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Outing im Büro : Positiv trotz HIV

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Thilo Christ hat sich geoutet: „Es ist traurig, aber wäre ich Lehrer oder Bauarbeiter, hätte ich mich vermutlich ganz anders verhalten.“ Bild: Matthias Lüdecke / F.A.Z.

78.000 Menschen in Deutschland sind mit dem HI-Virus infiziert und die meisten arbeiten. Viele haben Angst, Kollegen und Chefs davon zu erzählen. Tun sie es, gibt es manche Überraschung.

          Tobias Müller* lügt seine Kollegen nicht an, wenn er nach einem Wochenendtreffen bei der Aids-Hilfe montags ins Büro kommt. Er lässt bloß einen Teil der Wahrheit weg. Seine Kollegen denken, dass er sich ehrenamtlich bei der Aids-Hilfe engagiert. Niemand soll wissen, dass er selbst HIV-positiv ist. Müller sagt: „Im Büro lege ich meine HIV-Identität ab. Hier bin ich ein anderer Mensch.“

          Müller war 29 Jahre alt, als er erfuhr, dass er HIV-infiziert ist. Das ist sechseinhalb Jahre her. Aufgefallen war die Infektion zufällig, als er für eine Blutspende routinemäßig auf HIV getestet wurde. Draußen drückte die Augustsonne auf die Stadt. Müller taumelte vom Krankenhaus, in dem zwei Ärzte ihm gerade seine Diagnose mitgeteilt hatten, ins nächste Internet-Café. Er tippte „Aids“ in die Suchmaschine und brach zusammen, nachdem er die ersten Einträge gelesen hatte.

          Zwei Tage später erzählte er seinem damaligen Freund von der Krankheit. Der war ebenfalls HIV-positiv und der einzige ihm nahestehende Mensch, dem Müller seine Krankheit jemals anvertraute. Bis heute wissen weder Müllers Familie noch sein bester Freund Bescheid und schon gar nicht seine Kollegen. Die, glaubt Müller, seien schon damit überfordert, dass er schwul ist. Er hat Angst davor, offen mit seiner Infektion umzugehen. Er fürchtet sich vor Ausgrenzung und glaubt, dass die Kollegen hinter seinem Rücken tuscheln würden. Einmal im Monat fährt Müller übers Wochenende nach Berlin, um sich dort mit anderen Infizierten zu treffen. Montags im Büro lässt er dann lieber die anderen vom Wochenende erzählen.

          Jeder Vierte wird im Unternehmen diskriminiert

          Etwa 78.000 Menschen in Deutschland sind wie Tobias Müller HIV-positiv. Rund zwei Drittel davon arbeiten in Voll- oder Teilzeit. Laut einer Umfrage der Deutschen Aids-Hilfe hat etwa jeder Dritte von ihnen seinen Vorgesetzten oder Kollegen von der Infektion erzählt. Die Reaktionen darauf waren ganz unterschiedlich: 45 Prozent gaben an, dass Arbeitgeber und Kollegen sie unterstützen und sich jetzt beispielsweise häufiger danach erkundigen, wie es ihnen geht. Jeder Vierte erklärte aber, dass er seit dem Outing im Unternehmen diskriminiert werde: Manche werden gemobbt, andere von den Kollegen ignoriert und beispielsweise von gemeinsamen Mittagessen oder einem Feierabendbier ausgeschlossen. 29 Prozent stellten nach ihrem Outing kein verändertes Verhalten bei Vorgesetzten und Kollegen fest. Von den Geouteten, die im vergangenen Jahr ihren Arbeitsplatz verloren haben, geht fast die Hälfte davon aus, dass die HIV-Infektion der Grund dafür war.

          Erlaubt ist das nicht, denn eine HIV-Infektion ist kein Kündigungsgrund. Das deutsche Arbeitsrecht schützt HIV-Infizierte aber auch nicht explizit vor Diskriminierung. Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wird die Infektion nicht gesondert erwähnt. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt stärkte aber erst vor kurzem die Rechte HIV-positiver Arbeitnehmer. Im Dezember vergangenen Jahres entschied es zu Gunsten eines Angestellten, dem während der Probezeit aufgrund seiner HIV-Infektion gekündigt worden war.

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