten in amerikanischen Großstädten „Schulter an Schulter“ arbeiten sollen. Nur so könne echte Kreativität und Inspiration entstehen, zeigte sich Peluso überzeugt. Künftig arbeiten also alle Marketingleute wieder im Büro. Und zwar ausschließlich an den Standorten Atlanta, Raleigh, Austin, Boston, San Francisco und New York. Viele werden dafür umziehen oder mindestens pendeln müssen.

          Für die Betroffenen kommt das Vorhaben als echter Kulturschock daher, schien IBM doch bis vor kurzem als ein absoluter Vorreiter beim örtlich flexiblen Arbeiten. Doch nach und nach glauben offenbar immer weniger Abteilungen des IT-Konzerns  an diese Philosophie. Dem „Quartz“-Bericht zufolge hat es auch in anderen Abteilungen schon größere Umstrukturierungen gegeben, die teils krasse Ortswechsel für die Mitarbeiter zufolgle hatten. Betroffen waren die Bereiche Design, Sicherheit, Beschaffung, Teile der IT-Abteilung und Teams, die an dem Supercomputer „Watson“ und in der Cloud-Entwicklung arbeiten.

          Die Entwicklung weg vom Home Office sorgt offensichtlich für denkbar schlechte Stimmung unter den Mitarbeitern. „Jeder, den ich kenne ist sehr aufgebracht“, so wird eine Beschäftigte zitiert, die anonym bleiben möchte. Angeblich schaut sich so mancher Mitarbeiter schon nach einer neuen Stelle um. Böse Zungen behaupten sogar, IBM nehme die Kündigungen gern in Kauf, weil das Unternehmen ohnehin Personal reduzieren wolle. Obwohl sich das Unternehmen mittlerweile immer stärker auf Wachstumsfelder wie Künstliche Intelligenz konzentriert können diese die drastischen Rückgänge im Kerngeschäft der jüngeren Vergangenheit noch nicht ausgleichen.

          Abgesehen von solchen Vermutungen gibt es aber schon seit längerer Zeit einen Trend gegen das Home Office. Mit der Abschaffung von Heimarbeitsmöglichkeiten hatte vor mehr als drei Jahren schon Marissa Mayer bei Yahoo Schlagzeilen gemacht. Auch Unternehmen wie Reddit und Best Buy haben in Amerika in der jüngeren Vergangenheit Mitarbeiter wieder zurück an die Unternehmensschreibtische geholt. Vielzitiert ist von den Unternehmen in diesem Zusammenhang eine Harvard-Studie, die zum Ergebnis hat, dass eine physische Nähe von Team-Mitarbeitern besser sei, um innovative Ideen hervorzubringen.

          Andere Studien behaupten dagegen das Gegenteil: Weil E-Mail, Chat-Apps und Videokonferenzen das flexible Arbeiten von überall her komfortabler machen, überwinden Heimarbeiter die Kommunikationsbarrieren heute besser als früher, so der Tenor. Weil sie zufriedener seien, seien sie auch engagierter und würden freiwillig mehr Zeit in ihre Arbeit investieren. Zu beobachten ist jedenfalls, dass diese Position häufig von denjenigen Unternehmen verteidigt wird, die generell stark auf der Suche nach qualifiziertem Personal sind und im Wettbewerb um gute Köpfe punkten müssen.

          Quelle: nab.

          Weitere Themen

          Warum Google HTC will

          Milliardenkauf : Warum Google HTC will

          Google hatte schon mit Motorola-Handys keinen Erfolg. Jetzt kauft der Internetkonzern die Handybauer von HTC. Wozu? Hier sind drei Gründe.

          Topmeldungen

          Merkel vor vierter Amtszeit : Die ewige Kanzlerin

          An diesem Sonntag wird Angela Merkel aller Voraussicht nach für ihre vierte Legislaturperiode gewählt. Und spätestens am Montag beginnt die Nachfolgedebatte und die CDU hat ein Problem.
          Stürmische Zeiten: Theresa May muss in Florenz versuchen, ihre Partei und die EU zufrieden zu stellen.

          Brexit-Rede : Theresa Mays italienischer Spagat

          Die britische Premierministerin Theresa May will in einer Rede in Florenz ihre Brexit-Politik erklären. Darin muss sie sowohl die EU als auch ihre Basis zufriedenstellen, um die Partei zu beruhigen.

          Bundestagswahl : Russland rechnet mit Merkel

          In Moskau wird über die Bundestagswahl in viel milderem Ton gesprochen, als über die Präsidentenwahlen in Amerika und Frankreich. Man will Berlin schließlich wieder als Partner gewinnen.
          Will aufrüsten: Irans Präsident Ruhani

          Streit um Atomabkommen : Iran droht Aufrüstung an

          Iran werde niemanden um Erlaubnis bitten, wenn es um seine Verteidigung gehe, sagt Präsident Rohani. Die Ankündigung wirkt wie Öl ins Feuer inmitten eines aufgeflammten Streits um das Atomabkommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.