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Quereinstieg : Neustart als Berufsschullehrer

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Schreibblocks und Hefte statt Akten: Wer aus der Wirtschaft in die Berufsschule wechselt, muss sich in vielerlei Hinsicht umstellen Bild: Wolfgang Eilmes / F.A.Z.

Berufsschulen haben keinen guten Ruf, bieten Akademikern mit Berufserfahrung aber beste Aussichten: Viele Rektoren suchen Quereinsteiger. Voraussetzung ist ein Hochschulabschluss, außerdem sollten sich zwei Unterrichtsfächer aus dem Studium ableiten lassen.

          Julia Klippels Ansage ist klar und deutlich. „Handys aus und wegpacken“, so fängt sie in der Konrad-Adenauer-Schule in Kriftel bei Frankfurt am Main den Unterricht an. Die plaudernde Sabrina soll den Stoff wiederholen, Gülhan mit dem Essen aufhören, auch bei der Zuspätkommerin sitzt der Name schon kurz nach Beginn des Berufsschuljahres. „Da kommt die Jacqueline zu spät.“ Die Namen schnell zu lernen ist für die promovierte Medizinerin keine Nebensache. „Eine Beziehung zu den Schülern aufzubauen ist der Dreh- und Angelpunkt meiner Arbeit“, erklärt sie nach der Stunde. Den Stoff mit wechselnden Methoden und Übungsphasen so zu dosieren, dass kein Schüler frustriert zurückbleibe, sei die zweite Grundlage. „Nicht Input zählt, sondern Output“, sagt sie. „Also: Was kommt an?“

          Dass sie selbst an der Berufsschule und nicht im Krankenhaus ankommen wollte, entschied Klippel kurzentschlossen nach dem Examen: Die Arbeitsbedingungen in der Klinik fand sie damals weder attraktiv noch familienverträglich, deshalb packte sie auf ihr Studium kurzerhand ein Referendariat, um Lehrerin für das Berufsfeld Medizin zu werden. Nun habe sie zuerst mit Menschen und dann erst mit Fachgebieten zu tun, sagt die Oberstudienrätin, deshalb gefalle ihr Beruf ihr so gut. Das Beispiel aus der Praxis liefert der Nachhauseweg an diesem Tag: Ein weinendes Mädchen stellt sich Klippel in den Weg, auch das gehört zum Lehreralltag. „Die Schüler suchen Bezugspersonen. Und wenn sie Hilfe brauchen, kann ich nicht einfach weitergehen.“

          Wer sich das zutraut, hat heute gute Aussichten, auch ohne Lehramtsstudium noch Lehrer zu werden: Mathematiker, Ingenieure, IT-Fachleute, mancherorts auch Dolmetscher und Sozialpädagogen mit Berufserfahrung haben beste Chancen auf einen späten Einstieg in den Schuldienst. Denn in diesen Fächern fehlt - gerade an den beruflichen Schulen - der Nachwuchs. Viele Lehramtsstudenten meiden diese Schulform, weil ihre Klientel als schwierig gilt: Alter, Motivation, soziale Herkunft und Nationalität sind so unterschiedlich wie die Schulzweige; neben der klassischen Berufsschule für Auszubildende gibt es Berufsvorbereitungsklassen für Schüler ohne Abschluss, Berufsfachschulen, in denen der mittlere Abschluss nachgeholt werden kann, Fachschulen, Fachoberschulen und berufliche Gymnasien.

          Ein Hochschulabschluss ist Voraussetzung

          Die Voraussetzung für den Quereinstieg ist ein Hochschulabschluss, außerdem sollten sich zwei Unterrichtsfächer aus dem Studium ableiten lassen. Ein Kinderspiel? „Als Softwareentwickler bei Siemens war ich nie so fertig wie nach einem Schultag mit sieben oder acht Stunden“, sagt Franz-Josef Müller, der am Berufskolleg Südstadt in Köln vor zwei Jahren mit 48 Jahren seine zweite Karriere als Lehrer startete. „Man muss lernen, sich auf 170 Schüler einzulassen und sie jede Stunde aufs Neue zum Lernen zu motivieren. Mit Power-Point-Vorträgen wie im Unternehmen kommt man da nicht weit.“ Obwohl die Unterrichtsvorbereitung anfangs unendlich viel Zeit gekostet habe, sei er mit Freude dabei - und nennt den Grund dafür: „Ich habe die Chance bekommen, noch einmal etwas Neues zu tun, was ich auch bis weit in die Sechziger ausüben kann.“

          In den Schoß falle der Lehrerberuf niemandem, räumt Renate Zender ein, die an der Konrad-Adenauer-Schule in Kriftel die Seiteneinsteiger betreut. „Lärm, wenig Disziplin und die gezielte Störung des Unterrichts sind unsere Hauptthemen“, sagt die Studiendirektorin. „Auch gestandene Ingenieure und Physiker unterschätzen, was es heißt, vor einer Klasse zu stehen.“ Von den Eltern der Schüler hingegen sei mit vergleichsweise geringer Kritik zu rechnen. „Wenn sich überhaupt mal jemand beschwert über eine schlechte Lehrkraft, sind das die Betriebe.“ Zur Unterstützung der Quereinsteiger gebe es eine Menge Handwerkszeug. In Zenders Worten: „Methoden der Wissensvermittlung, mit denen unsere Schule Nicht-Pädagogen gerne hilft.“ Davon profitierten Lehrer und Schüler, betont sie. „Ist der Unterricht gut, bleiben viele Störungen aus.“

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