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Ständige Erreichbarkeit : „Dauerstress schädigt das Gehirn“

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Was passiert bei Burnout im Gehirn? Selbst die versierteste Mediziner wie Thomas Südhof wissen es nicht ganz genau. Bild: Jens Gyarmaty

Der Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof spricht im Interview über die Risiken von Smartphones und ständiger Erreichbarkeit. Wann macht uns Arbeit krank?

          Herr Südhof, Sie haben vor zwei Jahren den Medizin-Nobelpreis erhalten. Gerade haben Sie in Berlin den Limes-Kongress über Burnout besucht. Gehört Burnout zu Ihren Themen?

          Das Thema meines Lebens sind die Synapsen im Gehirn und wie sie miteinander kommunizieren. Dabei untersuchen wir in Stanford auch, was im Gehirn bei psychischen Leiden passiert.

          Können Sie uns das erklären?

          Nein. Es ist leider so, dass wir das menschliche Gehirn noch nicht verstehen. Es ist einfach zu komplex. Wir wissen aber, dass das Gehirn sich ständig umbaut. Jeder neue Lernprozess verändert, wie die Billionen Nervenzellen miteinander reden. Bei Burnout läuft die Kommunikation falsch. Wir sprechen dann von einer Fehlanpassung an neue Anforderungen. Die gute Nachricht ist: Der Prozess ist umkehrbar, man kann umlernen.

          Wie funktioniert das?

          Ich persönlich weiß nicht, welches die beste, erfolgreichste Therapie ist, da ich kein Psychiater bin. Am sinnvollsten erscheint es mir, den Menschen dahingehend zu therapieren, dass er seinen Lebensstil ändert. Es wundert mich nicht, dass viele Menschen an Burnout erkranken, wenn man sich anschaut, wie wir heute leben. Immer hängen wir an den Smartphones, haben sie überall dabei. Schauen sie, meins steckt hier in der Brusttasche, obwohl ich es doch heute auf dem Kongress hier gar nicht brauche.

          Warum sind die Smartphones so schädlich für unsere Psyche?

          Mein normaler Menschenverstand sagt mir: Es kann auf Dauer nicht gut sein, so zu arbeiten, wie viele es heute tun. Wir sind über die Smartphones nie mehr unerreichbar, nie außer Dienst. Wir stehen per Mail quasi minütlich im Kontakt zu unserer Arbeit, zu unserer Familie. Diese Dauerbelastung führt zu chronischem Stress, der den Menschen und sein Gehirn verändert. Dauerhaftes Leben auf der Überholspur kann nicht gutgehen.

          Was sollte man tun bei Burnout?

          Eine Verhaltenstherapie und Stressbewältigungskurse sind sicher sinnvoll. Vor allem aber haben wir unseren gesunden Menschenverstand, und der hilft uns.

          Und was sagt der uns?

          Dass wir uns Pausen, Auszeiten gönnen müssen.

          Was meinen Sie damit?

          Alles, was den Geist ablenkt, uns die Arbeit vergessen lässt. Das kann Sport sein, Yoga, ein gutes Buch oder Musik. Jeder, der Tennis spielt, Fußball oder Klavier, weiß: Konzentriere ich mich auf den Ball oder die Noten, kann ich meine Aufmerksamkeit nicht auf etwas anderes lenken. Das ist eine Art erzwungene Meditation. Ich koppele mich vom Tagesgeschehen ab, komme aus dem krank machenden kommunikativen Kontext heraus.

          Sollten wir Regeln aufstellen? Keine Mails nach 20 Uhr mehr lesen?

          Das muss jeder für sich herausfinden. Ich selbst schalte um 20 Uhr alle elektronischen Geräte aus und erst nach dem Frühstück wieder an.

          Dann sind aber sicherlich Dutzende Mails aufgelaufen.

          Das macht nichts. Lieber bearbeite ich sie alle nacheinander und lege dann wieder eine Pause ein, als den ganzen Tag lang ununterbrochen ein paar zu bearbeiten.

          Viele schalten abends den Fernseher ein, um abzuschalten.

          Ich habe keinen Fernseher, kann da also nur bedingt mitsprechen.

          Sie besitzen keinen Fernseher?

          Ich bin ein äußerst nervöser Mensch, fernsehen würde das nur noch schlimmer machen. Ich brauche Ruhe. Wir alle brauchen Ruhe. Multimediale Berieselung, ob am Fernseher, iPad oder iPhone, ist keine Abkoppelung vom Alltag, sondern eine schlechte Gewohnheit. Zu lange zu arbeiten ist übrigens eine andere.

          Die Betroffenen sagen, sie schaffen ihren Job sonst nicht...

          Ich sehe das bei mir im Labor in Stanford. Ich habe da 40 Mitarbeiter, die leben zum Teil im Labor. Die muss ich stoppen, regelrecht nach Hause schicken. Wenn man acht Stunden oder zehn produktiv gearbeitet hat, ist die elfte nicht mehr produktiv. Das bringt nichts, dann leidet die Qualität.

          Sind wir alle burnoutgefährdet?

          Manche kommen mit unserem Lebensstil gut klar, für viele bedeutet er Stress. Wenn dann noch äußere Faktoren dazukommen, kann es zu einer seelischen Krise kommen. Eine überbordende Arbeitsmenge ist ein Risikofaktor. Wenig Anerkennung, kaum Einfluss auf das Arbeitspensum, ein Mangel an Teamgefühl, ständige Erreichbarkeit und Existenzängste auch. Aber im Gehirn muss zusätzlich etwas schieflaufen, so dass der Mensch mit den Belastungen nicht mehr umgehen kann.

          Sind Manager besonders gefährdet?

          Die Anfälligkeit ist sicherlich höher, wenn die Person eine hohe Verantwortung trägt. Taxifahrer oder Fabrikarbeiter sind tendenziell weniger gefährdet. Auch Hausfrauen leiden übrigens häufig an Burnout. Die Arbeit mit kleinen Kindern ist anstrengend, die Verantwortung hoch, die Wertschätzung der Arbeit in der Gesellschaft aber eher gering.

          Ist Burnout eine Modeerscheinung, die vom nächsten Volksleiden abgelöst wird?

          Burnout ist keine Modeerscheinung. Die Frage ist, wie man das seelische Leiden bezeichnet - früher sprach man von Melancholie.

          Und vor 100 Jahren litten alle an Neurasthenie, Erschöpfung. War dies das Gleiche?

          Nein. Psychische Leiden sind immer ein Spiegel der Zeit. Neurasthenie war ein reines Phänomen der Oberschicht. Von denen hatte niemand physische Sorgen. Oder nehmen sie die Hysterie, noch 100 Jahre früher. Warum waren plötzlich alle Frauen hysterisch? Weil es für die Frauen das einzige Ventil war, um ihrer Unterdrückung und Entmündigung Luft zu machen. Die Frauen haben damals in Verhältnissen gelebt, die wünscht sich kein Mensch zurück. Das Problem unserer Zeit ist die permanente Kommunikation, der wir ausgesetzt sind.

          Online in Südkorea : Kampf gegen Smartphone-Sucht

          Das Gespräch führte Bettina Weiguny

          Quelle: Dies sind Auszüge aus einem Interview, das am 4. Oktober 2015 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erscheint.

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