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Personalvermittlung : Rechtsberater auf Zeit

  • -Aktualisiert am

Ich habe nicht die Glühbirne erfunden: Olaf Schmitt Bild: Agata Skowronek

Olaf Schmitt vermittelt Anwälte auf Zeit. In Amerika, Holland oder Großbritannien heueren Kanzleien ganz selbstverständlich „project lawyers“ an. Für deutsche Kanzleien ist das noch eine ungewohnte Idee. Schmitt wünscht sich mehr Konkurrenz.

          Eine Studentengruppe auf WG-Suche würde dankend abwinken beim Anblick dieser Wohnung. Im vierten Stock unter dem Dach liegen die Büroräume von Per Conex, ein paar düstere Zimmerchen, ein schmaler Flur, niedrige Decken. "Wir sind sehr glücklich hier", strahlt Olaf Schmitt. Die Lage seines Büros sei ein Erfolgsfaktor seiner Personalvermittlung. Sein Büro liegt im Herzen von Frankfurt, zwei Minuten entfernt von der Einkaufsmeile Zeil. "Ich bin schnell bei meinen Kunden", berichtet Schmitt. "Und Sie glauben nicht, wen man hier alles so auf der Straße trifft."

          Per Conex ist eine Zeitarbeitsvermittlung für Rechtsanwälte. Wenn eine Kanzlei eine Unternehmenstransaktion betreut, so Schmitts Idee, braucht sie für kurze Zeit eine Schar von Juristen, die sich durch Aktenberge arbeiten. Und ist das Projekt abgeschlossen, können die ausgeliehenen Berater anderswo eine "Due Diligence" bearbeiten.

          Personalberater und Headhunter für Juristen gibt es in Deutschland viele. Auch die großen Zeitarbeitsfirmen führen in ihren Karteien Kandidaten für rechtliche Aufgaben. Aber Rechtsanwälte als Zeitarbeitskräfte, das ist für die Kanzleien noch eine ungewohnte Idee. Viele beschäftigen zwar für ihr internes Wissensmanagement "Professional Support Lawyers" - aber auf Dauer. Unter Zeitarbeitern stellen sich viele Berater eine Schreibkraft vor, die ihre Post sortiert, keinen Anwalt.

          Kann das nicht jemand anders machen?

          "Ich habe aber nicht die Glühbirne erfunden. Ich habe nur ein Personalkonzept, das anderswo sehr gut funktioniert, nach Deutschland gebracht", sagt Schmitt. In den Vereinigten Staaten, Holland und Großbritannien heuerten die Kanzleien ganz selbstverständlich "project lawyers" für Transaktionen an. Schmitts Geschäftsidee beruht auch auf seiner Erfahrung als ehemaliger Großkanzlei-Anwalt. "Wenn ich damals für einen Unternehmenskauf 20 Leitz-Ordner mit Mietverträgen durchblättern musste, habe ich mich oft gefragt: Kann das nicht jemand anders machen?" Die Lösung entdeckte Schmitt in den "Projekt Lawyers", und nach gut vier Jahren als Anwalt machte er sich 2005 mit seiner Idee selbständig - zunächst auf eigene Faust. Inzwischen hat Per Conex drei Berater, zum Jahreswechsel kommt ein vierter hinzu.

          Aber Schmitts Klientel ist schwer zu knacken. Anwälte sind vorsichtig bei der Wahl ihrer Berater. Sie zieren sich, Unbekannte für ein paar Monate für sensible Projekte anzuheuern. Als klassische Individualisten haben viele ihre Arbeitsabläufe auch gar nicht so weit standardisiert, dass ein Außenseiter sofort einsteigen könnte. Zudem wittern die Kanzleien in den Anwalts-Zeitarbeitern ein Haftungsrisiko und eine Gefahr für ihr Image und ihre Qualitätsstandards. Insofern schadet es schon einmal nicht, dass Olaf H. Schmitt einen Doktortitel mitbringt.

          Zurückhaltende Kunden

          Die Liste seiner Kunden umfasst gut 35 mittelständische Büros und Großkanzleien - allerdings würde wohl keine Sozietät ihren Namen gerne im Internet lesen. Drei bis vier Projektanwälte vermittelt Schmitt jeden Monat, das reicht natürlich nicht, mögen die Büroräume noch so günstig sein. Per Conex betätigt sich daher auch als klassischer Personalvermittler für Anwälte und Bürokräfte. "Finanziell habe ich den Stand, den ich als Anwalt vorher auch hatte", sagt Schmitt. Wenn er die Arbeitsbedingungen der Anwälte sieht, bedauert er seinen Ausstieg nicht: "Erst arbeiten Sie sich kaputt, um Partner zu werden. Dann arbeiten Sie sich kaputt, um diesen Status nicht zu verlieren." Denn bei allem Argwohn gegenüber der Zeitarbeit schauen die Kanzleien auch auf die Kosten. Es ist günstiger, einen Projektanwalt Akten durchleuchten zu lassen als den eigenen Nachwuchs, der erstens dafür überqualifiziert ist, zweitens davon genervt ist und drittens dafür Jahresgehälter um die 80 000 Euro kassiert. Sein Konzept komme auch zunehmend bei den Rechtsabteilungen an, berichtet Schmitt. Sie können die Projektanwälte gebrauchen für Schwangerschaftsvertretungen oder wenn das Budget in arbeitsreichen Zeiten keine neue Festanstellung erlaubt.

          "Leider haben wir aber nicht genug Konkurrenz", klagt der gebürtige Frankfurter. "Das Konzept Personalvermittlung muss man niemandem erklären, das Konzept Projektanwälte schon." Schmitts Kandidaten sind Doktoranden, die erste Berufserfahrung sammeln wollen, ältere Anwälte, die sich nicht vom Beruf trennen wollen, und Selbständige mit eigener Ein-Mann-Kanzlei. Letztere kommen nicht immer freiwillig zu Per Conex: Der Dienstleister profitiert von der Menge der Jungjuristen ohne "Prädikat", die in etablierten Kanzleien nicht Fuß fassen und in die Selbständigkeit fliehen. Sie verdienen sich mit den Einsätzen ein Zubrot. "Als Projektanwalt reichen zwei solide Examina, gute Englischkenntnisse und Berufserfahrung in einer Kanzlei", sagt Schmitt.

          Von wegen Klebeeffekt in der Zeitarbeit

          Vom Klebeeffekt der Zeitarbeit ist in seinem Feld aber wenig zu spüren. Wer vier Monate an einer Übernahme mitgearbeitet hat, wird noch lange nicht selbst übernommen. Darauf macht Schmitt seinen Bewerbern keine große Hoffnung. "Aber sie bekommen ein gutes Zeugnis. Und es wird viel leichter, sie auf das nächste, vielleicht noch bessere Projekt zu vermitteln."

          Von der Finanz- und Konjunkturkrise, die vor allem die Zeitarbeitsbranche hart trifft, spürt Per Conex noch wenig. "Würde ich nicht Zeitung lesen", sagt Schmitt, "hätte ich von der Krise nichts gemerkt." Der ein oder andere Auftrag sei kassiert worden, aber er sei an ein volatiles Geschäft gewohnt. Manches zunächst dringende Projekt schwelt über Monate oder scheitert. Die nötige Geduld kann der 39-Jährige in seiner Freizeit üben: Er ist Kommunalpolitiker und sitzt im Kreisvorstand der FDP im Hochtaunus.

          Quelle: F.A.Z.

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