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Mindestlohn : Naht das Ende der Generation Praktikum?

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Schule, Uni, dann ein Praktikum nach dem anderen. So stellte man sich die Generation Praktikum einst vor. Ist das bald Geschichte? Bild: ddp

Demnächst sollen Praktikanten den Mindestlohn bekommen. Das könnte das Ende der „Generation Praktikum“ bedeuten, glauben Experten. Oder aber das Aus für die meisten Praktika.

          Seit Jahren klagen Gewerkschaften und Betroffene, Unternehmen nutzten Praktikanten als billige Mitarbeiter aus. Damit könnte nun bald Schluss sein. Denn Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) plant einen Mindestlohn von 8,50 Euro - auch für Praktikanten.

          Zwar gibt es Ausnahmen: So fallen etwa Pflichtpraktika während des Studiums nicht unter die Mindestlohnregel; genauso wenig Praktika, die maximal sechs Wochen dauern. Aber: Für junge Menschen, die nach dem Studium ein Praktikum machen, gelten die Ausnahmen nicht. Sie dürfen sich auf 8,50 Euro Stundenlohn freuen - so sehen es Nahles’ Pläne vor.

          Steht das Ende der „Generation Praktikum“ an? „Im Prinzip wäre das einschlägig“, sagt Boris Schmidt von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Er hatte im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung 2011 die sogenannte Generation Praktikum untersucht. Seine Ergebnisse damals: Rund 16 Prozent der Hochschulabsolventen machten nach dem Studium ein Praktikum. Bei denjenigen, die Schmidt befragte, dauerte es durchschnittlich vier bis fünf Monate. 40 Prozent bekamen kein Geld, der Rest verdiente durchschnittlich 3,77 Euro pro Stunde.
          Die Mindestlohn-Pläne von Nahles würden Schmidt zufolge einen Wandel einläuten. „Das wäre eine dramatische Veränderung, und viele Organisationen können sich das, denke ich, auch nicht leisten.“ Schmidt sieht darin durchaus ein Problem - auch für die Absolventen. Denn viele von ihnen werden weiterhin an Praktika interessiert sein, ist er überzeugt.

          Das Praktikums-Angebot könnte sich ausdünnen

          Eine jüngere Untersuchung der Personalberatungsfirma Clevis und der Online-Jobbörse Absolventa kommt auf durchschnittlich 748,25 Euro monatliches Praktikantengehalt. Befragt wurden 7500 Menschen, die gerade ein Praktikum absolvieren oder schon mal eines gemacht haben. „Gerade Unternehmen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, steigern die Bezahlung für Praktikanten kontinuierlich“, resümiert die Studie. Die meisten Praktikanten seien mit ihrem Gehalt auch zufrieden. Die Autoren meinen: Ein Mindestlohn ginge auf Kosten der Studenten und Absolventen, da viele Unternehmen künftig wohl gar keine Praktika mehr anbieten würden.

          In dieselbe Kerbe schlägt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). „Unsere Position ist, dass die Studiengänge immer noch zu wenig praxisorientiert sind“, erklärt Irene Seling, die bei der BDA für berufliche Bildung zuständig ist. „Es gilt, diese Defizite zu kompensieren. Dafür sind freiwillige Praktika gut.“ Die Forderung der Arbeitgeber: Nahles sollte freiwillige Praktika nach dem Studium vom Mindestlohn ausnehmen. Wenn es schon eine zeitliche Obergrenze geben müsse, dann sollte die bei sechs Monaten und nicht - wie vorgesehen - bei sechs Wochen liegen.

          Ganz anders sieht das der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). „Wir sprechen bei den 8,50 Euro pro Stunde nicht von einem Luxus-Tarif, sondern von einer kaum Existenz sichernden Lohnuntergrenze“, erklärt Vorstandsmitglied Reiner Hoffmann. Praktikanten nach dem Studium vom Mindestlohn auszunehmen, ermögliche Lohndumping. Wer sein Studium beendet habe, sei für das Arbeitsleben qualifiziert. „Junge Menschen dürfen nicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden.“

          Ein Fonds für Praktika?

          Die Hans-Böckler-Stiftung sieht in einem aktuellen Rechtsgutachten zudem die Gefahr, Ausnahmen vom Mindestlohn könnten verfassungswidrig sein - etwa weil sie Menschen wegen ihres Alters diskriminierten. Der Mindestlohn sei gewissermaßen als gesetzlich fixierte Sittenwidrigkeitsgrenze zu verstehen, heißt es in dem Gutachten.

          Der „Generation Praktikum“-Autor Schmidt spricht sich ebenfalls für einen Praktikanten-Mindestlohn aus: „Es ist ganz bestimmt fair, für Arbeit auch Geld zu geben.“ Er sorgt sich allerdings, dass dies das generelle Aus für Praktika nach Studienabschluss bedeuten könnte. Deshalb schlägt er einen öffentlichen Fonds vor, aus dem etwa gemeinnützige Organisationen oder der öffentliche Dienst unterstützt werden könnten, um weiterhin Praktikanten zu beschäftigen. Aber: „Das sollte natürlich nicht für die Organisationen gelten, die sich Praktikanten zum Mindestlohn leisten können.“ Noch sind Vorschläge wie diese Zukunftsmusik. Nahles’ Gesetzentwurf muss es erst durch den Bundestag schaffen. Im Herbst sollen dann noch die Länder im Bundesrat zustimmen.

          Quelle: DPA

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