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Ortsunabhängigkeit : Immer schön flexibel bleiben

TUI-Vorstandschef Fritz Joussen (links) und Konzernbetriebsratschef Frank Jakobi auf der „Mein Schiff“ in Hamburg Bild: Henning Bode

Jeder kann arbeiten, wo und wann er will: Das führt der Touristikkonzern TUI gerade ein. Die Mitarbeiter müssen sich an die Freiheit erst gewöhnen.

          Fritz Joussen ist ein vielbeschäftigter Mann. 170 Tage im Jahr ist er unterwegs, das bringt seine Position als Vorstandsvorsitzender des Touristikkonzerns TUI so mit sich. Natürlich hat er noch ein Büro in der Konzernzentrale in Hannover, aber darauf könnte er auch dankend verzichten. Ein Tisch irgendwo in einem Großraumbüro würde ihm reichen, sagt der großgewachsene Manager, er arbeite ohnehin überall, wo er gerade sei. Auch hier auf seinem neuen Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 1“, das an diesem sonnigen Tag im Mai seiner Taufe harrt. Zwischen den Terminen verdrückt er sich mal eben in die Lounge, um einige E-Mails zu bearbeiten, dann geht es weiter.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Für einen Manager von seinem Kaliber ist das nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist allenfalls die grenzenlose Gelassenheit, mit der er es tut. Fritz Joussen ist ein Mann mit eigener Zeittaktung, da trifft es sich gut, dass er seinen Kunden keine Aktenkoffer, sondern Urlaub verkauft. Ungewöhnlich ist allerdings auch, dass jetzt viele seiner rund 10 000 Mitarbeiter in Deutschland so flexibel arbeiten sollen.

          Nein, Fritz Joussen ist kein Freund des Taylorismus, von Stechuhren hält er nicht viel. Er bringt das auf eine einfache Formel: „Das Wichtige ist: die Individualität zuzulassen. Das wirkt bei vielen extrem leistungssteigernd.“ Gemeinsam mit dem Konzernbetriebsratschef Frank Jakobi hat er ein „Zukunftspapier“ entwickelt, das der ausgequetschten Formel der „flexiblen Arbeit“ etwas Kontur verleihen soll. Es trägt den vielsagenden Untertitel: „eine gemeinsame politische Agenda“. Darin steht zum Beispiel: „Uns ist wichtig, dass die Ergebnisse stimmen, und nicht, wie lange jemand am Schreibtisch sitzt. Wer gute Ideen besser zuhause oder im Café hat, der soll ohne schlechtes Gewissen dort über eine neue Strategie nachdenken oder die Präsentation erstellen.“ In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob das ein riesiger Marketing-Gag ist – oder ob es den Konzern radikal verändert.

          Denn die Wahrheit ist auch: Manager reden immer gerne von flexibler Arbeit, doch vieleGewerkschaftsvertreter und Betriebsräte ergreift dabei das kalte Grausen. Nicht weil sie eine Schwäche für starre Strukturen haben, sondern weil von der Flexibilität mitunter nicht viel übrig bleibt. In ihren Ohren klingt „flexible Arbeit“ verdächtig nach „viel Arbeit“ – und das auch noch nach Regeln, die dann doch nur wieder allein das Management bestimmt. Von echter Flexibilität, der eigenständigen Einteilung von Arbeit, wann und wo ein Mitarbeiter dies möchte, ist dann nicht viel übrig. Und noch schlimmer: Im Zweifel ist damit gemeint, dass das Management ganz flexibel die eine oder andere Abteilung aus dem Unternehmen ausgliedert.

          Bedenken gibt es einige

          Das weiß auch Konzernbetriebsratschef Jakobi und damit derjenige, der die flexible Arbeit nun seinen Kollegen in der Zentrale und in unzähligen TUI-Reisebüros schmackhaft machen soll. Kein leichtes Unterfangen. Bedenken gibt es einige aus dem Weg zu räumen, wenn nicht mehr die Zeit, sondern nur noch die Ziele zählen: „Die Kernfrage bei der Ermittlung der Ziele ist: Wie hoch wird die Latte angelegt, über die ich springen muss?“ So mancher fürchtet, sich plötzlich in einem Olympia-Team wiederzufinden. Schauen Kollegen und Chef schief, wenn man nach zehn Stunden Arbeit nach Hause geht? „Da gibt es schon Ängste, wenn es gar keine Regeln mehr gibt“, sagt Jakobi.

          Das weiß auch der Chef Joussen: „Eine große Sorge der Mitarbeiter ist, dass sich das Management nicht schnell genug verändert. Da ist die Befürchtung: Die wollen eben doch, dass alle im Büro sitzen.“ Dann ist es schnell vorbei mit der schönen Idee, dass Mitarbeiter der Kinder wegen schon um 15 Uhr nach Hause gehen können, wenn sie sich abends noch einmal an die Projekte setzen.

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