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Osteuropäische Kräfte : Pflegekollaps unter deutschen Dächern

Hohe Dunkelziffer: Ein Großteil der aus Osteuropa kommenden Pflegekräfte arbeitet schwarz, so schätzt es der Verband für häusliche Betreuung und Pflege. Bild: dpa

Hunderttausende Frauen aus Osteuropa betreuen deutsche Senioren zu Hause. Hier berichten sie von monatelangen Dauereinsätzen ohne Urlaub, von schlaflosen Nächten und Überforderung bis zum Zusammenbruch. Kontrollen: Fehlanzeige.

          Wenn es zu Hause allein nicht mehr geht, ziehen Julia, Kristina oder Irina ein. Die Betreuerinnen aus Osteuropa kümmern sich rund um die Uhr und kosten kein Vermögen. Hauptsache, Oma oder Opa muss nicht ins Pflegeheim. So entscheiden sich Hunderttausende Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Doch gesprochen wird darüber kaum. Denn ein Großteil der Frauen ist schwarz beschäftigt oder arbeitet im Graubereich. Manche Betreuerinnen fühlen sich um ihren Lohn betrogen und schuften bis zur Erschöpfung, zeigen Recherchen der F.A.Z. Der Politik ist lange bekannt, dass es mit der „24-Stunden-Pflege“ Probleme gibt. Wissenschaftler und Gewerkschaftsvertreter bemängeln, dass sie zu wenig unternimmt.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          2,9 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland, drei Viertel von ihnen werden zu Hause versorgt. Wie viele Frauen aus Polen, Kroatien oder Ungarn dabei im Einsatz sind, ist erstaunlicherweise nicht bekannt. Zwar zählt Deutschland jede Banane und jedes Stück Fleisch, das die Grenzen passiert, doch eine Statistik zu den Betreuungskräften existiert nicht. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege schätzt, dass in rund 400.000 Haushalten Osteuropäerinnen beschäftigt sind – und 90 Prozent schwarzarbeiten. Wer sich rechtlich nicht in die Grauzone begeben will, wendet sich gern an einen deutschen Anbieter, der die Betreuerinnen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Doch selbst in diesem, am besten geregelten Bereich gibt es Fälle wie den von Kristina.

          Kristina (Name geändert) hatte im früheren Jugoslawien als Akademikerin einen sicheren Arbeitsplatz. Doch dann drohte der ergrauten Frau plötzlich die Arbeitslosigkeit und sie stieß auf eine Facebook-Anzeige, über die sie zum Mannheimer „Ihr Team 24 Pflegedienst“ vermittelt wurde. Sie sagt, sie habe weder einen Mitarbeiter ihres Pflegedienstes noch die Familie, in der sie arbeiten sollte, persönlich kennengelernt, als sie im Herbst 2016 in einen Kleinbus in Richtung Deutschland stieg, in dem schon sechs andere Frauen saßen. Es folgte eine Odyssee, die sie bislang in fünf deutsche Familien führte. Kristina, die nach eigenen Angaben rund 1000 Euro netto verdient, berichtet von Nächten ohne Schlaf, von achtmonatigem Dauereinsatz ohne Urlaub, davon, dass sie sich mit den schweren medizinischen Problemen der alten Menschen überfordert fühlte. „Ich war so müde, ich war nicht einmal in der Lage, im Internet zu recherchieren, welche Rechte ich habe.“

          „Den Frauen wird erst im Nachhinein klar, dass sie nicht mehr kranken- und rentenversichert sind“

          Ein Auszug der Deutschen Rentenversicherung zeigt, dass Kristina im Sommer, als sie Urlaub in ihrer Heimat machte, von der Rentenversicherung abgemeldet wurde. Bernadett Petö, die in Dortmund im Gewerkschaftsprojekt „Faire Mobilität“ Arbeitnehmer aus Osteuropa berät, hat von solchen Vorwürfen häufiger gehört. Ihr Verdacht: „Offenbar drückt sich der Arbeitgeber da um die Zahlungen, zu denen er verpflichtet ist. Den Frauen wird erst im Nachhinein klar, dass sie nicht mehr kranken- und rentenversichert sind“, sagt die Juristin. Wenn sie nicht noch eine Krankenversicherung in ihrer Heimat nachweisen können, würde die deutsche Krankenversicherung Hunderte Euro nachfordern, nachdem der Arbeitgeber die Zahlungen eingestellt hat.

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