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Plötzlich arbeitslos : Ein vernichtendes Gefühl

Jürgen Stock: „In der Wirtschaft wird betont, man brauche Erfahrung, ich glaube nicht, dass das ernst gemeint ist.“ Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Sie standen mitten im Beruf und waren gefragt. Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Drei Gespräche darüber, wie die Arbeitslosigkeit Menschen verändert.

          Jürgen Stock hat immer viel gearbeitet. „Zu viel“, wie er kritisch in der Rückschau sagt. Der Mann in klassischem Hahnentrittblazer mit Brille und konzentriertem Blick ist Physiker. Nach seinem Studium in Freiburg fand er eine Stelle bei einem Flugzeughersteller in Süddeutschland. Dort hat er Karriere gemacht, eine Zeitlang in Madrid gearbeitet und später in einem internationalen Team das technische Controlling aufgebaut. 18 Jahre lang war er Projektmanager. Um sechs Uhr verließ er die Wohnung und kehrte gegen 20 Uhr zurück, so sah der typische Arbeitstag aus - „da ist man einfach gebügelt“. Zeit für seine Frau und seinen Sohn blieb kaum, geschweige für sein Hobby Fotografieren. Inzwischen ist Stock geschieden. Irgendwann war das einfach zu viel, und er fühlte sich als ein Getriebener im vielzitierten Hamsterrad. Hinzu kam, so sagt er, dass die Abteilung chronisch unterbesetzt war. Seine Bitten nach mehr Mitarbeitern wurden abgewiesen. „Ich bin ins Burn-out gefallen.“

          Ursula  Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Er wollte andere Konditionen, doch sein Vorschlag, künftig auf 30 Stunden in der Woche zu reduzieren, wurde abgelehnt. Stattdessen schlug ihm der Arbeitgeber eine Kur vor. Das aber würde nicht reichen, um in einen vernünftigen Rhythmus zu finden, davon war Stock überzeugt. „Ich hatte die Abfindung schon auf dem Konto und beschloss, auszusteigen.“ Im Nachhinein würde er das nicht mehr so machen. „Das war schlecht vorbereitet, ich bin mit dem Abfindungsvertrag falsch beraten worden und hätte auf jeden Fall eine Alternative haben müssen.“ Drei Monate ging er in eine psychotherapeutische Klinik in seiner Essener Heimat. Wieder genesen, wollte er zurück in den Raum München, vor allem wegen seines Sohnes. Die Stellensuche gestaltete sich schwierig. „Die meisten Unternehmen rekrutieren Projektmanagement von innen heraus.“

          In der Therapie habe er gelernt, dass er sich „viel über den Job definiert und stabilisiert“ hatte und künftig Grenzen stärker erkennen und setzen sollte. „Die Bedingungen, unter denen ich arbeiten möchte, gucke ich mir genauer an.“ Zu sehr haben ihn „mangelnde Vorausschau und mangelnde Vorgaben“ seiner Vorgesetzten belastet. Der 54-Jährige ist skeptisch, was die Nachfrage nach älteren Arbeitnehmern anlangt: „In der Wirtschaft wird betont, man brauche Erfahrung, ich glaube nicht, dass das ernst gemeint ist.“ Damit meint er weniger die Frage des höheren Gehalts, sondern die Angepasstheit. „Menschen mit Erfahrung können sie schwerer führen, die müssen sie überzeugen.“ Er sei jemand, der kritisch nachfragt, wenn ihm Ungereimtheiten auffallen. „Ich lese die Papiere auch, die auf meinem Schreibtisch landen.“ Jürgen Stock engagiert sich bei den Piraten. „Ich spiele mit dem Gedanken, Politik nicht nur ehrenamtlich zu machen.“ Es klingt nüchtern, wenn er seine Freundin zitiert. „Sie sagt: ,Du hast dich nie unterkriegen lassen.‘“

          Melitta Sauer: „Man gehört plötzlich zu einer Randgruppe.“
          Melitta Sauer: „Man gehört plötzlich zu einer Randgruppe.“ : Bild: Andreas Müller / F,A.Z.

          Dass sie nach Studium und Zusatzausbildung einmal auf Hartz IV angewiesen sein würde, hätte sich auch Melitta Sauer nie vorstellen können. „Man gehört plötzlich zu einer Randgruppe, viele empfinden Scham“, sagt die Psychotherapeutin. Nach dem Studium in Konstanz ist sie durch ihren Freund nach Bayern gekommen. Zunächst arbeitete sie in einem Münchener Institut, haderte aber mit zu vielen unbezahlten Überstunden. Das änderte sich, als sie eine Anstellung in einer psychosomatischen Klinik am Starnberger See fand. Sieben Jahre lang erfüllte die sinnvolle Tätigkeit sie mit Freude. „Wir hatten einen sehr guten Patientenschlüssel und keine Massenabfertigung.“ Die Arbeitsbedingungen waren gut, die wirtschaftliche Situation war es nach einer Gesundheitsreform nicht mehr. Die kleine Klinik ging in Konkurs. „Ich wurde quasi unverschuldet arbeitslos.“

          Das war bitter, die Krise hatte sich zwei Jahre lang abgezeichnet, die Angestellten hofften, bangten, „wir engagierten uns nach Kräften“. Geholfen hat das Melitta Sauer nicht. Übrig blieben drei Psychologen, sie als Jüngste und Kinderlose wurde als Erste entlassen - sie hatte zu wenig Sozialpunkte. Die Zeit hat die damals 41 Jahre alte Singlefrau in unguter Erinnerung. „Das war ein Oberstress und fast erleichternd, als endlich Klarheit herrschte.“ Unter dem Druck gab sie die Promotion auf, die sie in Psychoonkologie begonnen hatte. Plötzlich hatte sie finanzielle Probleme, verlor nicht nur an Selbstvertrauen, sondern auch an Status und bekam eine erste Ahnung davon, „dass der Kampf um die eigene Würde“ sie fortan begleiten würde. „Durch die Insolvenz des Arbeitgebers haben wir unsere Gehälter nicht mehr bekommen, das war schlimm.“ Sie fragte in ihrer Bank nach einem Kredit und musste sich dort anhören: Warum haben Sie keinen reichen Patienten geheiratet? Das Institut hat sie gewechselt, noch heute schüttelt sie den Kopf über den dummdreisten Kommentar.

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