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Nachwuchssorgen : Der Justiz gehen die Juristen aus

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Krawatte müssen im Gericht alle tragen. Viele Juristen tun dies mittlerweile aber lieber als Angestellte einer Großkanzlei und scheuen das Amt als Richter oder Staatsanwalt. Bild: dpa

Immer weniger Juristen wollen Richter werden, die Privatwirtschaft zahlt besser. Die Gerichte müssen ihre Anforderungen an die Bewerber deshalb herunterschrauben. Und fürchten nun um die Qualität.

          Die Justiz hat ein Nachwuchsproblem. „Bei uns im Bezirk des Oberlandesgerichts Hamm mussten wir die Einstellungshürde auf ein glattes Befriedigend herabsetzen“, sagt der Direktor des Bielefelder Amtsgerichts, Jens Gnisa. Die Zensuren, die Gerichte und Staatsanwaltschaften von Bewerbern verlangen können, sinken immer weiter, bedauert Gnisa, der auch stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Richterbunds ist. „Und dabei können wir noch nicht einmal alle freien Stellen besetzen.“

          Aber um die Qualität zu wahren, könne man nicht noch niedriger gehen. Auch wenn er fürchtet, dass in den neuen Bundesländern in absehbarer Zeit schon ein Ausreichend genügen wird. Denn dort stehe eine „gigantische Pensionierungswelle“ ins Haus. Eine wichtige Ursache dafür dürfte die materielle Basis sein. Gnisa erklärt es am eigenen Beispiel: „Als ich vor 25 Jahren in der Justiz anfing, verdiente man als Richter mehr als ein Anwalt in einer guten Kanzlei.“ Das habe sich mittlerweile völlig umgedreht. Top-Kanzleien zahlen selbst Berufseinsteigern mehr als 100.000 Euro im Jahr.

          Ein Frischling in Richterrobe kommt dagegen nur auf 3235,12 Euro monatlich, wenn er im Saarland startet; in Bayern, das am anderen Ende des Besoldungsspektrums steht, sind es immerhin 4070,02 Euro. Ist er Mitte 30, verheiratet und hat zwei Kinder, sind es 4627,50 Euro an der Saar und 5001,39 Euro im Freistaat. Da könnte sich allerdings noch etwas bewegen: Im Frühjahr will das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob ein Sold wie etwa im Saarland selbst in Zeiten knapper Kassen noch standesgemäß ist.

          Für Familienväter attraktiver als die Großkanzlei

          Die Zeiten, als Richter und Staatsanwälte nachmittags auf dem Golf- oder Tennisplatz vermutet wurden, seien auch lange vorbei, versichert Gnisa: „Die Arbeitslast ist deutlich angestiegen.“ Aber täglich bis 22 Uhr wie in Großkanzleien müssten die Robenträger noch immer nicht an den Akten sitzen. Auch die Unabhängigkeit sei groß, wirbt der Standesvertreter: „Mir hat noch nie jemand versucht, in ein Urteil reinzureden.“ Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf nutzten zunehmend auch die Männer. Auch über die technische Ausstattung will er nicht meckern. Der Zugriff auf juristische Datenbanken sei inzwischen selbstverständlich. Und als Verkehrsrichter könne man sich mittlerweile dank Google-Maps manchen Ortstermin sparen.

          Die Justiz muss als Arbeitgeber mit diversen Branchen konkurrieren. So gibt es im öffentlichen Dienst nicht nur rund 20.000 Richter und 5000 Staatsanwälte, sondern auch geschätzte 35.000 Verwaltungsjuristen, die beispielsweise die Rathäuser und die Ministerien von Bund und Ländern bevölkern. Zirka 25.000 Paragraphenkenner finden sich in der Wirtschaft, fast 155.000 tragen eine Anwaltsrobe. Doch bekommt die Justiz auch Nachschub aus einer ziemlich unerwarteten Ecke – den Großkanzleien.

          Thomas Nagel hat nach dreieinhalb Jahren seinen Job in der internationalen Sozietät Osborne Clarke an den Nagel gehängt; jetzt fängt er als Amtsrichter in Leverkusen an. „Schon im Referendariat hat mir die Arbeit am Gericht viel Spaß gemacht, und in die Arbeit in der Anwaltskanzlei bin ich damals eher reingerutscht“, sagt er. Dort hatte er seine Wahlstation verbracht, und noch vor der mündlichen Prüfung zum Zweiten Staatsexamen bekam er von der Kölner Kanzlei das Angebot dazubleiben. „Wow“, dachte er bei dem Gehalt – und fand die Beschäftigung mit großen Mandaten im Finanzaufsichtsrecht auch richtig spannend.

          Niemand muss am Hungertuch nagen

          Irgendwann fragte sich Nagel dann aber doch, ob das auf lange Sicht seine Lieblingsperspektive ist. Ein Grund: Künftig will er „stärker juristisch“ arbeiten. Im Anwaltsberuf standen dagegen oft wirtschaftliche Fragen im Vordergrund – von der Kanzleiorganisation bis zur Akquise neuer Mandanten. Auch freut er sich auf eine selbstbestimmte Tätigkeit. Vom ersten Tag an wird der Jurist am Amtsgericht eine eigene Abteilung haben; ohne direkten Vorgesetzten, der ihm reinreden könnte. Als Proberichter sei er zudem viel weniger festgelegt, könne in viele Bereiche reinschnuppern.

          Über die bessere Absicherung im öffentlichen Dienst hat Nagel dagegen nach eigenem Bekunden nicht nachgedacht. „Mit zwei vollbefriedigenden Examen im oberen Bereich würde ich wohl auch sonst einen guten Job finden“, sagt er selbstbewusst. Dass er in der Justiz weniger verdienen wird und seinen Lebensstandard auf die Probe stellen muss, hat ihm dagegen schon ein wenig Kopfzerbrechen bereitet.

          „Aber am Hungertuch nagt man dort auch nicht“, tröstet Nagel sich. Zumal die Pensionsansprüche sicherer scheinen als in der Privatwirtschaft und weder Renten- noch Arbeitslosenversicherung zu zahlen sind. Und man muss das Monatsgehalt auf den Stundenlohn umrechnen, denn die Arbeitsbelastung in einer Großkanzlei liege doch höher als am Gericht. Ein Einzelfall ist er mit seiner Entscheidung jedenfalls nicht: Im Assessment Center, durch das ihn die Justiz geschleust hat, traf er zwei weitere Anwaltskollegen wieder, die er noch aus dem Referendariat kannte.

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